Psychodrama zum "Tatort"-Jubiläum : Borowski und die Borderlinerin

Seit zehn Jahren ermittelt Axel Milberg als "Tatort-"Kommissar Borowski in Kiel. Zum Jubiläum bekommt er es mit einer verführerischen Lügenkönigin zu tun.

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So schön, so falsch. Die Altenpflegerin Sabrina Dobisch (Lavinia Wilson) sucht sich ihr nächstes Opfer. Selbst den Kieler Kommissar Borowski will sie verführen.
So schön, so falsch. Die Altenpflegerin Sabrina Dobisch (Lavinia Wilson) sucht sich ihr nächstes Opfer. Selbst den Kieler...Foto: NDR

Eine bezaubernde junge Frau vor dem Spiegel. Lange Wimpern über braunen Augen. Mit einem Handstrich glättet sie ihre Haut, ihren Hals, ihre braunen Haare. Alles ist da, wo es sein soll. Ein unbeschwertes Lachen zu sich selbst. Eine Diva. Im Hintergrund läuft der Fernseher, eine Szene aus einem alten Schwarz-Weiß-Film. Liebesfilm mit Walzerklängen, Tanz in einem Ballsaal. Nur: Die junge Frau vorm Spiegel ist keine Diva, sondern die Altenpflegerin Sabrina Dobisch, gespielt von Lavinia Wilson. Und Frau Dobisch geht nicht zum Ball, sondern zum nächsten Patienten, einem alten, kranken Mann. Armer alter, kranker Mann, Gefangener einer Frau, zwischen Fantasie und Realität lebend.

„Warum morden wir nicht?“

Ein Psychothriller also zum zehnjährigen Dienstjubiläum des Kieler „Tatort“-Kommissars Klaus Borowski alias Axel Milberg. Der gibt in seiner ersten Szene gleich mal den Tenor dieses Krimis vor: „Warum morden wir nicht?“ In einer Vorlesung vor Polizeischülern philosophiert Borowski über das Böse, über die Frage, warum Verbrechen trotz Erziehung und Zivilisation dann doch geschehen, oft ungewollt und kaum erklärbar. Wie bei dieser auf den ersten Blick sympathischen, jungen Altenpflegerin, die immer mehr in Verbrechen abgleitet.

Der Alte wimmert, sie hübscht sich auf

Professionell, besser: abgestumpft betreut sie einen Alten in dessen Haus. Als dieser im Sterben liegt und um Hilfe wimmert, stellt Dobisch nur den Fernseher lauter, um in Ruhe einen alten Liebesfilm mit Walzerklängen weiterzusehen. Mit dem Tod des Alten beginnt die eigentliche Handlung. Die Altenpflegerin hübscht sich beim Friseur auf, schminkt den Mund, trägt Sonnenbrille und ein gepunktetes Sommerkleid im 1950er-Jahre-Stil. Sie packt die Katze des Toten in ihre Handtasche, will sie loswerden, tritt das Tier auf die Straße, ein ausweichendes Auto rast in einen Blumenladen. Ein junger Mann stirbt, die Autofahrerin überlebt verletzt. „Sie wollte mich töten“, zitiert die Erste Hilfe leistende Altenpflegerin die angeblich letzten Worte des getöteten jungen Mannes über die Unfallfahrerin.

In den Ermittlungen spielt der vermeintliche Mordfall weniger eine Rolle als das Psychogramm der Altenpflegerin. Sie genießt zunehmend die Aufmerksamkeit und Dankbarkeit für ihre Erste Hilfe am Unfallort und dringt dabei immer mehr in die Lebenswelt des Unfallopfers, eines jungen Pianisten aus einer Bankiersfamilie, ein. Dessen trauernden Eltern gibt sie vor, die letzte Geliebte, die Braut ihres Sohnes gewesen zu sein. Vor dem Spiegel zu Hause übt sie ein, beim Trauergottesdienst ordentlich Tränen fließen zu lassen. So scheint sich ihr ein neues reales Leben wie in einem Hollywoodliebesfilm oder wie bei „Verbotene Liebe“ zu erschließen. Jeder, der ihr unerwartetes Wunschleben gefährden könnte, lebt gefährlich. Jeder, der keine Antwort weiß auf ihren mit Raffinesse geladenen Blick.

