Komödie : Taubenvattas Glück

Axel Prahl als sympathischer Verlierer aus dem Kleine-Leute-Milieu: „Das Millionen Rennen“ bietet echten Ruhrgebietskitsch.

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Auf nach Südafrika. Ronny (Peter Lohmeyer) versucht Mathias (Axel Prahl, vorn) zur Teilnahme am „Million Dollar Race“ zu bewegen, beißt aber auf Granit. Foto: WDR
Auf nach Südafrika. Ronny (Peter Lohmeyer) versucht Mathias (Axel Prahl, vorn) zur Teilnahme am „Million Dollar Race“ zu bewegen,...Foto: WDR/Thomas Kost

Ins Callcenter passt Mathias Wengeler (Axel Prahl) so gut wie der grundehrliche Sparschrank-Kassierer aus der Eckkneipe in eine Investmentbank. Brav sitzt er da, ein gedrungener, geduckter Typ im hellblauen Hemd und mit akkurat gescheiteltem Haar, und versucht sich in Verkaufsgesprächen. Wengeler gibt sich Mühe, doch wenn er hört, dass das Geburtsjahr der potenziellen Kundin 1918 ist und nicht 1980, bricht er das Telefonat lieber ab. Sein junger Chef (schön fies: Christoph Schechinger) hat ihn auf dem Kieker, und zu Hause könnte die Stimmung auch besser sein. Denn dort muss es Gattin Rita (Beata Lehmann) gleich mit einem ganz Schlag voller Liz Taylors und Richard Burtons aufnehmen. So heißen die weiblichen und männlichen Zuchttauben, sie sind Wengelers große Leidenschaft.

Ruhrgebiet, Taubenzucht – schon klar, das ist Klischee pur. Der Fernsehfilm „Das Millionen Rennen“ ist eine Ruhrgebietskomödie der eher harmlosen Art, weder gallig noch subversiv. Dennoch machen der Bochumer Autor Benjamin Hessler und der Rheinländer Christoph Schnee (Regie) das einzig Richtige: Sie nehmen das Klischee ernst und erzählen eine Lebenswende-Geschichte, in der die Taubenschläge nicht nur Kulisse sind und die Allerweltstypen im Grunde überall leben könnten. Auch wenn mal die Kapelle am Grab „Der Steiger kommt“ spielt. Der Holsteiner Axel Prahl ein weiteres Mal als sympathischer Verlierer aus dem Kleine-Leute-Milieu ist zwar keine sehr originelle Besetzung, aber eine sichere Bank. Wie sich Wengeler abmüht, wie er sich mit Lügen und schlechten Scherzen über Wasser hält, wie er sich nur halbherzig wehrt und in sein Dasein als „Taubenvatta“ flüchtet – Prahl verleiht dieser tragikomischen Figur die notwendige Ernsthaftigkeit.

Die private Katastrophe ist absehbar: Bei den Wengelers häufen sich Rechnungen und Mahnungen, außerdem will die Stadt das Kinderheim schließen, in dem Rita arbeitet, doch den Brieftauben darf es an nichts fehlen. Rita ist genervt, denkt an Trennung. Tochter Dani (Luise Risch) hat die Streitereien der Eltern ohnehin satt. Und weil ein Unglück selten allein kommt, taucht auch noch Ronny Kowallek (schön schmierig: Peter Lohmeyer) auf. Der war schon in Kindheitstagen Mathias’ Rivale und hat ihm einmal den Sieg in einem Taubenrennen gestohlen – ein unvergessenes Trauma für den kleinen „Matze“. Nun will er ihn zur Teilnahme am bedeutendsten Taubenrennen der Welt in Südafrika überreden. Dem Sieger winken eine Million Dollar Preisgeld. Mathias hält das für Blödsinn, aber immerhin stellt Ronny die Tauben bei sich unter, was zu einer kurzfristigen Entspannung der Ehekrise beiträgt.

Nebenbei erfährt man so einiges über die Zucht der Vögel mit dem bis heute nicht entschlüsselten, erstaunlichen Orientierungssinn. Zum Beispiel dass der Schlag nicht dazu da ist, um die Tauben einzusperren, sondern um sie vor ihren Feinden zu schützen. Bleibt die Tür mal offen, kann das dem Marder zu einem – aus seiner Sicht – herrlichen Festmahl verhelfen. Im Film ist das blutige Massaker zum Glück nicht zu sehen, nur der Schauplatz danach, den die Szenenbildner allerdings recht überzeugend hergerichtet haben. Derart derb geht es sonst nicht zu, auch die Tauben sind erkennbar gut aufgehoben in Prahls für den Film geschulten Taubenvatta-Händen. Gedreht wurde außerdem eine Tauben-Auktion, was dem WDR Gelegenheit gibt, noch einmal Schimanskis „Hänschen“, den mittlerweile 72-jährigen Chiem van Houweninge, in einer Nebenrolle zu präsentieren.

Und schließlich geht es nach Südafrika, wo es das millionenschwere Rennen tatsächlich gibt und wo das Filmteam auch ein paar Szenen bei der Registrierung der über 4000 Brieftauben drehte. Hier gibt es keine schmuddeligen Holzverschläge, hier steigen die Züchter in einem Luxushotel ab. Und hoffen darauf, dass ihre Taube als erste den Weg zurück findet. Erst hier, weit entfernt von der vertrauten Umgebung, wächst Mathias über sich hinaus. Kann halt nicht schaden, auch mal rauszukommen aus der Heimat. Und dann wieder zurückzukehren. Wie die Tauben.

„Das Millionen Rennen“, Mittwoch,

ARD, 20 Uhr 15

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