Musikmagazine : Auf der Suche nach dem Hit

Deutschlands größtes Musikmagazin „Intro“ feiert sein 20. Jubiläum. Doch der digitale Wandel macht der Branche zu schaffen.

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Vielleicht ist seine Kindheit in der niedersächsischen Provinz der Grund dafür, dass Matthias Hörstmann zum Musikexperten wurde. Rund um den Bauernhof, auf dem er aufgewachsen ist, war kaum was los, also hörte er Songs rauf und runter – und wurde zu einem solchen Kenner, dass er selbst ein Musikmagazin gründete: die „Intro“. 20 Jahre ist das jetzt her, inzwischen hat sich Hörstmann ein Imperium aufgebaut: Die Festivals „Melt“ und „Splash“ und das Fußballmagazin „11 Freunde“ gehören unter anderem zu Hörstmanns Unternehmensgruppe, die 100 Mitarbeiter in Köln und Berlin beschäftigt und 2011 einen Jahresumsatz von 23,5 Millionen Euro gemacht hat. Weil mit der „Intro“ vor 20 Jahren der Grundstein dafür gelegt wurde, wird jetzt gefeiert. Schließlich hat die Branche dazu derzeit nicht besonders oft Gelegenheit.

Während Plattenfirmen durch die kostenlosen, illegalen Musiktauschbörsen im Netz unter Druck stehen, müssen sich Magazine gegen kostenlose Websites mit Informationen zu Bands und Trends behaupten. Und das fällt den Blättern offensichtlich schwer: Die Verkaufszahlen fast aller Musikmagazine brechen ein, die Anzeigenerlöse sinken und im Internet laufen die Geschäftsmodelle erst langsam an. Hinzu kommt, dass der Markt in kostenlose Hefte und in Kaufmagazine aufgeteilt ist. Beide konkurrieren um Leser wie um Werbekunden. Das Berliner Gratisblatt „Uncle Sally’s“ hielt nicht mehr mit und wurde 2011 eingestellt. Die anderen Magazine kämpfen weiter.

Hörstmann hat die Marke „Intro“ über das Heft hinaus verlängert. Auch sein Blatt verliert an Auflage. Mit 8000 Heften ist er gestartet, 140 000 waren es 2007, inzwischen ist die Auflage wieder auf monatlich 122 000 Exemplare gesunken, aber damit ist die „Intro“ noch immer das größte Gratis-Musikmagazin Deutschlands. Seit dem Relaunch Ende 2010 steige die Auflage wieder, sagt Hörstmann, auch dank neuer Geschäftsfelder, der Fernsehsender Intro TV und Festivalguide TV, die im eigenen Onlinekanal PutPat.tv laufen. Mit Konzerten und Events hat sich „Intro“ weitere Standbeine geschaffen.

Die „Spex“ aus Berlin musste 2000, damals noch in München, Insolvenz anmelden, der Piranha Verlag übernahm. „Spex“-Projektleiter Jörg Sauer gibt seit dem Relaunch vor fünf Jahren als Maxime vor: Ausführliche Hintergrundgeschichten ins alle zwei Monate erscheinende Blatt, aktuelle Stücke auf die Webseite. Ein Konzept, das offenbar aufgeht. Rund 17 800 Exemplare verkaufte die „Spex“ laut Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) im vierten Quartal 2011, was einem Plus von 3,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal entspricht.

Die „Visions“ aus dem gleichnamigen Verlag in Dortmund war in den 90er Jahren mit fast 50 000 verkauften Exemplaren führend im Bereich Alternative Rock, jetzt sind es laut IVW noch 26 400 verkaufte Hefte. Auch der „Metal Hammer“ aus dem Axel-Springer-Verlag kämpft um Leser, rund 39 000 Exemplare verkaufte das Hardrockmagazin im vierten Quartal 2011 monatlich. Im Dezember übernahm Thorsten Zahn die Chefredaktion, optisch „moderner“ und „aufgeräumter“ soll „Metal Hammer“ werden, sagt Geschäftsführerin Petra Kalb.

Neue Chefs haben auch der vermeintliche Altherrentitel „Rolling Stone“ und der auf jüngeres Publikum ausgerichtete „Musikexpress“, die beide ebenfalls bei Springer erscheinen. Seit März leitet Sebastian Zabel, früher „Spex“, den „Rolling Stone“. Sein Vorgänger Rainer Schmidt hatte das Heft zu einem Kulturmagazin hin geöffnet – Maler Neo Rauch gestaltete ein Cover, Linken-Politiker Gregor Gysi schrieb eine Kolumne. Die Auflage war trotz der neuen Impulse nicht gestiegen, derzeit liegt sie bei etwa 51 300 verkauften Exemplaren. Dennoch soll die inhaltliche Öffnung fortgeführt werden. Den „Musikexpress“ führt seit Februar Severin Mevissen, der das Heft weiter auf Trends und elektronische Musik fokussieren und so die monatlich verkaufte Auflage von knapp 53 000 Exemplaren weiter steigern will.

Im Internet sind die Springer-Magazine der Konkurrenz allerdings einen Schritt voraus, Apple-Nutzer können die Titel über Apps kaufen.

Nicht nur die Springer-Titel müssen sich jedoch immer wieder kritische Fragen zu ihrer Unabhängigkeit gefallen lassen. Der „Intro“ wird vorgeworfen, dass Anzeigen- und redaktioneller Teil nicht immer klar getrennt wirken. Im aktuellen „Rolling Stone“ findet sich eine doppelseitige Anzeige von Bruce Springsteen, wenige Seiten später wird dessen neues Album zur „Platte des Monats“ gekürt. Große Anzeigen für große Geschichten? „Man kann unsere Berichterstattung nicht kaufen“, sagt Kalb.

Doch trotz dieser Probleme haben Musikmagazine Zukunft, sagt Musikwissenschaftler André Doehring von der Uni Gießen. Er veröffentlichte im vergangenen Jahr ein Transkript zum Thema Popmusikjournalismus. Die Magazine könnten in dem wenig übersichtlichen Musikmarkt Orientierung bieten, sagt Doehring. „Die Überlebensstrategie für die Hefte lautet, große, zeitlose Geschichten zu machen“, sagt Doehring. Und tagesaktuelle Themen auf die Websites zu packen. Auf intro.de gibt’s gerade nicht nur Kritiken zu den Alben von „WhoMadeWho“ und „Mouse on Mars“ , sondern anlässlich des Jubiläums auch Videos aus 20 Jahre Musikgeschichte – darunter Songs, die wohl schon auf Hörstmanns Hof der Hit waren.

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