Nach der Gewalt : Film über eine Opfer-Täter-Begegnung

„Schuld sind immer die Anderen“: Was geschieht, wenn Opfer und Täter wieder aufeinandertreffen? Ist das für das Opfer überhaupt auszuhalten?

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Zweite Chance. Ben (Edin Hasanovic) soll mit dem Leben gewaltfrei umgehen. Foto:SWR Foto: © SWR/Laura Schleicher
Zweite Chance. Ben (Edin Hasanovic) soll mit dem Leben gewaltfrei umgehen. Foto:SWRFoto: © SWR/Laura Schleicher

Eva wird überfallen. Zwei maskierte Männer stürzen in ihr Auto, als sie an einer Ampel wartet. Einer hält ihr ein Messer an die Kehle, durchsucht ihr Portemonnaie, steckt Familienfotos ein. Die Männer zwingen sie, zu einem in einer Seitenstraße gelegenen Geldautomaten zu fahren. Eva muss 500 Euro abheben, und als ihr die Scheine aus der zitternden Hand fallen, rastet einer der Täter aus, schlägt sie und tritt mehrfach auf sie ein. Eva bleibt auf der Straße liegen, die Männer rasen johlend mit ihrem Wagen davon.

Der Überfall wird nicht aufgeklärt, aber die Zuschauer wissen: Der Schläger ist Ben, ein beängstigender Junge, bei dem jede Hoffnung verloren scheint. Jeder Blick, jedes herausgepresste Wort signalisiert die Bereitschaft zur Gewalt. Wie Trophäen sammelt er die privaten Fotos seiner Opfer. Ben kommt in den Knast – und will dort schnell wieder raus. Er nutzt das Angebot, sich bei einer besonderen Einrichtung im freien Vollzug zu bewähren. Im „Waldhaus“ leben junge Straftäter mit einer Sozialarbeiter-Familie zusammen, es herrschen strenge Regeln und die Pflicht, sich den eigenen Taten zu stellen. Als die „Hausmutter“ von einer Kur zurückkehrt, ist Ben wie vom Donner gerührt: Es ist Eva, die er an drei hinter ihrem Ohr tätowierten Sternen erkennt. Eva wiederum weiß nicht, dass sie nun mit ihrem Peiniger unter einem Dach lebt.

Was geschieht, wenn Opfer und Täter wieder aufeinandertreffen? Ist es für das Opfer überhaupt auszuhalten in der Nähe des Menschen, der die persönlichen Grenzen so brutal und rücksichtslos überschritten hat? Der Film „Schuld sind immer die Anderen“ führt hinein in das schmerzhafte Zentrum all dieser Fragen, so intensiv, differenziert, reif und überzeugend, dass man mal wieder staunen möchte, was im Fernsehen bisweilen möglich ist. Und das vielleicht Erstaunlichste: Es ist sowohl für Drehbuchautorin Anna Maria Praßler, geboren 1983, als auch für Regisseur Lars-Gunnar Lotz, geboren 1982, das Langfilm-Debüt. Für Lotz war es der Abschlussfilm am Ende seines Studiums an der Filmakademie Baden-Württemberg.

Kriminalität, Gewalt von Jugendlichen, Resozialisierung, Haftbedingungen – das sind Themen, die auch an Stammtischen großes Erregungspotenzial haben. Praßler und Lotz gehen damit ausgesprochen souverän um. Keiner der Protagonisten muss billige Statements aufsagen. Weder gibt es eine weitere Handlungsebene neben dem „Waldhaus“, es gibt keine Politiker, Juristen oder Bürokraten. Noch gibt es einen Rückblick etwa auf die schwierige Kindheit des Täters. Der Film legt den Kern des menschlichen Dramas frei, erzählt aus der Perspektive beider Seiten, des Opfers und des Täters.

Erste offene Konfrontation zwischen Opfer und Täter

Dazu bedarf es hier nicht immer der Worte und Dialoge: In einer der wichtigsten Szenen bleiben Eva und Ben nahezu stumm. Eva hat herausgefunden, dass Ben der Täter ist. Ben ahnt bestenfalls, dass Eva misstrauisch geworden ist. Sie bittet ihn unter einem Vorwand zu einer gemeinsamen Autofahrt. Beide fahren am Tatort vorbei, halten an der Ampel, an der Ben Eva überfallen hat – schweigend. Dann hält Eva vor der Polizeiwache, bleibt in dieser ersten offenen Konfrontation zwischen Opfer und Täter ebenfalls stumm. Julia Brendler und Edin Hasanovic spielen überaus eindrucksvoll die Hauptrollen. Brendler als verletzte, auch in ihren Idealen verunsicherte Sozialarbeiterin, die sich gegen das Trauma stemmt. Hasanovic in seinem Hauptrollen-Debüt als Gewalttäter, dem langsam und schmerzhaft die Folgen seiner Taten bewusst werden.

Ein simples „Alles wieder gut“ gibt es am Ende nicht. Dennoch ist der Film ein Plädoyer gegen die Forderung, junge Gewalttäter wegzusperren. „Ich wollte eine Geschichte erzählen“, sagt der Regisseur, „die solche Jungs nicht aufgibt, sondern an sie glaubt.“

„Schuld sind immer die Anderen“, Freitag, Arte, 22 Uhr 40

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