Autohändler und der VW-Skandal : Vertrauen ist auch nur ein Gefühl

Gebrauchtwagenhändler haben schon immer einen miesen Ruf. Und dann kam auch noch die VW-Affäre. Wem kann man in dieser Branche überhaupt noch glauben? Na mir, sagt einer aus Berlin-Steglitz.

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Familienbetrieb. Michael Bigell wird seit November von seinem Sohn Pascal unterstützt.
Familienbetrieb. Michael Bigell wird seit November von seinem Sohn Pascal unterstützt.Foto: Mike Wolff

Er hat auch schon im Winter zwei Cabrios verkauft. Kurz vor Weihnachten. Da steckst du nicht drin, in diesem Geschäft. Die Jahreszeit sei jedenfalls nicht entscheidend, sagt Michael Bigell, in dessen Blick durch das Bürofenster hinaus in den nieseligen Winterregen beim besten Willen keine Verdrießlichkeit hineinzulesen ist. Stattdessen die zuversichtliche Gelassenheit eines Mannes Ende 50, der seit mehr als 30 Jahren mit gebrauchten Autos handelt.

Michael Bigells Büro liegt im Lichterfelder Weg, einem holprigen kleinen Wurmfortsatz der großen Steglitzer Goerzallee. In unmittelbarer Nachbarschaft: ein Schrottplatz, eine Werkstatt, eine Wiese. Wenden ist nur aufs Umständlichste möglich. Wer zu Michael Bigells „kleinem autoplatz“ will, kommt gezielt – und am besten zu Fuß. In Bigells Sinne wäre: Er fährt mit einem Auto wieder davon.

Ein Autokauf ist eine ernste Angelegenheit, ein bisschen aufregend auch, denn was von außen hübsch anzusehen ist, kann im Inneren faul sein. Dieses Jahr musste die ganze Welt erkennen, dass auch einem renommierten Konzern wie VW nicht zu trauen ist. Dass Betrug im Angesicht eines guten Geschäfts offenbar ein zu vernachlässigendes Übel wird. Allerorten hieß es nach Bekanntwerden der sogenannten „Abgasaffäre“, VW wolle das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen. Leicht wird das nicht.

Auf der Vertrauensskala ganz unten

Vertrauen ist ein großes Wort. Wer wüsste das besser als Michael Bigell, unterwegs seit Jahr und Tag in einer der verrufensten aller Branchen. „Das Klischee des Gebrauchtwagenhändlers ist doch so“, sagt Bigell und zwirbelt eine kleine Brille mit runden Gläsern zwischen den Fingern, „die bescheißen Leute, freuen sich drüber und sind außerdem ein bisschen dumm.“ Es ist ein paar Jahre her, da sagte mal einer zu ihm: „Sie sind aus der Tradition der Pferdehändler.“ Kein Kompliment, versteht sich. Bigell lacht. Doch wenn die Kunden ihm nicht trauen, kann das seine Existenz bedrohen. So richtig witzig ist es also nicht.

Kürzlich berichteten Fachzeitschriften über eine Studie des TÜV Rheinland, nach der 44 Prozent der befragten Autokäufer und -verkäufer Tachomanipulation für ein massives Problem halten. Bei knapp einem Drittel aller gebrauchten Wagen, so glauben sie, soll der Kilometerstand heimlich zurückgedreht worden sein. Misstraut wird in der Hinsicht allen, vom Fach- bis zum privaten Verkäufer. Ganz unten stehen Gebrauchtwagenhändler.

Die aber verkaufen, wenn sie es ehrlich meinen, ihre Autos nur mit korrekt geführten Serviceheften, in denen die Kilometerstände bei jeder Inspektion vermerkt werden. Oder aber, wenn es so ein Heft nicht gibt, mit der klaren Ansage: Für den Kilometerstand kann ich nicht geradestehen. Wenn eine alte Karre weniger als 100 000 Kilometer drauf hat, kann man sich einen Reim darauf machen. Kontrollieren aber, ob jemand daran gedreht hat, das kann man ohne Werkstatt kaum.

