History-TV : Karl der Größte

Das dreiteilige Dokudrama über den Krieger und Frauenhelden, Reformator und Regenten läuft zunächst am Samstag auf Arte. Ins Erste kommt es am 1. Mai

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So viel Zeit muss sein. Karl (Alexander Wüst) hat auch ein Privatleben. Hier verführt er Hildegard (Alma Hasun), die später seine Frau wird. Treue ist des Kaisers Stärke nicht.Foto: WDR
So viel Zeit muss sein. Karl (Alexander Wüst) hat auch ein Privatleben. Hier verführt er Hildegard (Alma Hasun), die später seine...Foto: © taglicht media

Manches, was man vom frühen Mittelalter zu wissen glaubt, ist wohl mit Vorsicht zu genießen, aber eines ist sicher: Der „Vater Europas“ muss fest im Sattel gesessen haben. Buchstäblich. Karl der Große war ein Reisekönig, und da sein fränkisches Reich dank zahlreicher, meist siegreich geführter Feldzüge immer größer wurde, hat der Mann weite Strecken zurückgelegt. Er sei insgesamt „mehr als ein Mal um den Erdball geritten“, wird im Dokudrama „Karl der Große“ behauptet. Folgerichtig sehen wir dort Hauptdarsteller Alexander Wüst, ein 1,95 Meter großer Hüne mit einer eindrucksvollen, rauchigen Stimme, häufig zu Pferde, fast immer finster dreinblickend und manchmal sein Schwert in die Körper eines Sachsen oder Langobarden versenkend.

Ist er zu Fuß unterwegs, dürfen auch hübsche Frauen nicht fehlen. Karl hatte 18 Kinder und neben fünf Ehegattinnen zahlreiche Mätressen. Diese Lebensart – weniger die Eigenschaft, das Christentum auf überaus blutige Weise auszubreiten – nahmen ihm fromme Zeitgenossen übel. Dass der im Jahr 800 von Papst Leo III. zum römischen Kaiser gekrönte Karl in der Hölle schmore, wo ihm ein Ungeheuer an den Geschlechtsteilen nage, sei nach seinem Ableben als Gerücht im Umlauf gewesen, berichtet Dame Jinty Nelson, eine Historikerin vom ehrwürdigen King’s College in London. Auf „Reenactment“ (nachgestellte Spielszenen) aus der Hölle hat die deutsch-österreichische Koproduktion trotz erheblichen Aufwands dankenswerterweise verzichtet.

Knapp ein Jahr vor dem 1200. Todestag des bedeutenden Herrschers, der am 28. Januar 814 in Aachen gestorben war, eröffnet der WDR in Koproduktion mit Servus TV und Arte das Jubiläumsrennen. Das Dokudrama von Gabriele Wengler, das zu einem hohen Anteil aus Spielszenen besteht, wird dabei in den nächsten Tagen gleich in drei Fassungen zu sehen sein: heute als insgesamt 156-minütiger Dreiteiler bei Arte, als 90-Minüter im Ersten (1. Mai) und als Zwei-StundenVersion bei Servus TV am 9. Mai, an dem in Aachen der Karlspreis an die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite verliehen wird. Lässt sich eine solche Geschichte eigentlich in beliebig vielen Versionen erzählen? Scheint so.

Der Blick in den Aachener Dom mit der erhaltenen achteckigen Kapelle der ehemaligen karolingischen Kaiserpfalz ist natürlich Pflicht, doch insgesamt sind nur wenige Zeugnisse aus jener Zeit erhalten. Umso mehr Historikerinnen und Historiker sind am Start, was wissenschaftlich ausgewogen, aber im Fernsehen auch etwas verwirrend ist.

Der Clou bei den Spielszenen ist, dass hier Karls Biograf aus dem 9. Jahrhundert, der fränkische Gelehrte Einhard, als Erzähler auftritt. Einhard, der selbst 20 Jahre am Hofe Karls des Großen gelebt hatte, diktiert seinem Gehilfen Passagen für das Buch „Vita Karoli Magni“. Schauspieler Peter Matic, die deutsche Synchronstimme von Ben Kingsley, gibt dem eine persönliche, humorvolle Note, irgendwo zwischen Märchenonkel und mittelalterlichem PR-Strategen. Der Kommentar aus dem Off nimmt dem Film jedoch jeden Anflug von Leichtigkeit und wiederholt oft nur das, was gespielt oder von Historikern gesagt wurde.

Leider wird auch erst im letzten Drittel deutlich, nach bis dahin ermüdend vielen Schlachten und politischen Winkelzügen, dass Karl der Große mehr war als ein kriegerischer König, der sein Herrschaftsgebiet nach dem Motto „Taufe oder Tod“ auszuweiten verstand. Plötzlich und unvermittelt wird aus dem Finsterling ein Mann, der sich freundlich über das Schulpult eines Kindes beugt. Denn Karl hatte umfassende Reformen befohlen, vom Gartenbau bis zum Bildungswesen. Erst komme das Wissen, dann das Tun, habe seine Maxime gelautet, heißt es nun. Das klingt für einen, der als Wegbereiter Europas gepriesen wird, auch deutlich sympathischer.

„Karl der Große“; Arte, drei Teile, 20 Uhr 15; ARD, 1. Mai, 18 Uhr 30; Servus TV, 9. Mai, 20 Uhr 15

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