Tagebuch einer Brustkrebspatientin : "Hast du etwa Krebs, Mama?"

Der Knoten in ihrer rechten Brust entpuppte sich als Krebs. Katrin Bendrich hat ihre Krankheit in einem Tagebuch verarbeitet. Wir dokumentieren es in Auszügen.

Katrin Bendrich
"Intuitiv nahm ich an, dass das, was meine Diagnose in meinen Kindern auslösen würde, von meinem Verhalten abhängig war." - Katrin Bendrich mit ihren beiden Töchtern.
"Intuitiv nahm ich an, dass das, was meine Diagnose in meinen Kindern auslösen würde, von meinem Verhalten abhängig war." - Katrin...Foto: privat

Freitag, 11. Oktober 2013:            

Mein Frauenarzt schickte mich in ein schwarzes Wochenende. Der Knoten in meiner rechten Brust entpuppte sich als Tumor. Schlimmer noch: Es waren zwei.

„Die Dinger müssen da raus. Was auch immer das ist.“, sagte

Dr. S. Noch immer lag ich mit freiem Oberkörper auf der Liege im Behandlungszimmer. „Sie dürfen sich wieder anziehen.“, hörte ich ihn sagen. Träge raffte ich mich auf. Jede Bewegung verursachte einen ziehenden und klopfenden Schmerz in meiner rechten Brust. Es war, als spürte ich die Tumore mehr denn je. Seit ein paar Tagen zog der Schmerz bis zu den Lymphknoten, die Dr. S. in seiner Untersuchung als „gut aussehend“ bezeichnet hatte. Darüber mache er sich erst einmal keine Sorgen.

Erst einmal?

Ich war heute zu Dr. S. gegangen, um meine gynäkologische Generalüberholung hinter mich zu bringen. Keine Spur von Beunruhigung. Zumindest bis vor wenigen Minuten.

Ich bekam die Telefonnummer eines renommierten Berliner Brustzentrums in die Hand gedrückt. „Lassen Sie sich mit Frau O. verbinden und berufen Sie sich auf mich. Das ist die Sekretärin. Ich habe dort viele Jahre als Oberarzt gearbeitet und kenne sie sehr gut.“ Ich verabschiedete mich. „Versuchen Sie es am besten gleich. Und das da…“, hörte ich Dr. S. hinter mir sagen, „…legen Sie mal schön wieder zurück.“ Ich drehte mich zu ihm. Er deutete auf die Broschüre der deutschen Krebshilfe neben meiner Handtasche, mit der ich mir im Wartezimmer  die Zeit vertrieben hatte. „Noch brauchen Sie die nicht.“ Sein zuversichtliches Zwinkern überzeugte mich wenig. Mir war schon während der Untersuchung ein für mich beängstigender Unterton aufgefallen. Dr. S. hatte zwar viel Humor. Dennoch glaubte ich eine unbehagliche Dringlichkeit in seinen Worten zu vernehmen. 

 Ich erreichte Frau O. von meinem Handy und war erleichtert, als ich auflegte. Mein Termin stand. In vier Tagen. Ich sollte viel Zeit mitbringen. „Die Untersuchungen werden dauern. Danach haben Sie Gewissheit.“, versicherte mir Frau O. Sie war ausgesprochen freundlich. Das tat mir gut. Ich sollte mir nicht zu viele Sorgen machen und das Wochenende genießen.

Ich befolgte ihren Rat gefühlte zehn Sekunden. Nachdem ich die Frauenarztpraxis verlassen hatte, ergriff mich eine unsagbare Panik. Zwei Tumore. Beide so groß wie Walnüsse. Was nutzten mir da ganz passabel aussehende Lymphknoten? Die Ränder der Tumore „gefielen“ Dr. S. nicht. Schrumpfte damit nicht die fünfzigprozentige Chance auf Gutartigkeit in den Minusbereich?  

Vor zwölf Jahren heulte ich schon einmal auf dem ganzen Weg von meinem Frauenarzt bis nach Hause. Damals war ich schwanger. Mit einem Mal schien alle Welt schwanger zu sein. Überall sah ich Frauen mit dicken Bäuchen und Mütter mit Säuglingen im Arm. Diesmal hatte sich meine Wahrnehmung auf makabre Weise verändert. In jedem zweiten Schaufernster standen Urnen und Särge.

Vor einem Bestattungsinstitut blieb ich stehen und ließ die Auslagen auf mich wirken. Es gibt noch keinen Grund zur Panik, sagte ich mir. Es sind einfach nur zwei Tumore. Einer mehr oder weniger, was macht das für einen Unterschied? Immerhin blieben mir noch vier Tage bis zur endgültigen Diagnose. Dr. S. hatte nur von Verdacht gesprochen. Vielleicht wäre es trotzdem gut, mich in einem gesunden Maß mit dem Thema Krebs auseinander zu setzen, überlegte ich. Ich wusste es nicht. Und: Was war ein gesundes Maß? Ich starrte auf einen Marmorsarg, der auf mich zu warten schien. Augenblicklich wusste ich nur eins: Ich wollte verbrannt werden.

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