Authentizität ist wichtig

Bigell meint es ehrlich, sagt er. Und so hält es auch ein anderer unter Berlins 2263 Gebrauchtwagenhändlern, der in der Branche ebenso lange zugange ist und abenteuerliche Geschichten über Tricksereien, die ihm im täglichen Geschäft begegnen, zu berichten weiß. Er erzählt, es existiere ein Markt für geklaute Tüv- und Umweltplaketten, für Blankopapiere, für verbrannte Autos, deren Papiere und Seriennummern plötzlich einem markengleichen gestohlenen Wagen gehören.

Es ist das Bauchgefühl, das erfahrene Verkäufer in dieser Branche vor dubiosen Gestalten, Betrug und Falschgeld warnt. Sonst wären sie bald nicht mehr da, sagt Michael Bigell. Denn es ist doch so mit dem Betrug: Dem kurzfristigen Gewinn folgt unter Umständen ein langfristiger Verlust. Vor allem der des Rufs. Nicht umsonst gilt auch in ganz anderen Lebensbereichen als Vertrauensfrage: Würdest du von dem ein gebrauchtes Auto kaufen?

Doch wo, Herr Bigell, kommt es her, das Vertrauen? Und wie hält man es fest, als Autohändler?

„Indem man authentisch ist“, sagt er und schiebt hinterher: „und sich auf die Menschen einstellt.“ Wer Michael Bigell gegenüber sitzt in dessen kleinem Büro, holzvertäfelt, der große Schreibtisch mit ungezählten Briefen und anderen Schriftstücken beladen, der kann sich darauf einlassen. Oder eben nicht. Vertrauen ist am Ende auch bloß ein Gefühl. Wie soll man schon verlässlich beurteilen, ob jemand authentisch ist, den man gar nicht kennt?

„Autohandel ist wenig romantisch“, sagt Michael Bigell. „Da gibt es nicht zu viel Gequatsche.“ Dafür die Hand drauf, wenn ein Deal zustande kommt. So ist es ihm jedenfalls am liebsten.

Lieber kein Geschäft als ein faules

Es ist sicher keine schlechte Eigenschaft für einen Autohändler, auf den ersten Blick ein bisschen knurrig zu wirken, groß und stämmig ohnehin, auf den zweiten Blick dann freundlich und verbindlich, ohne Zweifel standhaft an gewissen Prinzipien festhaltend. Bigells Prinzipien lauten: Farbe und Ausstattung der anzukaufenden Autos sind egal, solange Papiere und Unterlagen stimmig sind und vollständig; einmal verkaufte Fahrzeuge werden nicht zurückgenommen.

Für Verfehlungen der Kategorie VW existiert hier in Steglitz eine eigene Formel: Gier frisst Hirn.

Bigell hat selbst solche Momente erlebt. Da war zum Beispiel der Ankauf eines Volvos. Vielleicht zu schön, um wahr zu sein. Kurz nachdem das Geschäft abgewickelt war, stand die Polizei bei ihm und beschlagnahmte das Auto. Der Vorbesitzer hatte den Wagen mit ungedeckten Schecks bezahlt. Immerhin: Als alles aufgeklärt war, durfte sich Bigell das Auto zurückholen. Kann man nicht ahnen sowas, klar. Trotzdem war er ein andermal vorsichtiger.

Da rollte ein rotes Audi-Cabriolet auf den Platz, darin ein junges Pärchen. Der Wagen sei vom Onkel, erklärte der Mann. Dieser lebe in Stuttgart, sei jederzeit anrufbar. Bigell griff zum Telefon. Es ging niemand dran. „Auch der Preis machte mich misstrauisch“, erzählt er, „der Wagen war gut 12 000 Euro wert, verkaufen wollten sie ihn für 7000.“ Er lehnte ab – und las später in der Zeitung: „Die Kriminalpolizei Stuttgart bittet die Berliner um Mithilfe. Sie sucht ein rotes Audi-Cabriolet, das nach einem Mord in Stuttgart gestohlen wurde. Der Eigentümer war am 8. April tot in seiner Wohnung gefunden worden. Unbekannte hatten ihn überfallen und mit einer Plastiktüte erstickt.“

