Medien : Uwe Müller und Franz Kafka

„Prager Zeitung“, „Radio Prag“: deutschsprachige Medien in Tschechien

Bernhard Schulz

Die jüngsten Ereignisse im schwierigen Verhältnis zwischen Tschechien und Deutschland waren natürlich Stoff für die deutschsprachige „Prager Zeitung“: der Sudetendeutsche Tag in Augsburg mit einer Brandrede Edmund Stoibers und die gleichzeitige, nicht minder provokative Enthüllung eines Denkmals für Edvard Beneš vor dem Prager Außenministerium.

Doch wie stets sucht die „Prager Zeitung“ auch in ihrer aktuellen Wochenausgabe die Wogen zu glätten. Den Kommentar zum Beneš-Denkmal schreibt ein tschechischer Kollege, der Bericht aus Augsburg beschränkt sich auf die nüchterne Nachricht. Keine Frage, die „Prager Zeitung“ nimmt ihren Untertitel „Das Wochenjournal aus der Mitte Europas“ ernst. Sie ist Sprachrohr weder für die tschechische (Außen-)Politik noch gar für die Sudetendeutschen, sondern ein Blatt, das selbstbewusst an die große Tradition der deutschsprachigen Prager Presse vor dem Unglück der NS-Besatzung 1938 anknüpfen will.

Ihr jede zweite Woche beigelegtes Buch „Feuilleton und Tourismus“ nennt sie darum auch „Prager Tagblatt“. Der geschichtsträchtige Titel war übrigens frei geworden. Uwe Müller, der Zeitungsgründer und Geschäftsführende Chefredakteur, ist sich jedoch bewusst, dass er das Vorbild nicht erreichen kann. Der gebürtige Zwickauer und studierte Historiker, seit 1983 in Prag ansässig, sagt es mit leiser Melancholie. Er weiß, was mit der deutschen Okkupation und der anschließenden Vertreibung für immer zerstört wurde. Dass er im vergangenen November den Versuchsballon einer „Karlsbader Zeitung“ zunächst als Monatsblatt losgelassen hat, liegt ganz auf dieser Linie. Und, in Prag gelegentlich eines Besuchs nach seiner Zukunftsvision befragt, scheut sich Müller nicht zu antworten, „Wir möchten eines Tages die ,Zeit’ Ostmitteleuropas sein, mit 60000 Auflage und eigenem Redaktionsgebäude.“

Noch residiert die Redaktion allerdings in einer Wohnetage abseits der touristengesättigten Altstadt. Und auch die verkaufte Auflage ist mit 18000 noch etwas vom großen Ziel entfernt. Andererseits ist diese Zahl bemerkenswert genug, speist sie sich doch jeweils zur Hälfte aus dem Vertrieb in Prag und Tschechien sowie aus dem deutschsprachigen Ausland. Und noch bemerkenswerter sind die schwarzen Zahlen, die die „Prager Zeitung“ bereits seit 1996 schreibt – nur fünf Jahre nach der Gründung. „Ich bin ganz blauäugig ans Geschäft herangegangen“, blickt Müller heute zurück: „Man musste sehen, wo man Abnehmer findet.“ Das ist gelungen, ebenso wie die Ankurbelung des Anzeigenverkaufs, der mittlerweile 70 Prozent der Einnahmen deckt. Unter den 24 Verlagsangestellten halten denn auch die sieben Anzeigenakquisiteure den acht Redakteuren beinahe die Waage. Das Rückgrat bilden Anzeigen deutscher, in Tschechien engagierter Firmen. So prangt in der laufenden Ausgabe eine ganzseitige Anzeige von VW für den neuen „Passat“, wie sie auch im Prager Stadtbild auf zahlreichen Reklameflächen zu sehen ist.

Seit 1996 setzt die „Prager Zeitung“ Farbe ein; mittlerweile erscheint sie vollständig in „4/c“. „Wir müssen mit der Zeit gehen“, sagt Müller und auch, dass die „Nostalgiewelle“ längst vorbei sei. Die wird allenfalls noch von der „Prager Volkszeitung“ als Organ der deutschen Minderheit in Tschechien gepflegt, bei einer Auflage von 4500. Konkurrent an den reich bestückten Kiosken der Stadt ist eher die englischsprachige „The Prague Post“, die im Auftritt lauter und bunter ist und mit Immobilienbeilagen auf die amerikanische Kolonie zielt.

Ein deutschsprachiges Medium bietet auch „Radio Prag“ mit seiner „Deutschen Redaktion“. Insgesamt sechs Fremdsprachen werden von entsprechenden Redaktionen bedient; für die deutsche Sendung von täglich einer halben Stunde – die über Kurzwelle gesendet und mehrmals am Tag wiederholt wird – sind sieben Redakteure zuständig: drei Deutsche, drei Tschechen und der Österreicher Gerald Schubert. Er stammt aus Wien und hat Tschechisch nebenbei gelernt, ist dann 2001 mit einem Stipendium nach Prag gekommen – und hat sich beim Staatlichen Rundfunk um eine just frei gewordene Stelle beworben. Die Auslandsdienste werden übrigens nicht aus dem Gebührenaufkommen finanziert, sondern mit umgerechnet zwei Millionen Euro jährlich vom Außenministerium. Einflussnahme allerdings verneint Schubert: „Wir müssen nicht die Position der Regierung vertreten, wir müssen ausgewogen berichten. Wir versuchen, die positiven Bestrebungen auf beiden Seiten zu betonen.“ Da war der Tschechien-Besuch Bundeskanzler Schröders nur zwei Tage nach dem Sudetendeutschen-Treffen genau das richtige Ereignis.

Und doch bleibt bei aller Gegenwart die Vergangenheit lebendig. So erinnert die „Prager Zeitung“ in ihrer jüngsten Ausgabe an die Erstveröffentlichung von Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ vor achtzig Jahren. Es ist diese untergegangene Kultur einer deutsch-tschechischen Symbiose, die ein Großteil der Prag-Reisenden sucht und immer suchen wird.

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