Wer bin ich? : Blutspuren einer Biographie

„Zeugin der Toten“: Deutsch-deutsche Geschichte als ZDF-Film zwischen Drama und Räuberpistole.

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Freund oder Feind? Judith Kepler (Anna Loos) wird es bald erfahren. Foto: ZDF
Freund oder Feind? Judith Kepler (Anna Loos) wird es bald erfahren. Foto: ZDFFoto: Stefan Erhard

Judith Kepler ist Cleanerin. Schon unschön genug, tagein, tagaus Blutlachen wegzuwischen, zertrümmert an einem Tatort ein Fremder der jungen Frau beinahe noch den Kehlkopf. „Das hat doch alles nichts mit Ihnen zu tun.“ Von wegen. Sekunden später hält sie eine Personenakte in den Händen: Judith Kepler. Ist es ihre Akte? Ist sie mit einem anderen Mädchen vertauscht worden, vor 25 Jahren im Kinderheim auf Rügen? Die Frau, die hier ermordet wurde, könnte das andere Mädchen von damals sein. Dann wäre aber Judith Kepler nicht Judith Kepler.

Diese so seltsam traurige Frau mit dem verwuschelten Blondschopf hat sich schon einen ungewöhnlichen Beruf gewählt. Bei ihr wirken offenbar unterbewusste Kräfte – denn eine Blutspur zieht sich unbekannterweise durch ihr bisheriges Leben. Im ZDF-Film „Zeugin der Toten“ werden die Geheimnisse anfangs nur spärlich gelüftet. Und der Mann, der die Cleanerin so grob anging, wird fortan ihr Beschützer, ein ehemaliger BND-Mitarbeiter (Rainer Bock). Hinzu kommen neue Herausforderungen für die Heldin, die sich für das Publikum als noch größere Hürden erweisen: DDR-Kinderheim-Realität, gescheiterte Republikflucht, ein vermeintlicher Verrat, ein BND-Grande, Ex-Stasi-Funktionäre. Viele Rätsel, viele Fragezeichen, da nützt dem Zuschauer auch der kleine Informationsvorsprung nichts. Nützlicher ist da schon ein Druck auf die Pausetaste. Also, was will uns dieser Film erzählen?

„Zeugin der Toten“ ist die Verfilmung eines Kriminalromans von Elisabeth Herrmann. Vielleicht ein Manko. Literarische Metaphern wie das Bild der Tatort-Reinigerin verschwinden im filmischen Erzählfluss. Hin- und hergerissen zwischen Drama-Tristesse und Politthriller-Klischees findet Anna Loos wenig Nuancierung für das Leid einer Frau, die unter Lebensgefahr nach ihrer Geschichte sucht. Die meiste Zeit wandelt sie paralysiert durch die Szene. Tränen gehen auf Reisen, bleierne Schwere liegt auf den Bildern.

Was der Film über den Schlussspurt des Kalten Krieges erzählt, ist dürftig. Und die Rosenholz-Dateien verkomplizieren die Story nur. Ein Film ist kein Roman. Privates und Politisches finden schwer zueinander. Doch es geht auch anders: Die Szenen, in denen sich der Ex-Agent und die Melancholikerin nicht länger stereotyp angiften, sind wunderbar authentisch wirkende Momente. Beide trinken, sinnieren, erzählen von ihrem Leben, beiläufig – da ergeben sich die interessanten Geschichten quasi von selbst: die Manipulationen der Staatssicherheit, die Parallelen zwischen Entnazifizierung und Stasi-Bewältigung, das Nicht-Ankommen. In solchen intimen und von Regisseur Thomas Berger sehr stimmungsvoll inszenierten Momenten verliert der Film etwas von seiner Schwere und bekommt – ausgehend von Rainer Bocks lakonischem Spiel – große Intensität.

Das düstere Finale leidet wieder unter seiner filmischen Darstellung und spiegelt das Dilemma der Produktion. Da wird die verlorene Biographie in einer zehnminütigen Erklärszene ausgebreitet. Das persönliche Drama gipfelt in einer Räuberpistole voller grauer Stasi-Visagen und hanebüchener Dramaturgie. Die Verwerfungen der deutschen Geschichte als Schurkenstück – das wirkt unfreiwillig komisch.

„Zeugin der Toten“, ZDF, 20 Uhr 15

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