Knackige Geschichten : Von Gefangenen für Gefangene

„Der Lichtblick“: In der Haftanstalt Berlin-Tegel wird Deutschlands größte Knastzeitung produziert.

Jutta Schütz
8500 Exemplare ist durchschnittliche Auflage des „Lichtblicks“.
8500 Exemplare ist durchschnittliche Auflage des „Lichtblicks“.Foto: dpa

Chefredakteur Vito war früher Finanzbuchhalter und muss noch etliche Jahre absitzen. Mesut denkt auch nachts in der Zelle über Artikel nach. Für Timo ist die Arbeit an der Zeitung eine Berufung. Und Ralf freut sich, wenn Mitinsassen auf die neue Ausgabe lauern. Die vier Strafgefangenen im Männergefängnis Berlin-Tegel sind zugleich Redakteure von Deutschlands größter Gefangenenzeitung, die „Der Lichtblick“ heißt. 8500 Hefte erscheinen mindestens viermal im Jahr. Bundesweit ist es die einzige unzensierte Gefangenenzeitung, wie die Berliner Senatsverwaltung für Justiz hervorhebt.

Der studierte Kultur- und Sozialwissenschaftler Timo, verurteilt wegen Wirtschaftsdelikten, sagt: „Wir denken mit der Zeitung darüber nach: Wie muss der Strafvollzug sein, damit wir zu besseren Menschen werden?“ Es gebe viel zu kritisieren: zu wenige Sozialarbeiter, abgeschaffte Wohngruppen im größten Männergefängnis Deutschlands, zu viel Wegschluss in den Zellen, schlechte Stimmung, zu wenige Resozialisierungsangebote, Spannungen mit Bediensteten.

Die Redaktion machte vor kurzem auch eine Unterschriftensammlung der „Knackis von Tegel“ öffentlich. Die Forderung an Berlins Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) war ein ungewöhnlicher Hilferuf: „Verwahren Sie uns nicht nur, sondern bitte helfen Sie uns!“ Timo in der roten Trainingsjacke bringt es auf den Punkt: „Wir geben den Gefangenen eine Stimme. Und wir öffnen die geschlossene Welt nach draußen.“ Der Name der Zeitung, die seit 1968 erscheint, ist bis heute Programm.

In den zur Redaktion umgebauten Zellen stehen die Schreibtische dicht aneinander. Ausweichen kann man sich hier nicht. Bücherregale reichen bis unter die Decke. Die Druckmaschine läuft unüberhörbar eine Etage tiefer. Die Gefangenen-Redakteure kampieren noch als Einzige in der maroden Teilanstalt III aus dem 19. Jahrhundert, die mit Zellen Tür an Tür, langen Fluren und Metalltreppen als Kulisse für alte Gefängnisfilme gut taugen würde.

Die Zeitung beschreibt nicht nur den Knastalltag. Die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) schrieb einen Gastbeitrag über Resozialisierung, Anwälte kommen zu Wort, Anlaufstellen für die erste Zeit in Freiheit werden genannt. Anwälte bieten ihre Dienste an.

Nach Angaben des Vereins Freiabonnements für Gefangene gibt es bundesweit etwa 60 Gefängniszeitungen. Das erste Blatt dieser Art erschien demnach 1880 in New York City. Laut Verein genehmigte 1925 das preußische Justizministerium den „Leuchtturm“ als erste deutsche Zeitung von Gefangenen.

Er werde bald aus der Redaktionsgemeinschaft ausscheiden, da er auf den offenen Strafvollzug hoffe, sagt der 41-jährige Timo. Doch bis dahin sitze er hier jeden Tag. Zehn, zwölf Stunden seien normal, nicken alle. „Da verflüchtigt sich auch schnell der Neid von Mitgefangenen auf unsere selbstständige Arbeit“, sagt Mesut, 40, Vater zweier Töchter. Ihre vollen oder richtigen Namen möchten sie nicht nennen – sie denken an die Zeit nach dem Knast. Mesut ist wie die anderen Autodidakt und über eine anfangs ehrenamtliche Mitarbeit in die Redaktion gekommen. Voraussetzung war die Zustimmung der Gefängnisleitung. Schreiben habe er schon immer gewollt, sagt Mesut. Das ist auch das Motiv von Ralf, dem gelernten Zimmermann. Seine Strafe wegen Betrugs endet 2017.

