Yellow Press : Die Cowboys aus dem Nachbarland

Wieviel Deutsche verträgt die Schweiz? Zwei Chefredakteure für das große Boulevardblatt "Blick" auf jeden Fall.

Peer Teuwsen
Keine Gnade. Im „Blick“ (links) wird sich gefreut, gemordet, geschieden und gemeuchelt, was die Druckerschwärze hergibt. Die Sonntags-Ausgabe des Blattes aus Zürich sucht schon mal Gemeinsamkeiten der beiden Nachbarländer Deutschland und Schweiz. Repros: Tsp
Keine Gnade. Im „Blick“ (links) wird sich gefreut, gemordet, geschieden und gemeuchelt, was die Druckerschwärze hergibt. Die...

Der Mann wird nicht dafür bezahlt, Hemmungen zu haben. Hat er auch nicht. Der 52-jährige Ralph Grosse-Bley steht seit zwei Jahren einem Blatt vor, das regelmäßig sinkende Leserzahlen aufweist. „Blick“ aus dem Verlagshaus Ringier ist die einzige erklärte Boulevardzeitung der Schweiz – und hat mit ähnlichen Beschwerden zu kämpfen wie ihr deutsches Pendant, die „Bild“. Heute machen fast alle Zeitungen Boulevard, sie personalisieren, dramatisieren und emotionalisieren. Das Internet und das Fernsehen tun mittlerweile das Ihre, um den klassischen Gossip-Medien das Leben schwer zu machen. Doch Ralph Grosse-Bley, der sein Handwerk bei „Bild“ gelernt hat, macht seine Sache gut.

Im „Blick“ wird gemordet, geschieden und gemeuchelt, was die Druckerschwärze hergibt. Den Dreisatz des Boulevards ergänzt Grosse-Bley durch viele Geschichten über Tiere und ganz normale Menschen. Auf der Seite eins etwa tragen Leserinnen unter dem Titel „Heute bin ich ein Star“ ihren Körper zu Markte. Seit Grosse-Bleys Ernennung zum Chefredakteur hat das Blatt 9 000 Leser hinzugewonnen. Noch keine Trendumkehr, aber ein Überlebenszeichen. Und das will bei dieser Konkurrenz was heißen. Der „Blick“ ist mit einer Auflage von rund 210 000 Exemplaren die zweitgrößte Tageszeitung der Schweiz.

Der Mann, der von sich sagt, der kommerzielle Erfolg sei für ihn ein Zeichen, „dass ich gute Arbeit gemacht habe“, dieser Mann kennt keine Gnade, wenn es um den Erfolg seines Blattes geht. Beim Unglück eines belgischen Reisebusses, der im Wallis in eine Tunnelwand raste, veröffentlichte Grosse-Bley ein Bild von fröhlichen Kindern. Schlagzeile: „Sie sind alle tot“. Eltern der Opfer hatte man nicht um Erlaubnis gefragt.

Nachrichtenwert: keiner. Verkaufswert: sehr gut. Die Empörung war groß. Das ist Grosse-Bley, der gerne den immer schießbereiten Cowboy gibt, egal. In einem seiner seltenen Interviews sagte er kürzlich dem Fachmagazin „Schweizer Journalist“: „Sie können mich doch ruhig für einen Vollidioten halten. Was Sie oder andere über mich schreiben, das interessiert mich null, deswegen trete ich nach außen auch wenig auf.“

Hier spricht offenbar ein verletzter Mensch. In der Tat musste Grosse-Bley schon viel über sich ergehen lassen. Tiefpunkt seiner Karriere war die Kampagne gegen den damaligen Botschafter der Schweiz in Berlin, Thomas Borer, dem der „Sonntagsblick“ 2002 eine außereheliche Affäre untergeschoben hatte. Grosse-Bley war damals stellvertretender Chefredakteur. Die wichtigsten Artikel hatte Alexandra Würzbach, die Frau von Grosse-Bley, geschrieben. Entscheidende Beweise konnte das Blatt nicht liefern. Trotzdem wurde der Botschafter abberufen. Borer klagte, die Zeitung musste sich entschuldigen, der Verlag über eine Million Franken bezahlen. Grosse-Bley verabschiedete sich aus Zürich – um nach einer Auszeit bei der „Bild“-Zeitung zu landen. Diese Niederlage wurmt ihn noch heute, scheint er doch immer noch von der Richtigkeit dieser Recherche überzeugt. Deshalb will er den Schweizern und vor allem seinem Arbeitgeber umso verbissener zeigen, dass er es kann.

