Team Wallraff bei RTL : Undercover im Jobcenter

Missstände und Behördenwahnsinn: Günter Wallraff und sein Team recherchieren für RTL undercover bei der Arbeitsagentur. Leider schleichen sich dabei einige Fehlschlüsse ein.

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Günter Wallraff
Günter WallraffFoto: dpa

Der Godfather der Enthüllungen ist zurück. Burger King, Zalando und ausgebeuteten Zimmermädchen. Aktuell geht es um deutsche Jobcenter. „Team Wallraff – Reporter Undercover: Inside Jobcenter. Der Mensch auf der Strecke“. Zu langer Titel, aber ein wichtiges Thema. Vor einiger Zeit hat der „Spiegel“ schon Missstände, Statistik-Manipulationen und Behördenwahnsinn bei der Arbeitsagentur aufgedeckt. Wallraff und Team wollen die selben Dinge aufdecken. Lobenswerter Vorsatz. Leider schleichen sich in das gelungene TV-Stück Unzulänglichkeiten und Fehlschlüsse ein.

Das beginnt schon mit Wallraff. Seine Bekanntheit garantiert gute Zuschauerzahlen. Aber er schlüpft kaum noch als Reporter in Undercover-Rollen. Beim Jobcenter-Aufklären macht das Kollege Thorsten Missler. Recherche als Praktikant. Dafür ist Wallraff zu alt. Aber warum führen dann beide zusammen die Interviews? Das schaut unpassend aus, vor allem wenn der eine Fragen stellt und der andere nur zuguckt. Vorneweg gibt’s eine unnötige Ermahnung vor der Kamera. Wallraff belehrt Missler. Man denkt an Obi-Wan Kenobi, Luke Skywalker und „Krieg der Jobcenter“. Kein Lichtschwert, aber viel journalistischer Ethos: „Wir werden hier in einem sehr geschützten Bereich recherchieren. Und wir werden diesmal ganz bewusst keine Orte nennen. Um hier die zuständigen Mitarbeiter, aber auch die Arbeitssuchenden bestmöglich zu schützen. Hier haben wir schon eine Verantwortung.“

Team Wallraff - eine Menge unglaublicher O-Töne

Auf der RTL-Internetseite ist der Skandalisierungskampf schon voll im Gang: „Für den neuen Undercover-Einsatz geht Wallraff mit Reporterinnen und Reportern über Monate einem Thema nach (...) Am Ende können sie Manipulationen, Rechtsbrüche und Zustände nachweisen, die selbst Experten in diesem Ausmaß allenfalls geahnt haben dürften.“

Mit Nachweisen ist das so eine Sache in dieser Sendung. Es gibt eine Menge unglaublicher O-Töne. Versteckt aufgenommen. Das ist kein Beweis. Und kein Wahrheitsprädikat. Ein überforderter Arbeitsvermittler erklärt, dass er Akten verschwinden lässt. Wegen Verfremdung sieht man das Gesicht nicht. Im Off-Kommentar wird dramatisch erklärt, dass der Vermittler vielsagend auf einen Mülleimer schaue.

Missler stellt fest, dass in seiner Anwesenheit keine Akten vernichtet wurden. Beim Interview mit Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit wird das angesprochen. Da aber alles im Ungefähren bleibt, kein Ort, kein Name, keine Zeit, kann sich Alt auch ins Ungefähre rausreden. Weiterer Anklagepunkt. Es gibt jede Menge Jobcenter-Maßnahmen. Viele unnötig. Wallraff greift sich das skurrilste Beispiel heraus – Wandern mit Lamas. Schön fürs Bild. Schenkelklopfende Empörung wegen der Steuergeld-Verschwendung. Nur konkret wird niemand Verantwortliches damit konfrontiert.

Fallbeispiel Renate Hänsch. 14 Mal bekam sie als Jobcenter-Mitarbeiterin befristete Arbeitsverträge. Das zuständige Amt kann sich schriftlich locker aus der Affäre ziehen: „Ein Fall wie der von Frau Hänsch wurde sich heute nicht mehr wiederholen.“ Auch dazu hätte man gerne Heinrich Alt gehört. Als schwer vermittelbarer Langzeitarbeitsloser schlittert man zu schnell in die Katastrophen-Höllen „Hartz IV“ und „Jobcenter“. Privatfernsehen-Dramatik und schrille Überzeichnung von Wallraff und Co. sind da unnötig.

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