Netzkolumne : Wut, dein Name ist We(i)b

Auf Twitter geht die "InWoche" zu Ende: Eine Handvoll Bloggerinnen aus dem Umfeld der Piraten sprach eine Woche lang nur von "Ärztinnen", "Expertinnen" und "Studentinnen". Ist das mehr als Feminismus von gestern mit den Mitteln von heute? Ja, findet unsere Autorin.

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Astrid Herbold ist freie Autorin und Expertin für Netzthemen.
Astrid Herbold ist freie Autorin und Expertin für Netzthemen.Foto: privat

Neulich hat meine Tochter, Achtklässlerin, das generische Maskulinum entdeckt. (Für linguistische Neueinsteiger: Das bedeutet, dass immer die männliche Form benutzt wird.) Nicht im Deutschen, im Spanischen fiel es ihr auf. Wer auf Spanisch Großeltern sagen will, sagt „Großväter“, wer Geschwister sagen will, sagt „Brüder“. Total empörend, fand die Tochter. Seitdem ist sie misstrauisch geworden, auch gegenüber ihrer eigenen Muttersprache. Und sieht, wo sie hinschaut, nur noch diskriminierenden Sprachgebrauch. Warum steht da: Studenten, Ärzte, Experten?

Auf Twitter haben einige Nutzerinnen aus dem Umfeld der Piratenpartei diese Woche die #InWoche ausgerufen – die Woche des generischen Femininums. Sie haben gefordert, zur Abwechslung einmal durchweg von Studentinnen und Expertinnen zu sprechen. „Damit die Männer auch mal üben können, zwischen ,bin gemeint‘ und ‚bin nicht gemeint‘ zu unterscheiden“, so Bloggerin Antje Schrupp.

Natürlich könnte man die ganze Aktion unter #InChinafällteinSackReisum verbuchen. Eine Handvoll Tweets, ein paar Sympathisantinnen, ein paar erboste Kommentatoren. Wem hilft’s? Und überhaupt, ist diese ganze Nummer mit der Sprachkritik nicht der altbackene 70er-Jahre-Feminismus, von dem wir jungen selbstbewussten Alpha-Power-Women uns längst abgewendet haben?

Dass das umständliche Binnen-I nicht die Antwort auf drängende Fragen der Gleichberechtigung ist, ist klar. Aber all die politischen Streitereien und Initiativen der letzten Monate – auch eine kleine Mottowoche auf Twitter – sind Zeichen einer schwelenden Unzufriedenheit. Das Thema ist wieder präsent, in der Diskussion um das Betreuungsgeld genauso wie in der um mehr Frauen in Chefsesseln. Als Aufhänger für einen Wutausbruch taugt zurzeit alles. Auch die Feststellung, dass selbst im ‚neuen‘ Internet die Männer den Ton angeben wollen.

Es rumort zu Recht. Denn nichts geht richtig voran. Seit Jahrzehnten bleiben die Strukturen stabil. Die dazugehörigen Schlagworte – Einkommensunterschiede, Kinderbetreuung, Ehegattensplitting, gläserne Decken – können wir selber schon nicht mehr hören. Und müssen sie nun doch notgedrungen unseren heranwachsenden Töchtern erklären.

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