Nur bei einem Thema hat der deutsche Chefredakteur, der den Schweizern die hammerharten Schlagzeilen beibringen will, eine merkwürdige Zurückhaltung: Es ist das Thema „Die Deutschen“, von denen 270 000 in der Schweiz leben. Als eine Politikerin der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei sich mal wieder in Xenophobie übte und in einer Talkshow sagte, es gäbe „zvill Tüütschi“ im Lande, waren in- und ausländische Medien voll davon. Nur eine Zeitung verlor kein Wort: der „Blick“. Erstaunlich für ein Blatt, das 2007 auf der Eins getitelt hatte: „Wieviel Deutsche verträgt die Schweiz?“ Aber das war vor dem Amtsantritt des ach so harten Jungen aus dem Norden.

Dabei gehören die Fremden zum beliebtesten Objekt einer Boulevardzeitung, die sich aus kommerziellen Gründen als Stimme des Volkes verstehen müsste. Und die Deutschen sind der Deutschschweizer liebstes Abgrenzungsobjekt. Deshalb wäre es gerade in diesen Zeiten, wo die Schweiz der SPD liebster Prügelknabe geworden ist, für ein Blatt, das auf totale Emotionalisierung setzt, so sonnenklar wie billig, diese Gefühle zu befeuern.

Aber nicht mal ein Grosse-Bley bringt es offenbar fertig, sich des schnöden Mammons wegen gegen die eigenen Landsleute zu wenden und damit den Stuhl, auf dem er Platz nehmen durfte, unter dem eigenen Hintern wegzuschießen. Dass der Verleger Michael Ringier, der als politisch linksliberal gilt, keine Freude an so einem Kurs hätte, dürfte die Zurückhaltung leichter gemacht haben. So gab Grosse-Bley nach seiner Ernennung die Losung aus, dass man deutschfeindliche Schlagzeilen „bei mir nicht lesen wird“.

Nun ist Grosse-Bley nicht der einzige Deutsche, der im Schweizer Boulevard eine führende Stellung innehat. Der „Sonntagsblick“ steht unter der Leitung seines Landsmanns Karsten Witzmann, auch ein ehemaliger „Bild“-Mann. Das Blatt im Tabloidformat nahm sich des Deutschen-Themas an – mit einer repräsentativen also nicht gerade preiswerten Umfrage. Diese kam zum Schluss, dass 36 Prozent aller Schweizer finden, es gebe zu viele Deutsche im Land. 36 Prozent, das sind 2209608 Menschen. Nicht wenige. Mehr als die SVP Wähler hat. Was machte das Blatt? Die Ergebnisse wurden untermauert von einer Eloge, wie gut die deutschen Einwanderer dem Land doch tun. Das ist ja alles sehr richtig, aber für so ein Medium politisch vielleicht zu korrekt. Der „Sonntagsblick“ hat unter Witzmann, der ein eher braves, familienfreundliches Blatt macht, 75 000 Leser verloren.

Alles in allem ist es ein bisschen sehr deutsch, was die beiden Deutschen in der Schweiz veranstalten. Wenn Grosse-Bley zum Steuerstreit zwischen seinem Heimat- und seinem Gastland titelt „Die Deutschen haben uns am Wickel“, ist das für Schweizer Verhältnisse auch sprachlich grenzwertig.

So spricht kein Schweizer, man könnte sogar behaupten, dass den Ausdruck „am Wickel haben“ kein „Blick“-Leser versteht. Es ist ohnehin bemerkenswert, was den Chef des Blattes so interessiert. Er greift in die Tasten, wenn die SPD, erklärte Feindin der Schweizer Banken, in Nordrhein-Westfalen triumphiert – und verliert kein Wort darüber, dass durch dieses Ergebnis das Steuerabkommen zwischen der Schweiz und Deutschland wohl endgültig tot sein wird. Das aber würde seinen Schweizer Leser mehr interessieren als die Vermutung, dass die SPD wieder an die Macht gelangen könnte.

Wie es anders geht, zeigt „Blick am Abend“, jüngstes Produkt der „Blick“-Gruppe aus dem Hause Ringier. Er ist in den Bahnhöfen der deutschen Schweiz am späteren Nachmittag umsonst zu haben. Ihm steht ein Schweizer Chefredakteur vor. Zum Steuerstreit titelte das Blatt: „Die spinnen, die Deutschen!“ In der Medienbranche wurde die Schlagzeile als eine verstanden, die sich auch nach innen richtete. Das aber ist nichts als eine bösartige Unterstellung.

Der Autor ist Schweiz-Korrespondent der „Zeit“

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