Die Redakteure haben einen bezahlten Arbeitsplatz und bekommen pro Tag 14,55 Euro. Ihren Chefredakteur haben sie gewählt. Dass sie ohne Aufsicht arbeiten dürfen, sei eine große Verantwortung, finden die Männer. „Wenn es hier ein Drogenversteck geben würde, wäre es der GAU. Wir wollen nicht, dass Mist gebaut wird“, fasst Timo zusammen. Sie seien gut vernetzt, sagt Chefredakteur Vito. Der 52-Jährige mit dem grauen Zopf erläutert, Informationen fürs Blatt kämen von Gefangenen und Bediensteten. „Bevor wir etwas aufgreifen, checken wir, ob das Hand und Fuß hat.“ Es gehe nicht um Krawall, sondern durchaus auch um Dialog mit der Gefängnisleitung – obwohl Insassen manchmal maulten, sie seien nicht hart genug.

Mit einem „Freiläuferausweis“ können die „Lichtblick“-Redakteure in dem großen Gefängniskomplex recherchieren und Tipps überprüfen. Als es einmal Beschwerden über verdorbenes Fleisch gab, wurde keine Geschichte daraus – es habe einfach nicht gestimmt, erzählt Timo. Ein großes Problem für sie sei, dass es keinen freien Internetzugang gebe und nur einige Seiten freigeschaltet seien.

Die Sprecherin der Berliner Justizverwaltung, Lisa Jani, sagt, es gebe noch keine überzeugende Lösung, um Missbrauch wie den Besuch von Pornoseiten komplett auszuschließen. Die Kommunikation mit der Außenwelt sei per Festnetztelefon und E-Mail möglich – aber beschränkt auf zugelassene Adressen. Etliche Papiere wie Gesetzesentwürfe müssten über Angehörige, Abgeordnete oder Anwälte beschafft werden, sagt Vito. „Wir wollen ja aktuell sein.“ Selbst in den USA oder Griechenland wird „Der Lichtblick“ von deutschen Gefangenen gelesen, verteilt über die Botschaften.

Hierzulande bekommt auch jeder Landgerichtspräsident das Heft, zudem wird es in andere Gefängnisse geschickt. Der Bezug ist kostenlos, der Verteiler über die Jahre gewachsen. Die meiste Resonanz gebe es aus Bayern – „weil da der Strafvollzug so restriktiv ist“, meint Ralf.

„Außer Nerven kostet uns ,Der Lichtblick‘ im Jahr rund 10 000 Euro“, sagt Lars Hoffmann scherzhaft. Dazu gehörten auch die Portokosten, sagt der langjährige Leiter der Sozialpädagogischen Abteilung in Tegel. Der jetzige Chef der Teilanstalt II hat sich lange mit um das Blatt gekümmert. Die Anstaltsleitung schreibe keine Themen vor – „das ist wichtig für die Gefangenen“, sagt der 47-Jährige. Er sieht auch eine Zukunft für das Blatt mit langer Tradition. Als die Zeitungsgründung im Zuge der Liberalisierung des Strafvollzugs zugelassen wurde, sei Berlin der Zeit weit voraus gewesen. Auch in der Verwaltung von Justizsenator Thomas Heilmann ist Lob zu hören. Im Statut war damals festgelegt worden, im „Lichtblick“ keine Straftaten zu propagieren und niemanden zu beleidigen. Danach verwalten die Redakteure auch ihr Budget selbst, die Räume seien presserechtlich geschützt. Das funktioniere bis heute.

Der größere Teil des Jahresetats von etwa 30 000 Euro wird über Spenden aufgebracht, Anwälte überweisen Geld ebenso wie Verwandte von Gefangenen, berichten die Redakteure. Auch Insassen seien mit beispielsweise zehn Euro dabei. Leserbriefe trudelten zu Hunderten ein. Der Anzeigenteil ist umfangreicher geworden. Dort suchen einsame Knackis nach Bekanntschaften. Auch die Rubrik „Sie sucht ihn“ ist zu finden. Die Redakteure sagen jedoch unisono: „Wir wollen nicht auf die Anzeigen reduziert werden.“ (dpa)

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