Axel Milberg und Sibel Kekili kabbeln sich als Kommissare

Dieser „Tatort“, und das ist ja nicht das Schlechteste, was man von einem Krimi sagen kann, weckt vielerlei Assoziationen: an die falsch trauernde Witwe Jeanne Moreau in „Die Braut trug schwarz“ oder gar den märchenhaften Liebesfilm „Die fabelhafte Welt der Amélie“ von Jean-Pierre Jeunet, gewendet in einen Krimi mit einer psychisch entrückten Altenpflegerin.

Ein interessanter Kontrast dazu das herzhafte Zusammenspiel von Hauptkommissar Borowski und Kommissarin Sarah Brandt (Sibel Kekilli): humorvoll, mit unterschiedlichen Temperamenten, auch nebeneinander her, sich kabbelnd. „Arbeiten wir heute miteinander oder gegeneinander?“, fragt Brandt den Kollegen. Und spöttisch-triumphierend konfrontiert sie Borowski damit, einen Zettel mit seiner Telefonnummer im Wohnzimmer der abgetauchten Unfallfahrerin gefunden zu haben. Der notorisch einsame Borowski hatte sich abends mit ihr zum Essen verabredet.

Feiner Humor in einem brutalen Krimi

Erstaunlich, wie es Buch (Sascha Arango) und Regie (Andreas Kleinert) gelingt, feinen Humor in diesen schwarzen, durchaus brutalen Krimi zu bringen. Der Kieler „Tatort“ steht da den Wallander-Krimis kaum nach. Ein streng kalkulierter Umgang mit verschiedenen Genreelementen. Immer wieder werden dramatische Zuspitzungen gebrochen, etwa wenn jemand auf der Straße Borowski einen Euro in den Kaffeepappbecher wirft. Oder wenn Borowski erwischt wird, wie er in einem fremden Kühlschrank stöbert und nur trocken meint: „Eier fehlen.“ Als sich Borowskis Chef während eines Telefonats aus Versehen mit einer mutmaßlichen Tatwaffe in den Fuß schießt, fragt Borowski unaufgeregt: „Ist was passiert?“ Dazu natürlich immer wieder das legendäre „Ich höre“, das Borowski ins Telefon knurrt.

Lavinia Wilson spielt den Todesengel

Scherz und Tragik nah beieinander, die Schuldfrage in der Schwebe lassend, der Zuschauer weiß stets Bescheid, das geht in den allermeisten deutschen Krimis schrecklich schief. Hier nicht. Wozu auch die herausragenden Schauspieler beitragen – Leslie Malton als Unfallfahrerin, Horst Janson und Victoria Trauttmansdorff als trauernde Eltern, sowie Bruno Cathomas als Musiklehrer des ums Leben gekommenen jungen Pianisten. Benedict Neuenfels findet die passenden Bilder in Kieler Tristesse.

Über allem thronend aber: Lavinia Wilson als Borderlinerin. Mit dem kleinsten Wink, mit einer Geste, mit einer Fahrigkeit spielt sie Schicksal über anderer Leute Leben und Tod. Ihr klassischer Todesengel zwischen nüchterner Realität und Wunschwelt ist das Beste, was Borowskis Dienstjubiläum und dem „Tatort“ zum Jahresausklang passieren konnte. Eine verführerische Lügenkönigin, die sich ihre Realität so lange zusammenreimt, bis sie an den coolen Eigenbrötler Borowski gerät. Widerstand zwecklos, auch beim Zuschauen.

„Tatort: Borowski und der Engel“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15

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