„Alle arbeiten umsonst. Das stört mich“

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Wohnzimmerlesung mit Enzensberger : Wiederentdeckung der Langsamkeit
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Theresia Enzensberger im Gespräch mit Fred Terna, dem Hauptgast ihrer Charlottenburger Wohnzimmerlesung.
Theresia Enzensberger im Gespräch mit Fred Terna, dem Hauptgast ihrer Charlottenburger Wohnzimmerlesung.Foto: Davids/Boillot

Anders als viele Verlagsmanager glaubt sie nicht, dass ihre Generation digital geprägt und für Print verloren sei. Manches, was angestrengt von den USA adaptiert werde, sagt sie, sei dort bereits wieder im Verschwinden begriffen. Zum Beispiel die Spezies der „Bloggermädchen“. In Deutschland habe eine große Zeitung gerade eines eingestellt. In Amerika sei die naiv-subjektive Form schon fast wieder in die Bedeutungslosigkeit versunken.

Es ist neun Uhr vorbei. In der Charlottenburger Wohnung drängen sich jetzt junge Menschen mit Weingläsern in der Hand. Es wird meist Englisch gesprochen. Die Akzente sich schwach, aber vielfältig. Über den Tisch mit der Käseplatte hinweg unterhält sich eine Gruppe darüber, ob es sich in Los Angeles besser lebt oder in Kiew.

Fred Terna, 91, Hauptact des Abends, sitzt auf einem Sofa. An die Wand dahinter ist ein Dia geworfen, das ihn und seine erste Frau in dem Alter zeigt, in dem sich die übrigen Gäste des Abends befinden. Das Bild sei in einem Fotoautomaten entstanden, sagt Terna. „Gewissermaßen ein Selfie. Damals war ich gerade aus dem Krankenhaus gekommen, wo ich nach der Befreiung aus dem KZ eine Weile war.“ Auch seine Frau war in Konzentrationslagern. Sohn Daniel war gebannt von dieser und anderen alten Aufnahmen des Paares, zumeist Urlaubsfotos. Er bereiste die Schauplätze und fotografierte sie erneut.

Selbst die Herausgeberin ist ungeduldig geworden

Der Block.
Der Block.Foto:Promo

Vielleicht ist es Zufall, dass an diesem Abend gleich mehrere junge Menschen zusammengekommen sind, die das Werk ihrer Eltern in gewisser Hinsicht fortführen. Emily Dische Becker, die ihre Wohnung zur Verfügung gestellt hat, ist die Tochter der Schriftstellerin Irene Dische. Hans Magnus Enzensberger hat Irene Dische als Autorin für „TransAtlantik“ engagiert. „Ich bin nie wieder so gut bezahlt worden“, lobte sie einmal im „Spiegel“. Tochter Emily hat jetzt für Theresia Enzensberger geschrieben, allerdings ohne Honorar. „Alle arbeiten umsonst. Das stört mich“, sagt Enzensberger, „meine Generation leidet ohnehin darunter, dass ihre Arbeit nichts wert ist.“

Um ein wenig Gewinn zu machen und zu verteilen, hatte Enzensberger ihrer Zeitschrift eine Auflagensteigerung verordnet: Erst bei 1500 Exemplaren sollte die zweite Ausgabe gedruckt werden. „Es ist nur eine Frage der Zeit“, lautet beschwichtigend der Untertitel des Magazins. Doch selbst die Herausgeberin ist ungeduldig geworden. Sie wolle bereits drucken, wenn die Tausend deutlich überschritten seien, sagt sie. „Ich kann es kaum erwarten, endlich mit der dritten Ausgabe anzufangen.“

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