Vor der Abgeordnetenhaus-Wahl : Die AfD will Berlin ganz leise gewinnen

Beim Siegesjubel ist in der AfD schon Routine eingekehrt, sie gibt sich staatstragend. In Berlin wird sich zeigen, wie stark die Partei ist. Ihr Spitzenkandidat verkündet: Wir werden regieren!

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Die Bundesvorsitzenden Frauke Petry und Jörg Meuthen bei der Pressekonnferenz am Tag nach dem AfD-Erfolg.
Die Bundesvorsitzenden der AfD, Frauke Petry und Jörg Meuthen.Foto: Michael Kappeler/dpa

Ganz rechts außen sitzt Georg Pazderski und grinst. Neben ihm umarmen sie sich, feiern. Pazderski, die leicht grauen Haare streng zurückgekämmt, dunkler Anzug, beobachtet es zufrieden. Das hier ist nicht sein großer Auftritt. Die Show überlässt er seinem Parteifreund Leif-Erik Holm, der die AfD in Mecklenburg-Vorpommern gerade mit mehr als 20 Prozent in den Landtag geführt hat.

Doch sein Moment kommt noch. Pazderski ahnt es. In knapp zwei Wochen wählt Berlin, dann könnte er als Spitzenkandidat die AfD in der Bundeshauptstadt etablieren. Und er ahnt, dass stimmt, was viele in der AfD schon lange behaupten: Wenn sie es in Berlin schaffen, können sie es überall schaffen.

Haus der Bundespressekonferenz, ins Erdgeschoss hat die Alternative für Deutschland jede Menge Journalisten geladen, die ihre Botschaft in die Welt senden sollen. Was Jubelfeiern betrifft, ist bei der AfD inzwischen so etwas wie Routine eingekehrt. „So sehen Sieger aus“ ist auf einem etwas zu kitschig gehaltenen Plakat zu lesen. Darauf sind drei stilisierte Goldmedaillen zu sehen, von denen eine das Konterfei des 45 Jahre alten Holm ziert. „Goldene Zeiten für mutige Bürger“, steht darunter. Auf den Triumph von Schwerin waren sie bei der Bundes-AfD offenbar gut vorbereitet. Fast ist sogar ein bisschen Enttäuschung zu spüren, dass es nicht noch mehr Prozente geworden sind.

Der Erfolg schweißt zusammen

Vor dem Jubel-Plakat sitzen in einer Reihe die Führungskräfte der Partei. Den künftigen Schweriner Fraktionschef Holm haben sie in der Mitte platziert – was auch den Vorteil hat, dass die beiden als zerstritten geltenden Parteichefs Frauke Petry und Jörg Meuthen nicht nebeneinander sitzen müssen.

Leif-Erik Holm hat das Wort: „Liebe Kollegen ...“ sagt er und ein missfälliges Raunen geht durch den Saal. Der ist proppevoll und eigentlich viel zu klein. Es sind Tage wie dieser, an denen die AfD ganz besonders die Nähe zu den so verhassten Medien sucht, die Parteichefin Petry als „Pinocchio Presse“ und die meisten Parteimitglieder offen als „Lügenpresse“ bezeichnen. „Kollegen“ möchten sich die Journalisten von AfD-Mann Holm dann aber doch nicht nennen lassen – auch wenn der früher mal als Radiomoderator gearbeitet hat.

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AfD will „langfristig in Deutschland regieren“
AfD will „langfristig in Deutschland regieren“

Es bleibt der einzige Patzer bei dieser medialen Siegesfeier. Selbst Petry und Meuthen vertragen sich, der Erfolg schweißt offenbar zusammen. Und nachdem die AfD lange vor allem als Protestpartei Wählerstimmen gesammelt hatte, präsentiert sie sich nach der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern auf ganz andere Art: staatstragend.

Zum Dauerkrach mit Petry lässt Meuthen sich nur den Satz entlocken, man pflege eine „völlig normale Zusammenarbeit“. Man könne doch froh sein, dass bei der AfD nicht jeder Konflikt unter den Teppich gekehrt werde, anders als bei der CDU. Dem habe sie nichts hinzuzufügen, sagt Petry, ihr Lächeln wirkt fast ehrlich.

Die AfD ist eine Marke, bekannt werden muss sie nicht mehr

Überhaupt die CDU. Holm schimpft auf die „offenen Scheunentore“, die Angela Merkel zu verantworten habe und durch die nun immer mehr Flüchtlinge ins Land kämen – auch, wenn Merkel, längst ihre Politik geändert hat. Etwas patzig reagiert Petry erst, als sie gefragt wird, was die AfD denn mache, wenn das Flüchtlingsthema nicht mehr ziehe. Man sei doch keine Ein-Themen-Partei, entgegnet sie.

Wenn die AfD eine Lehre aus ihren jüngsten Wahlsiegen ziehen kann, dann die, dass sie ständige Provokation und Tabubrüche nicht mehr braucht. Sie ist längst zu einer Marke geworden, bekannt in ganz Deutschland. Nur einen Aufreger leistete sich Holm im Wahlkampf. Am Tag nach dem großen Triumph, verteidigt er den erfolgreichen AfD-Direktkandidaten Ralph Weber kurz. Der hatte als Juraprofessor in Greifswald den bekennenden Neonazi Maik Bunzel promoviert. Holm sagt nur, es könne ja nicht sein, dass die Gesinnung darüber entscheide, wer promovieren dürfe.

Trotzdem scheint sich langsam ein Strategiewechsel bei den Rechtspopulisten abzuzeichnen. Anders als seine ostdeutschen Rechtsaußen-Kollegen Björn Höcke in Thüringen und André Poggenburg in Sachsen-Anhalt hatte Holm allzu krawallige Auftritte vermieden. Trotzdem ist er an der CDU vorbeigezogen. Die Genugtuung ist ihm anzumerken. Einer der Wahlkampfmanager hatte es kurz vor Schließen der Wahllokale am Vortag noch deutlicher formuliert: „Wissen Sie, niemand wollte uns haben, wir werden angefeindet und stigmatisiert. Aber in ein paar Stunden wird alles anders sein, wir werden Deutschland dann verändert haben.“

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