Autoplatzhändlerinstinkt. Lieber kein Geschäft als ein faules. Darauf schnurrt beim Gebrauchtwagenhändler zusammen, wofür ein Großkonzern ausladend formuliert. Ganze 24 Din-A4-Seiten umfasst das Compliance-Regelwerk von VW, die Verhaltensgrundsätze sind aufgeschlüsselt in allerlei Kapitel: der Umgang mit Insiderinformationen, die Korruptionsbekämpfung und, natürlich, der Umweltschutz. „Wir bekennen uns zum fairen Umgang mit unseren Geschäftspartnern“, steht darin. Eine Selbstverständlichkeit – eigentlich.

Familie statt Konzern

Michael Bigell leitet keinen milliardenschweren Konzern. Er hat eine Familie.

Draußen im Nieselregen steht nun sein Sohn Pascal, 29 und seit November mit im Geschäft, zwischen den Autos, die ein paar Farbflecken sind im Grau dieses Tages. Opel, Mazda, Kombis, Kleinwagen, alles dabei. Er streckt die Arme aus, zeigt nach hier und dort, neben ihm eine schwarzhaarige Dame, die mit ernstem Gesicht nickt. Sie, ehrenamtliche Tierschützerin, sucht ein Auto mit niedrigem Einstieg, damit die kranken Hunde, die sie gelegentlich transportiert, gut hineinkrabbeln können.

Seit 20 Jahren sitzt Bigells Unternehmen schon an dieser Stelle. 1500 Quadratmeter Fläche, Büro, eine kleine Werkstatt, ein Hundezwinger, ein Dixieklo und rund 40 Wagen zum Verkauf, von denen im Idealfall keiner länger dort steht als 90 Tage. Zwischen 500 und 10 000 Euro kosten die meisten der Autos. „Nicht zu viele Schrottbuchteln, sondern auch Höherklassiges“, so wünscht es sich der Chef.

Für 800 Euro will ein junger Mann einen alten Opel Vectra verkaufen, neuer Tüv, bisschen Rost. Faire Preisvorstellung, meint auch Bigell, doch werde er ihm 300 bieten, mehr nicht. Muss ihn ja selber noch verkaufen, weiß er denn, wie viel er dafür bekommen kann? Dass es am Ende 800 sein werden, mag Geschäftssinn sein oder Glück oder beides. Der Opel ist jedenfalls bald wieder weg.

Neu reingekommen ist dagegen dieser bordeauxrote Wagen, gerade haben sie ihn mit 4200 Euro ausgezeichnet. Hier, sagt Bigell und nickt: Unregelmäßigkeiten im Lack, minimaler Farbunterschied, doof, dass ihm das nicht gleich aufgefallen ist. Wird er auf jeden Fall erwähnen, im Gespräch mit Interessenten.

Natürlich verkauft Michael Bigell auch Wagen aus der VW-Familie. Es ist das Pfund des Gebrauchtwagenhändlers, dass seine Kunden nicht einer Marke vertrauen, sondern dem Typ, der vor ihnen steht.

Ein Auto ist ein Auto ist ein Auto

Für sein ganz persönliches Fortkommen ist Bigell nur wichtig, dass ein Wagen vier Räder hat und fährt. Und dass ein großer Hund hineinpasst. „Ich habe im Leben noch keine Alufelge gekauft“, sagt er. „Dafür aber zehn Fahrräder.“ Denn das kommt ja noch dazu: Autofahren gehört nicht mal zu seinen liebsten Beschäftigungen. Fahrradfahren hingegen sehr. Das einzige Auto, von dem er beinahe liebevoll erzählt, ist eins seiner ersten. Ein VW-Käfer, selbst lackiert „in Schlüpferblau“. Die Nachkäferzeit ist gezeichnet von Pragmatismus.

