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Mediales Echo auf den Tod von Helmut Kohl : "taz" erst ohne und dann mit Taktgefühl

Online, Print, Fernsehen: Alle Medien greifen den Tod von Helmut Kohl auf. Nur die "taz" greift gründlich daneben - und entschuldigt sich

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Die Titelseite der "taz"-Ausgabe vom 17. Juni erntete heftige Kritik.
Die Titelseite der "taz"-Ausgabe vom 17. Juni erntete heftige Kritik.Screenshot: Tsp

Welches Medium auch immer, Online, Print oder Fernsehen, über den Tod von Helmut Kohl wurde am Freitag breit und vertieft berichtet. Die Schnelligkeit war dabei der Schnelligkeit eines Mediums geschuldet. Klar, die Online-Portale wie Spiegel Online oder Tagesspiegel.de, reagierten blitzeschnell, aber auch das Fernsehen ging sofort in den Breaking-News-Modus. Unter den Hauptprogrammen war das Erste mit einer "Tagesschau"-Ausgabe um 17 Uhr 59 vorneweg, die Nachrichtensender n-tv und N 24 und später auch Phoenix wurden Helmut-Kohl-Gedenkprogramme. Selbst die ARD-Dritten widmeten sich dem Thema, der WDR zum Beispiel sendete "Die lange Kohl-Nacht".

ARD und ZDF verzichteten zu großen Teilen auf die eigentlich geplanten Sendungen. Das Erste brachte nach der 20-Uhr-"Tagesschau" einen 45-Minuten-Beitrag "Zum Tode Helmut Kohls", das Zweite startete schon um 20 Uhr 12 "Zum Tode von Helmut Kohls - Kanzler der Einheit". Diese Sendung war mit 2,55 Millionen Zuschauer auch die besteingeschaltete zum Thema, mal abgesehen von den Nachrichten, bei denen die "Tagesschau" mit 4,03 Millionen Zuschauern vorne lag. Die besten Quoten abseits der Kohl-Würdigungen holten der ZDF-Krimi "Soko Leipzig" (3,43 Millionen) und die RTL-Show "Let's Dance" (3,32 Millionen). Die Zahlen für Unterhaltung, Nachrichten und Kohl-Porträts zeigen, dass der Freitagabend für viele Bundesbürger kein Fernsehabend war.

"Bild" will ganz vorne sein

Die Samstagsausgaben der Zeitungen widmeten dem Tod des früheren Bundeskanzlers Aufmachung und zahlreiche Sonderseiten: Nachrufe, Würdigungen. Fotos - kein politischer und auch persönlicher Aspekt sollte unbeachtet und unerwähnt bleiben. Die "Bild"-Zeitung wollte sich dabei und in der Verneigung vor Helmut Kohl von keiner Konkurrenz übertreffen lassen. Kai Diekmann, ehemaliger Chefredakteur und Herausgeber, schrieb eine Seite "Mein Freund Helmut Kohl" . Diekmann war Kohl zeitlebens eng verbunden bis hin zur Trauzeugenschaft bei Kohls Heirat mit Maike Richter.

Ungeheuer geschmackloser "taz"-Titel

Die größte Aufregung verursachte die "taz am wochenende". Auf dem Titel das Foto eines Meeres aus Blumen und Kränzen bei einem Staatsbegräbnis. Dazu die Überschrift "Blühende Landschaften", die ein Kohl-Wort verwendet. In das Foto zudem hineinmontiert ist eine Birne. Die "taz"-Geschmacklosigkeit blieb nicht ohne Resonanz. Bis Samstagmittag hagelte es mehr als tausend Kommentare, die meisten im Ton fassungslos über diese "Armseligkeit".

Andreas Hallaschka postete: "Man kann Zeitungen auch ohne Taktgefühl, Maß und etwas Anstand gestalten. Man darf sich dann aber nicht über die Verachtung wundern. In den kommenden Jahren haltet Ihr Euch mit moralischen Urteilen über die BILD bitte zurück." Joachim Lehmann schrieb : "Ich glaube, das Bild finden selbst die meisten Kohl-Kritiker geschmacklos und zum Kotzen." Nur wenige posteten wie Ralf Birliban: "Also ich fand Kohls Verhalten in der Spendenaffäre deutlich geschmackloser." Timm Klotzek twitterte: "Was für eine ekelhafte Seite1".

"taz"Chef entschuldigt sich

"taz"-Chefredakteur Georg Löwisch hält die eigene Titelseite zum Tod von Altkanzler Helmut Kohl mittlerweile für missglückt. „Die taz gestaltet ihre Titelseiten nach dem Prinzip „Lieber frech und frei als brav“. In diesem Fall ist das missglückt. Und das tut mir leid“, schrieb Löwisch auf taz.de. „Wenn ehemals Mächtige sterben, dann setzt häufig eine unkritische Verklärung ein. Der Leitsatz „Von den Toten nichts, wenn nichts Gutes“ führt oft genug auch zum unaufrichtigen Umgang mit dem Wirken eines Politikers. Mit unserer Titelseite zum Tod von Helmut Kohl haben wir versucht, einen Kontrapunkt zu diesem Effekt zu setzen. Das ging daneben.“ Und weiter schrieb Löwisch: „Ein Witz, der von so vielen falsch verstanden wird, ist schlecht. Unsere Seite eins, die von uns durchaus als kritische Würdigung des Altkanzlers gemeint war, ist anders angekommen: als Respektlosigkeit gegenüber dem Tod eines Menschen.“

Kohl-Hasser sollten sich an Manfred Rommel erinnern

Die Kohl-Hasser und Sympathisanten des "taz"-Titels mögen sich vielleicht an Stuttgarts Oberbürgermeister Manfred Rommel erinnern. Der CDU-Politiker hatte sich über den politischen und innerparteilichen Streit wegen der Grabstätte der RAF-Terroristen Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe nach deren Selbstmord hinweggesetzt und dem Trio ein Gemeinschaftsgrab auf dem Stuttgarter Dornhaldenfriedhof zugewiesen. "Mit dem Tod muss alle Feindschaft enden", hatte Rommel gesagt..

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