Berlin Potsdamer Straße : Die Sackgasse des alten West-Berlin wird aufgebrezelt

Ein Stripklub, ein Fischlokal, viele Galerien, jeder Meter anders. Die Potsdamer Straße ist in ihrer Vielfalt einzigartig. Wer hier wohnt, sagt: Die „Potse“ schmeckt nach Berliner Flair. Schwer zu sagen, ob diese Mischung so bleiben kann.

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unDöner, Sexshop, Möbelladen ,und, und, und... Potsdamer Straße in Berlin Foto: Kai-Uwe Heinrich
unDöner, Sexshop, Möbelladen ,und, und, und... Potsdamer Straße in BerlinFoto: Kai-Uwe Heinrich

Berit Uhlhorn hat ein genaues Bild von ihrem Arbeitsumfeld. Die große schlanke Frau weist durch das Fenster ihres Ateliers hinaus auf die Potsdamer Straße. „Acht leere Gewerbelokale in Sichtweite“ gab es, als sie vor zehn Jahren das „Tatau obscur“ eröffnete. Inzwischen sei ihre „Tattooartgallery“, in der sie auch Kunstausstellungen macht, schon fast eine Luxuslage. Berit Uhlhorn, Tätowiererin, sitzt in engem lila Pullover und silbrig glänzender Hose auf dem Sofa in ihrem Ladenlokal, gegenüber hängen von ihr importierte japanische Kimonos. Die Potsdamer Straße mit ihrem dubiosen Charakter betrachtet sie mit Distanz und Interesse. Von Leerstand aus der Zeit, als kaum jemand hier ein Geschäft eröffnen wollte, ist fast nichts mehr zu sehen. Ein „anderes Publikum“ komme jetzt in die Gegend, sagt Uhlhorn, eines mit Geld und Stil. Das sei nicht nur schön.

Berit Uhlhorn betreibt die "Tattooartgallery" in der Potsdamer Straße. Foto: David Heerde
Berit Uhlhorn betreibt die "Tattooartgallery" in der Potsdamer Straße.Foto: David Heerde

Die Potsdamer Straße wird mal wieder eine andere. Sackgasse des alten West-Berlin ist sie gewesen: altmodischer Einzelhandel neben Lotto-Annahmestellen, geradewegs auf einer Brache an der Mauer endend, das tote Ende der halben Stadt. Nach dem Mauerfall dann Großstadtmeile: direkter Zugang zum Potsdamer Platz. Bloß dass vom Potsdamer Platz nichts Neu-Großstädtisches hinüberstrahlte auf die „Potse“. Seit ein paar Jahren: abermals Galerienstandort, wie schon damals, bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Doch auch und immer noch eine Straße mit fragwürdig-zweideutigem Charakter, nicht auf einen Begriff zu bringen, zu erkennen nur aus verschiedenen Perspektiven, durch die Augen von Alt-Anwohnern und jungen Gewerbetreibenden, eine Straße, deren Bild sich aus Fragmenten ergibt; eine, in deren Nachbarschaft jetzt rund 240 Eigentumswohnungen entstehen, gesäumt vom neuen Gleisdreieck-Park. Wird die Potse aufgebrezelt?

Schaufenster wie eine Dauerwerbung

Vincenz Sala steht noch immer in rundem, nach rechts geneigtem Schwung über dem Ladenlokal mit zwei großen Fenstern. Darin sitzt jetzt Alfons Klosterfelde, ein junger Mann mit Vollbart und Tweedjackett. Er verkauft Kunst, Drucke und kleine Objekte, von denen es nicht nur ein Original gibt, sondern eine Serie, „Editionen und Multiples“. Sie lagern in den Originalregalen von Salas Schreibwarenladen. Klosterfelde hat den Laden übernommen, wie er war. Das Interieur ist von 1938, als die „Bürowarenhandlung“ eröffnet wurde, wie Sibylle Nägele und Joy Markert in ihrem schönen Buch über die Potsdamer Straße schreiben.

„So tolle Räume wie diese gibt es hier noch“, sagt Alfons Klosterfelde. Er hat die Potsdamer Straße über seinen Bruder kennengelernt, der in der Nähe eine Galerie betrieb. In einem der hinteren Räume von Vincenz Salas ehemaligem Ladenlokal steht ein alter Panzerschrank. Man passiert einen Uralt-Heizkörper, dessen Warmwasserzufluss nicht per Drehventil geregelt wird, sondern durch einen länglichen Handhebel, links warm, rechts kalt. So fühlt sich Berliner Geschichte an. Die großen Schaufenster wirken wie eine Dauerwerbung für eine Beschäftigung mit Kunst. Täglich kämen 20 bis 30 Leute, sagt Klosterfelde. Bei einem Galeriebetrieb kann man da schon fast von Laufkundschaft sprechen. Eigentlich sei er ja in einer „unattraktiven Gegend“, sagt er. Aber „hier passiert einfach die ganze Zeit etwas“, man werde „angeregt durch die Energie, die hier fließt“.

Eine Straße als Kontrastprogramm

Energie, die fließt, teilweise aber auch stinkt und lärmt. Die Potsdamer Straße, verkehrsmäßig dauerüberlastet, ein dröhnender, nach Dieselabgasen riechender Fluss, ist auf eine seltsame Weise anziehend. Wie sie schon aussieht: Zweigeschosser neben gepflegten Altbauten mit den klassischen vier Etagen und Fassaden, die von vergangenem Wohlstand erzählen. Moderne Bürohäuser, das frühere Tagesspiegel-Redaktionsgebäude mit dem Zehngeschosser daneben, wo jetzt Galerien untergebracht sind. Gegenüber der weite Hof der Syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien in Berlin. Weiße Wände neben abgasgrau-geblichenem Putz, Glitzer neben Kreuzen, ein Bestattungsinstitut neben dem Devotionalienhandel „Ave Maria“, Automatenkasinos, ein Stripklub, ein Fischlokal, „Taxi-Bildungszentrum“ neben „Drucker-Oase“ neben „Berliner Bratwunder“, Neon und Schummerlicht, jeder Meter anders. Eine Straße als Kontrastprogramm.

Gemocht wird sie trotzdem – oder deswegen. Die Potsdamer Straße habe „Charakter“, sagt Sibyll Klotz, grüne Stadträtin für Stadtentwicklung im Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, als solche für einen Abschnitt der Straße zuständig, außerdem ehemalige Anwohnerin. Regine Wosnitza ist eine weitere Langstrecken-Kennerin. Sie wohnt in der Gegend seit den frühen 80ern, bloggt über die Potsdamer Straße, gehört zum Quartiersrat, in dem sich engagierte Bewohner der Gegend treffen. Regine Wosnitza findet die Potse „auf den zweiten Blick liebenswert“ und sagt: „In der Bergmannstraße krieg’ ich fast einen Kulturschock. Ein Restaurant neben dem andern, und alle sitzen draußen, als ob sie nichts zu tun hätten.“ Jörg Krohmer, Quartiersmanager am Magdeburger Platz, auch er viele Jahre Anwohner, schmeckt auf der Potsdamer Straße „Berliner Flair“. Noch.

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