Acht Autos besitzt ein Deutscher laut Statistik in seinem Leben durchschnittlich, rund 54 Jahre ist er mit ihnen unterwegs, was ihn insgesamt etwa 300 000 Euro kostet. Der Großteil des Geldes geht drauf für den Kauf, der zweite Posten für den Kraftstoff, der dritte für Steuern und Versicherung und immerhin fast 20 000 Euro für die Pflege. Und doch zeigen Umfragen, dass Autos längst kein Statussymbol mehr sind.

Michael Bigell vertritt ohnehin die Meinung: Ein Auto ist ein Auto ist ein Auto. Natürlich hat er auch schon jemandem, der beruflich viel bei Kunden vorfährt, eher einen BMW ans Herz gelegt als einen Seat. Andererseits kann er vor allem auch seinen weiblichen Kunden, die sich eigentlich bereits entschieden haben, dann wieder kurz zögern – Meinen Sie, ich sollte mir vielleicht doch noch einen anderen Wagen ansehen? – guten Gewissens raten: Nehmen Sie den Autokauf nicht so ernst!

Gesamtgeschäft in Milliardenhöhe

Eine leise Stimme im Land der Autofahrer. Das Kraftfahrtbundesamt, das regelmäßig die Zahl der registrierten Fahrzeuge in Deutschland ermittelt, zählte zum 1. Januar dieses Jahres 62,4 Millionen und damit 900 000 mehr als noch im Jahr zuvor. Mitgezählt sind dabei auch Anhänger und Wagen mit Saisonkennzeichen – sowie 44,4 Millionen ganz normal zugelassene Pkw. Immerhin 65,1 Prozent davon sind deutsche Marken, die meisten darunter wiederum: VW, 21,5 Prozent.

Das Gesamtgeschäft bewegt sich in Milliardenhöhe. VW allein berichtete noch Ende April von wunderbaren Umsätzen im ersten Quartal – gestiegen um 10,3 Prozent zum Vorjahreszeitraum, auf 52,7 Milliarden Euro. Wie viel der Skandal das Unternehmen kosten wird, ist noch kaum einschätzbar, vorstellbar ohnehin nicht: zig Milliarden Euro.

Aber natürlich, das ist eine andere Liga als hier in Steglitz, im selbst proklamierten „Feld-, Wald- und Wiesenhandel“. Da sitzt nun Michael Bigell in seinem Büro, umgeben von sieben alten, still stehenden Wanduhren und erzählt von früher. Auch da ging’s ums Geld. Aber irgendwie, nun ja, entspannter.

Ein Rat nach Wolfsburg: aufpassen

Mit 18 fing er an auf dem Gebrauchtwagenmarkt in Siemensstadt. Da hat er Wagen für Bekannte verkauft, um ein bisschen Geld zu verdienen. Saß mit Klappstuhl und Thermoskanne neben dem Auto, Preisschild im Fenster. „Dort ging es noch gemütlich und menschlich zu“, sagt er.

Er habe häufig geflucht, sagt er, während er in den vergangenen Wochen Nachrichten sah. VW-Nachrichten. Kann sein, dass mal ein Kunde meint, so wie er das macht, geht es nicht. Aber so wie VW es macht – so geht’s ganz sicher nicht. Ein Ratschlag aus Steglitz nach Wolfsburg: aufpassen, dass nicht immer noch mehr schlechte Neuigkeiten nachkommen. Und vor allem: „Selbstverständlichkeiten wie die Übernahme der von Kunden zu wenig gezahlten Kfz-Steuern nicht als Gefallen ausgeben.“

Je größer das Vertrauen, desto größer auch der Schmerz, wenn es missbraucht wird. Das gilt nicht erst seit dem VW-Skandal. Einmal kam ein junger Kerl zu Bigell und hat ihm den Wagen seines Vaters verkauft. Das schien eine saubere Sache zu sein, ein Gefallen in der Familie. Dann kam heraus, dass der Sohn seinen eigenen Vater bestohlen hatte. Dem gab Bigell sein Auto natürlich zurück.

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