"Tatort" aus Saarbrücken : Gehörlos heißt nicht harmlos

„Totenstille“: Der Saarbrücker „Tatort“ braucht die Gebärdensprache zur Lösung. Und eine gelungene Kommissars-Figur.

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Miteiander reden will geübt sein. Kommissar Stellbrink (Devid Strieswo) lernt am PC die Gebärdensprache
Miteiander reden will geübt sein. Kommissar Stellbrink (Devid Strieswo) lernt am PC die GebärdenspracheFoto:SR/Manuela Meyer

Es ist eine vertrackte Familiengeschichte, die Hauptkommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) da lösen muss. Dass es eine vertrackte Familiengeschichte ist, das zeigt sich erst spät. Was Autor Peter Probst aufgeschrieben hat, ist raffiniert, weil der Zuschauer wie der Kommissar nur allmählich darüber aufgeklärt werden, was zur einen, was zur anderen Geschichte gehört und was beide verbindet. Ständig verlagern sich die Gewichte, wird an einem Strang stärker gezogen als am zweiten, schiebt sich eine Perspektive vor die andere. Schon ein ungewöhnlicher Krimi, weil beide Geschichten in unterschiedlichen Welten spielen: in der Welt der Gehörlosen und in der Welt der Sprechenden/Hörenden.

Es ist der Zufall, der das Geschehen auslöst. Georg Weilhammer (Martin Geuer) hat mit einer früheren Kollegin Sex im Hotelzimmer. Die Frau stirbt beim Fesselspiel, Weilhammer ruft einen Freund an, um die Leiche zu beseitigen. Ein Gast bei der Leichenfeier für den Leiter einer Gehörlosenschule sieht Georg telefonieren. Ben Lehner (Benjamin Piwko), selbst gehörlos, liest den Telefondialog von den Lippen ab und kann Weilhammer jetzt erpressen. Stellbrink und seine Kollegen ermitteln nach dem Leichenfund zunächst unter der Beerdigungsgesellschaft; als dann eine schwerhörige junge Frau ermordet wird, erkennt Stellbrink die Zusammenhänge und in Ben Lehner die Schlüsselfigur für beide Fälle, deren eines Zentrum in der Familie Weilhammer, deren anderes in der Familie des verstorbenen Leiters der Gehörlosenschule liegt.

Verwirrung ist alles

Der „Tatort: Totenstille“ lebt sehr davon, dass das Publikum Orientierung gewinnt, Zusammenhänge erkennt, Motive begreift, von jeder Verdächtigen/von jedem Verdächtigen das ganze Bild zu erkennen bekommt. Der Zuschauer muss aufpassen, wenn er sich im Verwirrspiel nicht verirren will, Stellbrink muss viel Vespa fahren, um der Lösung näherzukommen. Und Gebärdensprache lernen. Da sind ein paar witzige Szenen eingebaut, die nicht auf Kosten der Gehörlosen gehen, sondern das nicht immer einfache Verhältnis zwischen Behinderten und Nichtbehinderten beleuchten. Nicht bemüht, nicht verquält politisch korrekt. Mehr locker, mehr alltäglich, Regisseur Zoltan Spirandelli bringt die beiden Sphären zusammen, es fasziniert, wenn mit den Händen statt mit dem Mund geredet wird. Auf Untertitel wird verzichtet, kann verzichtet werden. Das sind die besseren Momente in einem Whodunit-Krimi, der laut Regisseur Spirandelli „ein düsteres Familiendrama“ sein will, es aber nicht ist. Lena Stolze spielt angemessen traurig die Witwe Reichert, Franz Hartwig angemessen aggressiv Sohn Marc mit Familientrauma und unklaren Zukunftsabsichten. Die gehörlosen Rollen werden von gehörlosen Darstellern gespielt: von Benjamin Piwko, Kassandra Wessel und Jessica Jaksa. Ja, der Saarbrücker „Tatort“ integriert beide Welten zu einem soliden Ganzen.

Polizisten spielen Kasperle

Was dieser Krimi noch immer nicht lassen will: Das Kasperletheater zwischen den Polizeibeamten, Scherze, zäh und mühsam, der Kommissar immer im Mittelpunkt, den seine Kolleginnen und Kollegen als nicht „teamfähig“ bezeichnen, unfähig zur Kommunikation. Wenn diese Momente ganz und gar wegblieben, würde sich der Saarbrücker Krimi auf der „Tatort“-Skala nach oben bewegen. Es sieht so aus, als wüsste Devid Striesow auch in seinem fünften Fall nicht, wer und nicht wie viele dieser Jens Stellbrink sein will. Gegenüber seiner jungen Kollegin Mia Emmrich (Sandra Maren Schneider) gibt er sich machohaft, jede weitere Begründung dafür bleibt aus, die Frotzeleien mit dem übrigen Fahnderteam liegen dem Ensemble wie Blei im Mund. Stellbrink ist irgendwo zwischen Einzelgänger und Teamspieler, ein Nirgendwo. Diese Figur ist so verschwommen, dass selbst ein Devid Striesow ihr keine Konturen geben kann. Nichts gegen uneindeutige Charaktere, gewiss nicht, doch diese Kommissar-Rolle ist ein Kreuzworträtsel ohne Lösungspotenzial. Gut, nach den „Tatorten“ mit Ulrich Tukur und mit Til Schweiger durfte weitere Beruhigung im Format schon sein. Beruhigung, nicht Verflachung.

„Tatort: Totenstille“, ARD, Sonntag, um 20.15 Uhr

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