Handy-App "Jodel" : Das Twitter für Studierende

Seit 2014 wird vor allem an Hochschulen via App "gejodelt". Um Klausuren und Vorlesungen geht es in den anonymen Beiträgen aber selten.

Sophie Krause
Happy Yodeling! Takeo Ischi ist Japans berühmtester Jodler, der in Deutschland lebt. Würde er nicht im Berliner Wintergarten auftreten, wäre Takeo Ischi ein hervorragendes Maskottchen für die Jodel-App.
Happy Yodeling! Takeo Ischi ist Japans berühmtester Jodler, der in Deutschland lebt. Würde er nicht im Berliner Wintergarten...Foto: imago/APP-Photo

Wenn Medien über einen neuen Netztrend berichten, dann ist das meistens ein sicherer Indikator dafür, dass der Trend bald vorbei ist. Doch die App „Jodel“ übersteht seit ihrem Erscheinen Ende 2014 beharrlich alle Berichterstattung. Bei vielen jungen Menschen, vor allem aber bei Studenten, scheint sich die App im Alltag etabliert zu haben.

Jodel will eine Art Campus-Twitter sein. Auf der Plattform kann man anonyme Kurzbeiträge absetzen, die im Umkreis von zehn Kilometern sichtbar sind. Der Name ist angelehnt an den Jodler, den man im Tal hören, aber nicht sehen kann. Auf den ersten Blick teilen die Jodler vor allem Alltagsweisheiten („Eigentlich ist Kaffee ja auch nur Wasser mit Bohnengeschmack“), lokale Informationen („Signalstörung Ring Höhe Bundesplatz“) und Fotos von ihrem Essen. So weit, so alltäglich.

Die erste Version von Jodel floppte

Die Anwendung wurde erstmals unter dem Namen „tellM“ von dem Aachener Studenten Alessio Borgmeyer und drei Freunden entworfen – und floppte. Borgmeyer riskierte einen Neuanfang mit einer überarbeiteten Version, die er „Jodel“ taufte. Genaue Zahlen zu Nutzern will das Unternehmen nicht nennen, sondern erklärt, die Downloads der App hätten die Millionenmarke nach einem Jahr geknackt. Auf Facebook folgen Jodel rund eine Million Menschen.

Da die Jodler anonym sind, weiß niemand, wie viele andere Nutzer gerade in seinem Umfeld aktiv sind. In Berlin gibt es offensichtlich viele aktive Jodler, denn tagsüber laufen im Minutentakt neue Beiträge ein. Je größer die Stadt, berichten Teilnehmer, desto aktiver wird gejodelt.

Theoretisch können Nutzer überall auf der Welt jodeln. In Deutschland, Österreich, in der Schweiz, in Frankreich, Italien, Spanien und Skandinavien sowie im mobile-affinen Saudi-Arabien betreibt das Unternehmen eigene Social-Media-Kanäle, um Beiträge zu teilen, und pflegt seine Community. Weitere Rollouts seien nicht derzeit nicht geplant, sagt ein Sprecher des Start-ups.

80 Prozent der Nutzer sollen Studierende sein

Ursprünglich ging es den Machern darum, Studenten auf dem Campus zu vernetzen, etwa um ausfallende Vorlesungen und Einladungen zu Uni-Veranstaltungen zu teilen. Nutzer können auf Beiträge antworten und diese „upvoten“ oder „downvoten“. Anders als bei Facebook und Twitter gibt es keine Herzchen oder Likes für Beiträge, sondern ein Votingsystem. Besonders „laute“ Jodel erhalten hunderte Bewertungen.

Vor allem junge Erwachsene zwischen 18 und 26 Jahren nutzen Jodel. 80 Prozent von ihnen sollen Studenten sein. Sie zeichnen auf der Plattform App ein kleines digitales Spiegelbild ihrer ziemlich normalen Generation, die Prüfungsgespräche verschläft und von den Eltern beim Sex überrascht wird. In der Jodel-Timeline reihen sich emotionale Fragen („Würdet ihr jemandem ‚ich liebe dich‘ sagen, wenn ihr wüsstet, dass es nichts ändern würde?“) an witzige Beiträge („Notiz an mich: Ein heißes Backblech sieht genauso aus wie ein kaltes Backblech“).

