Moabit, diesmal aber wirklich : Die Möglichkeiten einer Insel

Jetzt geht es aber endlich los mit Moabit! Heißt es seit Jahrzehnten. Doch die Geschichte des Stadtteils ist auch die Geschichte zahlloser Rückschläge, Abwanderungen und Enttäuschungen. Warum Menschen wie Gerd Töpper heute trotzdem wieder zuversichtlich sind.

von
Moabit. Auf dem Sprung zum Trendbezirk - seit Jahrzehnten.
Moabit. Auf dem Sprung zum Trendbezirk - seit Jahrzehnten.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Gerd Töpper zögert. Verständlich, wer verrät schon gern sein Geschäftsgeheimnis. Und er muss eines haben. Immerhin gibt es seinen Laden jetzt seit 34 Jahren. Das können nicht viele von sich behaupten in dieser Ecke von Moabit. Bei Töpper läuft es. Allein in den vergangenen zehn Minuten waren vier Kunden da. Nicht schlecht für einen noch sehr frühen Mittwochnachmittag.

Also, wie kommt ein gelernter Fernmeldetechniker zu diesem Geschäft? Töpper, 58, senkt die Stimme zum Verschwörerton, beugt sich vor und sagt: „Ich dachte mir, gesoffen wird immer …“, und nach einer kurzen Pause fährt er fort, „ob die Zeiten nun gut sind oder schlecht.“ Dann blickt er in die Runde auf sein Sortiment: wohl an die 100 Biersorten. Einmal kurz schaukelt sein Zopf. Kein Karl-Lagerfeld-Pferdeschwanz, sondern so ein langer, dünner Zopf, mit kleinen Lederriemen zusammengebunden.

„Moabit. Ort ohne Dresscode“, ließ das Quartiersmanagement vor fünf Jahren auf Sticker drucken und stadtweit verteilen. Es war der Versuch, dem Bezirk ein neues Selbstbewusstsein zu geben. Während Neukölln sich anschickte, cool zu werden, nämlich Kreuzberg als Szenebezirk wenn schon nicht abzulösen, so doch in „Kreuzkölln“ wenigstens zu ergänzen, verharrt Moabit seit Jahren im Stadium des Versprechens. Und das geht so: Irgendwann kommt dieser Bezirk, wird er zum Hotspot. Die Frage ist nur, wann?

Hier waren sie alle, Borsig, AEG und Loewe

Gerd Töpper hat seinen Getränkeladen 1982 in der Bredowstraße eröffnet. Eng ist der, mit selbst gebauten Holzregalen. Hinter dem Verkaufstresen biegen sich die alten Resopalböden, die er noch vom Vorgänger übernommen hat, unter exotisch anmutenden Flaschen, die aus aller Welt kommen. Wenn irgendwo in dieser Stadt ein Bierladen eine große Zukunft haben musste, dann doch hier, in einem Bezirk, der vor 100 Jahren Feuerland genannt wurde, wegen der vielen Fabrikschornsteine.

Hier waren sie alle, Borsig, AEG und Loewe mit seiner Werkzeugmaschinenfabrik. Als Töpper aufmachte, qualmte es immer noch, vielleicht nicht mehr so stark wie vor dem Krieg. Aber da war Siemens mit seiner Turbinenfabrik, und drüben drehte Rothmanns Zigaretten im Huttenkiez, und überall verdienten Arbeiter gut – und hatten Durst.

Die Ladentür geht auf: „Haben Sie diese Fanta in der Retroflasche als Ein-Liter-Abfüllung?“ Töpper muss passen, dabei ist er auch bei Limonade gut sortiert. „Soll ich Ihnen noch ein Geheimnis verraten?“ Natürlich, wer will keine Geheimnisse hören! „Ich mag gar kein Bier. Ich kann nur gut zuhören. Und weitererzählen, was mir die Bierliebhaber berichten.“ Es muss wohl diese Form von Flexibilität gewesen sein, die Töpper über die Jahrzehnte getragen hat. Und andere in Moabit scheitern ließ.

Dabei sah alles gut aus, damals, als die Mauer fiel

Gescheitert sind viele. „Schauen Sie sich doch bloß die Turmstraße an“, sagt Töpper, „das war mal unsere Schlossstraße.“ Er meint damit die Einkaufsmeile in Steglitz, die Straße mit der größten Einzelhandelsdichte Berlins. „Wir hatten Schuhgeschäfte“, sagt er, „mindestens acht. Plus Hertie und Woolworth. Was haben wir jetzt? 25 Backshops und kein Kaufhaus.“ Irgendetwas muss schiefgelaufen sein in Moabit.

Dabei sah doch alles gut aus, damals, als die Mauer fiel. Vom Rand rückte Moabit in die Mitte. Das Innenministerium zog an die Spree, der Hauptbahnhof wurde gebaut, und alle dachten, jetzt geht es los, die Insel wird Festland, so wie das große West-Berlin doch auch. Das Gegenteil passierte, sagt Töpper. Es gab keine Berlin-Zulage mehr. Allmählich verschwanden die gut verdienenden Arbeiter aus Moabit. Die Ärzte und die Geschäftsleute ebenfalls.

Wer es sich leisten konnte, zog ins Umland, um sich dort den Traum vom eigenen Haus zu erfüllen, den er sich im eingemauerten West-Berlin nie hätte erfüllen können. Die Studenten wollten jetzt lieber nach Prenzlauer Berg oder Friedrichshain, die alteingesessenen Geschäfte machten dicht und „wir kriegten die Backshops, die Spätis und die Spielotheken“, sagt Töpper, „die Mischung stimmte nicht mehr.“ Bei Töpper stagnierte das Geschäft. Und selbst das Innenministerium zog wieder weg.

6 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben