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ZDF-Satire zu AfD : "heute-show" macht aus Linker eine Rechtsextremistin

Die "heute-show" will sich lustig machen über die AfD. Ins Bild setzt sie dafür eine junge Linke-Politikerin aus Ostsachsen - und stempelt sie ab als Rechtsextreme. Moderator Oliver Welke entschuldigt sich für den Fehler.

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Dürrhennersdorf macht Schlagzeilen - anders als gedacht
Dürrhennersdorf macht Schlagzeilen - anders als gedachtScreenshot: Tagesspiegel

Die Leipzigerin Maren Müller hat ihre Programmbeschwerde gerade erst zu Ende geschrieben, da tritt das ZDF bereits den Rückzug an. Einen groben Fehler hat die "Heute-Show" in ihrer Sendung am Freitagabend gemacht. Gegen die AfD soll polemisiert werden. Und ins Bild gerückt wird dafür eine junge Frau mit rot gefärbtem Haar aus dem ostsächsischen Dürrhennersdorf. In der Sendung präsentiert wird sie als frühere Wählerin der NPD und heutige Anhängerin der AfD. Nichts davon aber ist wahr: Die 16-jährige Manuela Marlena Schiewer ist seit November 2013 aktiv in der Linkspartei, sie ist deren jugendpolitische Sprecherin im Kreisverband Görlitz.

Marlena sei vom ZDF zum "Satire-Opfer" gemacht geworden, schimpft Maren Müller, die vor einem Jahr mit der Petition "Raus mit Lanz aus meiner Rundfunkgebühr" mächtig Furore gemacht hat und mit ihrer "Ständigen Publikumskonferenz" regelmäßig Fehler der öffentlich-rechtlichen Medien anprangert. "Marlena ist noch nicht volljährig und damit nicht wahlberechtigt. Das Letzte, was diese junge Frau möchte, ist, als ehemalige NPD- und/oder potentielle AfD-Wählerin hingestellt werden - auch nicht von einer Satire-Sendung und schon gar nicht ungefragt."

"Die NPD in freundlich"

Was geschehen ist, hat Schiewer selbst am Samstagmittag auf Facebook publik gemacht, kurz darauf greift zunächst der Blog "Fernsehkritik TV" den Vorfall auf. Im September vergangenen Jahres drehte die ARD nach der sächsischen Landtagswahl in Dürrhennersdorf, jeder Dritte hatte dort die Rechtspopulisten von der AfD gewählt. In dem zweiminütigen Beitrag für das Nachtmagazin heißt es über Dürrhennersdorf: "Es fehlen Jobs, der Bahnverkehr wurde eingestellt - die Bewohner leiden unter der Grenzkriminalität." Auch Schiewer kommt zu Wort. Sie sagt: "Hier auf dem Dorf gibt es ziemlich viele Leute, die rechter Meinung sind und die einfach sagen, ich möchte nicht mehr die NPD wählen, weil die mir zu rechtsextrem ist, und deswegen wähle ich jetzt die AfD. Ich sage immer, das ist die NPD in freundlich."

"Die NPD in freundlich" - das fand die "heute-show" offenbar so witzig, dass sie den ersten Satz einfach wegließ - und die junge Frau damit selbst zur Rechtsextremen machte. Schiewer hat die Sendung selbst am Freitagabend nicht live gesehen, wird aber von Freunden rasch aufmerksam gemacht. Sie schreibt am Samstagmittag auf Facebook: "Die Macher der Show erweckten den Eindruck, ich würde jetzt AfD wählen und hätte früher NPD gewählt. Dies ist eine Frechheit und widerspricht meinem bisherigen politischen Engagement für Flüchtlinge und gegen Rassismus."

"heute-show" mit Moderator Oliver Welke
"heute-show" mit Moderator Oliver WelkeFoto: Bernd Vennenbernd/dpa

In den sozialen Netzwerken macht die Sache rasch die Runde. Von "Rufmord" an der jungen Linken-Aktivistin ist die Rede. In einem anderen Kommentar auf Twitter heißt es: "Darauf hat Pegida nur gewartet, liebe #heuteshow. Von wegen #Lügenpresse. Mehr als ärgerlich."

Das ZDF reagiert am Samstag nach nur wenigen Stunden. Auf Facebook erklärt die "heute-show" ihren Fans zunächst: "Bei der Verwendung des Statements von Marlena Schiewer ist uns offensichtlich ein Fehler unterlaufen, für den wir uns entschuldigen. Wir werden prüfen, wie es dazu kommen konnte, und die Sache richtig stellen." Anschließend telefoniert Moderator Oliver Welke eine Viertelstunde lang mit Marlena Schiewer und bittet sie um Entschuldigung. In einer offiziellen Stellungnahme gibt das ZDF einen "Recherchefehler" zu und kündigt an, den Sachverhalt in der der nächsten Sendung der "heute-show" noch einmal aufzugreifen.

Oliver Welke: Der Fehler ist mir richtig peinlich

Moderator Welke spricht von einem "groben Fehler", der ihm "richtig peinlich" sei. "Dass ausgerechnet wir einen TV-Clip so geschnitten zeigen, dass er eine junge Frau als Rechtsextreme erscheinen lässt, die sich seit Jahren gegen Rassismus engagiert, hätte nie passieren dürfen", schreibt er am Sonntag auf Facebook. Die ,heute-show' vom vergangenen Freitag sei "so gesehen ein echter Schock für Marlena Schiewer und nebenbei noch Wasser auf die Mühlen der Menschen, die ohnehin davon überzeugt sind, dass die Medien notorisch lügen und manipulieren". Welke weiter: "Wir klären jetzt im Detail, wie genau das von uns ,verbockt' wurde." Und: Es gibt in Deutschland zur Zeit genug echte Rechte, die in Kameras sprechen, da muss man weiß Gott keine Linke zur Rechten machen."

Schiewer zeigt sich am Sonntag erleichtert. "Ich war erst schockiert", sagt sie dem Tagesspiegel. "Von der ,heute-show' hätte ich das nicht erwartet." Die Entschuldigung von Welke aber nehme sie an. "Ich hätte nicht erwartet, dass das so schnell ging. Das hat mich überrascht und und das fand ich gut." Der Sendung will sie grundsätzlich gewogen bleiben. "Ich habe die ab und an geschaut - und dann immer gern."

Digitale Schere auch bei anderem Beitrag

Mit der digitalen Schere wurde auch ein anderer Beitrag in der "heute-show" vom Freitag frisiert, dieses Mal allerdings klar für den Zuschauer erkennbar. In seinem Bericht vom AfD-Parteitag in Bremen hat Ralf Kabelka – bekannt geworden nicht zuletzt durch seine Abweisung als "heute-show"-Reporter im Bundestag – einen AfD-Sympathisanten befragt, der sich gerade die Demonstranten vor der Halle angesehen hatte. Der wollte zunächst nur dann antworten, wenn er "nachher auf den Zusammenschnitt" Einfluss bekommt. Doch dann überlegte es sich der Mann im blauen Sweater doch anders. "Die AfD ... hat von Demokratie keine Ahnung. Die AfD ... ist antidemokratisch", urteilt er, wobei jeweils dort, wo sich nun die Punkte befinden, gut sichtbar geschnitten wurde. Und so geht es weiter: "Ich würde einen Großteil der Funktionsträger ... im klassischen Sinne als Idioten bezeichnen", worauf sich Kabelka bedankt und der Sympathisant mit "Gerne" endet. So viel Satire muss der "heute-show" erlaubt sein.

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