Wer auf Jodel postet, kann mit scherzhaften Kommentaren rechnen, aber auch mit konstruktiven Antworten. Etwa wenn ein Jodler fragt, ob die süßen Hefeteilchen „Pfannkuchen“, „Berliner“ oder „Krapfen“ heißen.

Fäkalhumor und Klosprüche sind typisch

Typisch für Jodel ist allerdings der Hang zum Fäkalhumor und zu Klosprüchen. Einzelne Unterkanäle, in denen sich Jodler zu bestimmten Themen wie Ausgehtipps oder Berufsgruppen-Beichten austauschen, sollen Ordnung in die Plattform bringen. Um eine angemessene Diskussionskultur zu bewahren und Mobbing zu verhindern, prüfen Moderatoren und Admins die Beiträge und Meldungen der Jodler.

Gerade weil junge Menschen auf der Plattform überwiegend unter ihresgleichen sind, scheint die App bei dieser Zielgruppe so gut zu funktionieren. Die Möglichkeit, sich anonym und sehr lokal auszutauschen, gefällt vielen Nutzern. Das minimalistische Sharepic-Design und die überschaubaren Features machen die App zu einem Gegenentwurf zu Facebook. Seit Längerem wenden sich Jugendliche von Facebook ab, beklagen den rauen Umgangston in den Kommentarspalten und Facebooks Datensammelwut. Zudem ist Facebook längst kein Jugendphänomen mehr. Dass sich auch Eltern, Großeltern und Lehrer tummeln, stört viele Jugendliche. Einige von ihnen scheinen neben Snapchat und Instagram nun bei Jodel ihre neue Heimat gefunden zu haben.

In Mainz wurde einem Obdachlosen über Jodel geholfen

Etwas haben Jodel und andere soziale Netzwerke allerdings gemeinsam: Die Nutzer haben in der Regel ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis. Die App berührt den Drang vieler Menschen, zu allem was sagen oder meinen zu müssen, zumal die Hemmschwelle zum Posting im Schutze der Anonymität sehr niedrig ist. Erkennbar sind sogar gewisse Regelmäßigkeiten: Abends tauschen sich Jodler über ihre Einschlafprobleme aus, morgens teilen sie ihren Frust über Acht-Uhr-Vorlesungen und Körpergerüche in der U-Bahn. Die Jodel-Community hat außerdem Alleinstellungsmerkmale entwickelt, wie bestimmte Insider-Witze, eigene Begriffe und etliche Abkürzungen.

Der Reiz des Jodelns besteht wohl auch darin, einen möglichst erfolgreichen Jodel abzusetzen, der viele Upvotes bekommt, häufig kommentiert wird und bestenfalls in anderen sozialen Netzwerken geteilt wird. Durch einen Button können Nutzer ihre Beiträge direkt als Spruchbild weiterleiten und auf Facebook posten. Dadurch und durch persönliche Empfehlungen anderer Jodler wächst das Netzwerk.

Einigen Beiträgen gelang es sogar, Menschen außerhalb der Plattform zu mobilisieren. Als ein junger Mann aus Mainz von einem Obdachlosen berichtete, mit dem er sich im Krankenhaus ein Zimmer geteilt hatte, begannen andere Jodler, für den Bedürftigen Geld, Kleidung und Möbel zu spenden. Die Geschichte eines jungen Müncheners, der vor dem Haus seiner Freundin ausharrte, weil er sie dort mit einem anderen Mann vermutete, wurde auf Jodel zu einer Art LiveSoap-Opera, in der andere Nutzer ihm mit Ratschlägen zur Seite standen. Die besten Geschichten gibt eben das reale Leben her.

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