"Mainz bleibt Mainz" : TV-Fastnacht will auf "Charlie Hebdo" nicht verzichten

Während es in Köln keinen Karnevalswagen zum Anschlag auf "Charlie Hebdo" geben wird, wollen sich die Narren in Mainz im Fernsehen nicht den Mund verbieten lassen.

Oliver von Riegen
Der Kölner Karneval verzichtet auf einen umstrittenen Rosenmontags-Wagen, der den Anschlag auf das französische Magazin "Charlie Hebdo" satirisch aufgreifen sollte.
Der Kölner Karneval verzichtet auf einen umstrittenen Rosenmontags-Wagen, der den Anschlag auf das französische Magazin "Charlie...Foto: dpa

Die Fernsehfastnacht „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ ist seit 60 Jahren nicht nur ein Publikumsmagnet - sie ist auch ein Spiegelbild der Zeit. Während das Kölner Festkomitee nach dem islamistischen Anschlag auf das französische Satiremagazin einen „Charlie Hebdo“-Wagen gestoppt hat, wird die Traditionssendung aus Mainz das Thema wohl aufgreifen. Satire ist ein Kernanliegen der Narren: „Da die Mainzer Fastnacht gerade für freie Meinungsäußerung steht - wir lassen uns nicht den Mund verbieten -, ist das als Thema geradezu prädestiniert“, sagt Günther Dudek, Planer der Sendung für das SWR Fernsehen seit 1999 und Chef der Abteilung Land und Leute.

"Die politisch-literarische Fastnacht ist unser Markenzeichen"

Noch steht das Programm nicht, Dudek und SWR-Redakteur Norbert Christ schauen sich derzeit die Sitzungen der vier großen Mainzer Fastnachtsvereine an, um Favoriten auszuwählen. Schon zeichnet sich aber ab, dass mehrere politische Beiträge auf den Anschlag eingehen werden. „Gerade bei dem Thema sind die meisten so betroffen, dass sie sich untypischerweise bekennen“, sagt Norbert Christ, der die Sendung seit 2009 betreut. Untypisch, denn ein Bekenntnis wie hier „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“) ist selten. „Wir sind stolz auf unsere politisch-literarische Fastnacht. Das ist unser Markenzeichen“, sagt Dudek. Einer der beliebtesten Redner fehlt diesmal krankheitsbedingt: der „Bote vom Bundestag“ alias Jürgen Dietz.
Seit 1973 übertragen ARD und ZDF die Sendung im Wechsel. Die große Weltpolitik steht nicht unbedingt im Mittelpunkt in der Bütt. Meist geht es um Aufregerthemen in Deutschland, Rheinland-Pfalz oder Mainz.

Immer mal wieder geht es aber international zu. Zum Beispiel 2009, als Helmut Schlösser als US-Präsident Barack Obama auftrat („Diese Sitzung ist Eure Chance, den Wandel, the change, herbeizuführen. Dieser Wandel aber (...) kann nicht kommen, wenn ihr weiter so wenig trinkt.“) Der Irak-Krieg führte 1991 dazu, dass die Sendung ausfiel - ebenso wie der Rosenmontagszug.
Das Kölner Karnevals-Festkomitee entschied, in diesem Jahr auf einen „Charlie Hebdo“-Wagen im Rosenmontagszug zu verzichten, weil es eine Debatte um die Sicherheit gab. Auch die Mainzer sind sich bewusst, dass Risiken für die Sendung möglich sind. Ob es in diesem Jahr außer den Personenschützern für Politiker im Saal noch mehr Sicherheitsmaßnahmen geben wird, prüfen die Veranstalter noch.

Für einen "Charlie Hebdo"-Wagen hat die Zeit nicht gereicht

Beim Rosenmontagszug am 16. Februar sind die Terroranschläge zwar kein Thema, aber schon jetzt wurde bekannt, dass sich ein Wagen um die Glaubens-, Meinungs- und Pressefreiheit dreht. Der Anlass ist laut Mainzer Carneval-Verein (MCV) allerdings eine Debatte um Kabarettist Dieter Nuhr, der im vergangenen Jahr wegen islamkritischer Witze angefeindet worden war. Die Wagen brauchen Zeit - und der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ geschah erst im Januar.

Der Präsident des Mainzer Carneval-Vereins (MCV), Richard Wagner, sieht keinen Grund, auf das Thema in der Fastnacht zu verzichten.
„Wir sind fassungslos angesichts der verabscheuungswürdigen Tat in Paris, aber wir sind nicht sprachlos, das wäre das falsche Zeichen“, sagte er als Reaktion auf den Anschlag. Der MCV gehört zu den vier Vereinen, die „Mainz bleibt Mainz“ mitorganisieren. „Den Spaß oder die Freude des Lebens darf man auf keinen Fall verlieren“, betonte Wagner im November im dpa-Interview. Es werde immer Krisen geben. Die Redaktion von "Charlie Hebdo" hat unterdessen angekündigt, dass die Publikation zunächst unterbrochen werde. (dpa)


0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben