Medien : „Kunst ist das neue Leitmedium“

Theorie war gestern: zu Gast bei Cornelius Tittel, dem neuen Chefredakteur von „Monopol“

Marc Felix Serrao

Cornelius Tittel erzählt gerne, wie er früh schon zur Kunst fand. Wie seine Eltern ihn mit 14 Jahren in ein Straßburger Museum schleppen und er dort eine zersägte Violine des Künstlers Arman sieht. Wie er danach zu Hause seinen besten Tennisschläger zersägt, was hinterher „total scheiße“ aussieht, ihn aber umso mehr fasziniert, denn „bei Arman sah es umwerfend aus“. Während andere Jungs erste Alkoholexzesse durchleiden und den Mädchen hinterherstottern, fängt der Sohn eines Richters und einer Volkswirtin an, in rheinischen Kunstgalerien zu arbeiten. Manches, was ihm damals in die Hände fällt und heute in seiner Kreuzberger Wohnung hängt, ist inzwischen viel Geld wert, wie das Triptychon der Konzeptkünstlerin Cosima von Bonin. Heute sagt er: „Kunst ist das neue Leitmedium.“

Wie sollte er auch nicht. Cornelius Tittel ist seit Januar Chefredakteur von „Monopol“, ein Heft von dem viele sagen, dass es nach nur drei Jahren heute das spannendste deutschsprachige Magazin über Kunst ist. Morgen erscheint die erste Ausgabe, die unter seiner Ägide entstanden ist. Kunst, sagt Tittel, sei inzwischen die kulturelle Währung Nummer eins, das zeige schon der anhaltende Käufermarkt, der weltweit immer neue Rekordpreise erziele und verpickelte Nobodys in Monaten zu Stars mache. Popliteratur? „Die machen nur noch business as usual.“ Auch der deutsche Film, findet er, habe an Relevanz verloren. Dann erzählt er noch, dass sogar Benjamin von Stuckrad-Barre sich neuerdings auf Ausstellungen rumtreibt. Den einstigen Vorzeige-Popautoren hat Tittel in der „taz“ mal als „Resteverwerter“ beschimpft.

Ein Stockwerk in Berlin-Mitte. Abgezogene Dielen, viel Weiß und Flachbildschirme, hinter denen ernst dreinschauende junge Menschen sitzen. Das Herausgeber-Ehepaar arbeitet hier, sechs Textredakteure und der frisch eingekaufte Chefredakteur. Tittel, gerade 30 geworden (vier Januartage, das betont er, war er ein 29-jähriger Chefredakteur), sitzt in seinem Büro und nippt an einer weißen Tasse Kaffee. Die weißen Regale hinter seinem weißen Schreibtisch sind noch leer, die einzigen persönlichen Dinge sind ein leerer Jutebeutel, der am Fenstergriff hängt, und eine halbleere Flasche „Botanic Water“. So wenig wie das Büro nach Chef aussieht, wirkt Tittel wie ein Chefredakteur. Vielleicht ist es die Höflichkeit. „Na!“, sagt er zur Begrüßung und guckt einen mit großen Augen an. Er redet leise, unterbricht sein Gegenüber nicht und steht auf, wenn jemand das Zimmer betritt.

Der vollständige Titel des Heftes, für das Tittel nun verantwortlich ist, lautet: „Monopol – Magazin für Kunst und Leben“. Es vermischt „auf neue Weise zeitgenössische Kunst, Kultur, Design, Mode und Themen des gehobenen Lifestyle“. Das steht zumindest auf der Homepage. Tittel erklärt das so: „Kunst ist bei uns auch Ausgangspunkt für große Gesellschaftsartikel und Reportagen.“ Es gehe weder ihm noch dem Herausgeberpaar Amélie von Heydebreck und Florian Illies darum, nur ein Heft von, über und für die Branche zu machen. Natürlich gibt es auch hier die großangelegten Bildstrecken der jungen Mal-, Video-, Foto- und Installationskunst. Aber auch Reportagen und Porträts, die, wie Tittel sagt, „so auch in ,Park Avenue’ oder ,Vanity Fair’ stehen könnten.“ Ein Beispiel? „Niemand scheint sich bis jetzt gefragt zu haben, wer den berühmtesten Hai der Kunstgeschichte gefangen hat, wer hat Damien Hirst den Hai besorgt, der mittlerweile zerfällt und kürzlich für acht Millionen Dollar an einen amerikanischen Hedge-Fonds-Manager verkauft wurde?“ Fragt’s und lacht wie ein kleiner Junge unterm Weihnachtsbaum. „Wir haben den Mann gefunden!“ Tittel zufolge ist es ein „Crocodile-Dundee-Typ“ der an der australischen Südküste lebt „und der uns, wenn wir Glück haben, mit auf eine Jagd nimmt“. Er ist sicher: „Den Text wird jeder gerne lesen.“

Woanders wäre so ein Text undenkbar. Woanders, das sind vor allem zwei Hauptkonkurrenten: die Zeitschrift „art“, die seit 1979 monatlich erscheint, und das anspruchsvolle, vierteljährlich erscheinende Theorieorgan „Texte zur Kunst“. Über „art“ sagt Tittel, dass es mit Tim Sommer zwar einen fähigen Chefredakteur hat, der Optik und Texte aufgefrischt habe. Die höhere Auflage des Gruner + Jahr-Konkurrenten erklärt er sich aber durch „viele Leser, die seit 25 Jahren dabei sind und schlichtweg vergessen haben, ihr Abo zu kündigen“. Lächelnd ergänzt er: „Da wollen wir natürlich auch mal hin.“ Die Berliner Zeitschrift „Texte zur Kunst“ sieht er indes nicht als Konkurrenz: „Das ist ein totales Insiderblatt für Theoriebegeisterte. Die Texte haben so viele Fußnoten, dass selbst hartgesottene Experten oft nach der ersten Artikelhälfte aussteigen.“ Was sie machen, machten sie gut. Es sei nur „ein völlig anderes Genre“.

Wer austeilt, muss einstecken können. Bei Tittels einstigen Arbeitsgebern „taz“ und „Welt am Sonntag“ erfährt man zuerst: Ja, der Junge hat einen Blick für Geschichten. Wie im vergangenen Sommer, anlässlich der Arno-Breker-Ausstellung in Schwerin. Viele haben es damals versucht, doch nur einer war offenbar nervig genug. Tittel erhielt als Einziger einen Interviewtermin bei den öffentlichkeitsscheuen Erben von Hitlers einstigem Lieblingsbildhauer. Ein „Scoop“, über den viele Kollegen hinterher noch lange und neidvoll redeten. Vor allem neidvoll. Ein eitler Gockel sei das. Einer, der ständig rumposaunt, wenn er wieder wichtige Leute kennengelernt hat. Ein freier Autor erinnert sich an eine Mail, in der sinngemäß gestanden habe: „Schau Dir Deinen Text noch mal an, vielleicht schaut er ja zurück.“ Ein anderer betont, dass Tittel nicht einmal studiert hat, zumindest nicht Kunst und nicht fertig.

Naja. Wer weiß, wie gerne Journalisten lästern, weiß auch, dass so viel Häme wie dieser junge Mann sie erntet, eines auf jeden Fall bedeutet: Was Cornelius Tittel anfasst, das fällt auf.

Cornelius Tittel, 30, ist seit 1. Januar Chefredakteur des neuerdings monatlich erscheinenden Kunstmagazins „Monopol“. Zuvor war er bei der „Welt am Sonntag“ und der „taz“ .

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