Zynisch oder notwendig? : "Charlie Hebdo" mit Aylan-Karikatur

"Zwei Kindermenüs zum Preis von einem": Das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" nutzt den toten Flüchtlingsjungen Aylan als Vorlage für zwei Karikaturen

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Karikatur im französischen Satiremagazin "Charlie Hebdo".
Karikatur im französischen Satiremagazin "Charlie Hebdo".Foto: Twitter/Screenshot

Der dreijährige Aylan Kurdi liegt tot am Strand. Das Foto ist zum Emblem der Flüchtlingskrise geworden. Und jetzt zum Thema zweier Karikaturen im französischen Satiremagazin "Charlie Hebdo". Auf einer ist der tote Aylan gezeichnet. Auf dem Strand steht ein Werbeschild, darauf ist ein Clown zu sehen, er erinnert an die frühere Ronald-McDonald-Figur einer Fast-Food-Kette. Dort steht auf Französisch: "Angebot: Zwei Kindermenüs zum Preis von einem". Überschrieben ist die Karikatur mit dem Ausruf: "Willkommen, Flüchtlinge! So nah am Ziel...".

Auch in einer zweiten Karikatur geht es um die Flüchtlinge. Unter dem Titel "Der Beweis, dass Europa christlich ist" sieht der Betrachter eine Art Jesus Christus, der übers Wasser läuft, daneben taucht die Sprechblase auf: "Die Christen gehen übers Wasser". Neben Kinderbeinen, die aus dem Wasser ragen, heißt es: "Muslimische Kinder ertrinken". Beide Zeichnungen stammen von Laurent "Riss" Sourisseau, dem Karikaturisten, dem beim Anschlag auf das Satire-Magazin im Januar 2015 in die Schulter geschossen wurde.

Beide Karikaturen sind hart, ganz besonders jene mit dem toten Aylan. Sie schockiert. In den sozialen Netzwerken wird die Zeichnung mindestens als zynisch bezeichnet. Sie sei eine Verhöhnung des Kindes und seines Schicksals. Aber ist sie das allein? Steckt nicht eine böse Attacke auf das westliche Europa drin? Kinder als Konsumenten werden umworben, Kinder als Flüchtlinge werden alleingelassen bis zum Tod durch Ertrinken. Und dann werde, so die Suggestion der Jesus-über-dem-Wasser-Zeichnung, auch zwischen den Flüchtlingen nach Religionszugehörigkeit unterschieden - Christen viel gut, Muslime viel Pech.

Die überwiegende Mehrheit der Reaktionen bei Twitter und Facebook ist negativ. "Immer noch Je suis Charlie?", fragt ein Nutzer. "Charlie Hebdo" verliert Sympathiepunkte, aber kann ein Satiremagazin gut sein, das auf Sympathie aus ist?

"Charlie Hebdo" bekommt Medienpreis in Potsdam


Bei dem islamistischen Terroranschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ wurden im Januar in Paris zwölf Menschen getötet. Darunter waren die Zeichner Charb, Wolinski, Cabu, Tignous und Honoré, die zu den besten Karikaturisten Frankreichs gehörten. An diesem Donnerstag wird die Zeitschrift in Potsdam mit dem M100 Media Award ausgezeichnet, mit dem das Recht der freien Meinungsäußerung gewürdigt wird. Chefredakteur Gérard Biard wird den Preis auf der Medienkonferenz M100 Sanssouci Colloquium entgegennehmen. Seit dem Anschlag arbeitet das Team in Paris im Haus der Tageszeitung „Libération“. Demnächst sollen die Mitarbeiter in neue eigene Räumlichkeiten umziehen, wie Biard sagte. Ein neues Konzept für das Blatt gebe es nicht. „Wir setzen das fort, was wir bisher gemacht haben.“

Die Zahl der Abonnenten liegt laut Biard momentan bei etwa 180 000. Zudem gingen um die 100 000 Exemplare im freien Verkauf über den Ladentisch. „Uns ist sehr bewusst, dass das immer noch enorm ist“, sagte er. Vor dem Attentat wurden 60 000 Hefte gedruckt. Die Auflage der ersten Ausgabe nach dem Anschlag lag bei fast acht Millionen Exemplaren. Weltweit solidarisierten sich damals Menschen mit der Zeitung und ihren Mitarbeitern - unter anderem mit dem Slogan „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“). „Heute bekommen wir dieselbe Kritik und dieselben Vorwürfe, die ich „Ja, aber....“ nenne : „Ja, der Terrorismus ist nicht gut, aber.... ihr seid vielleicht zu weit gegangen“. Das haben wir immer gehört, und das haben wir sehr schnell wieder gehört“, sagte Biard.


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