Essen & Trinken : betucht Gut

Nicht einmal die Windsors kommen an diesem Trend vorbei: Küchenhandtücher

von

Skandal! Da mussten die Briten schon so lange auf gute Nachrichten aus dem Königshaus warten – und dann verdirbt ihnen der Lord Chamberlain den ganzen Spaß am Hochzeitsfest. Es soll, so verkündete er im Winter, unter den Memorabilien keine offiziellen tea towels geben: Küchenhandtücher waren dem Königshaus zu profan als Souvenir. Die Empörung der Untertanen war so gewaltig, dass die Entscheidung revidiert werden musste. Denn die Briten lieben ihre tea towels noch mehr als ihre Monarchen. Kein Museumsshop, kein Andenkenladen kommt ohne sie aus.

Wahrscheinlich hat die Fehleinschätzung der Bedürfnisse des Volkes nicht nur damit zu tun, dass die Royals zu selten abtrocknen. Sie gehen auch zu selten shoppen. Denn wenn sie mal durch moderne Einrichtungsläden, Edel-Kaufhäuser und Galerien streifen würden, ob in Oxford, London, Berlin oder Stockholm, hätten sie sich die Augen gerieben: Überall liegen Geschirrhandtücher als Design-Objekte aus, mal knallig und mal zart, aber immer frisch, fröhlich und modern, gestaltet von Künstlern, Grafikern und Illustratoren, die das weiße Tuch als perfekte Leinwand entdeckt haben.

Denn der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Auf dem Tuch haben nicht nur Kochtöpfe und -löffel Platz, sondern auch tanzende Mammas und malerische Ölsardinenbüchsen, Osterhasen und Artischocken, Fahrräder und feingliedrige Blätter, abstrakte Muster, vieles seriell, gern im Retro-Look. Nur ein bisschen plakativ sollte das Design sein, man muss es ja auch im schmal hängenden Zustand erkennen. Die Kunden geben gern 15 oder 20 Euro für so einen Kunstdruck aus, um sich oder anderen die Arbeit in der Küche zu versüßen. Dabei sind die Tücher vielen Leuten viel zu schön zum Beschmutzen: Sie rahmen sie ein und hängen sie an die Wand. Das Geschirrhandtuch ist das Poster von heute.

Zu den Pionieren der neuen Welle gehören Sally und Dave Emery. Das junge Paar aus Oxford – sie Marketingexpertin, er Webdesigner – hatte schon lange Spaß an Design, „an farbenfrohen Sachen, die alles aufhellen“. Als sie sich umsahen, stellten sie fest, dass zwar fast alle Designer Geschirrtücher entwarfen, es aber keinen zentralen Ort gab, sie zu kaufen. Also gründeten sie den Onlineversand „To Dry For“. Geschirrhandtücher, auch das sprach für die Unternehmensidee, sind schließlich leichter zu verschicken als zerbrechliche Tassen oder sperrige Stühle.

Mit 30 Modellen fing das Paar vor drei Jahren an, heute haben die beiden 130 im Angebot (darunter natürlich auch eins zur Prinzenhochzeit, mit Corgi, dem Lieblingshund der Queen) und einen eigenen Laden. Ihre „funktionalen Kunstwerke“ liefern sie an Privatkunden, Kaufhäuser wie Liberty’s oder das Design Museum.

Wenn schon spülen, dann aber mit Vergnügen: Neben Angelsachsen – Briten, Australier, Amerikaner – sind es vor allem die Skandinavier, die für ihre modernen Designer-Küchenhandtücher bekannt sind. Das fing schon in den 50er Jahren an, einige der heutigen Modelle sind auch Neuauflagen alter Entwürfe. Sten Rasmussen, der in seinem Laden Scandinavian Objects in Prenzlauer Berg einige anbietet, hat eine einfache Erklärung: „Skandinavier verbringen viel mehr Zeit drinnen als Spanier und Italiener, also machen sie sich auch mehr Gedanken über ihre unmittelbare Umgebung.“ Hinzu kommt, dass Textildesign im Norden nie als Design zweiter Klasse galt, nur was für Frauen.

Wer mit den Tüchern tatsächlich abtrocknen will – was die einen als Fronarbeit, die anderen als nostalgische Erinnerung an die Oma, als meditative oder kommunikative Tätigkeit betrachten –, sollte ein paar Dinge beachten. So rein und glatt die frisch gekauften Stoffe auch aussehen: „Als Erstes müssen sie gewaschen werden, sonst nehmen sie keine Feuchtigkeit auf“, sagt Marlis Pieper-Otto, Dozentin an der Europäischen Hauswirtschaftsakademie. „Mit jedem Waschen trocknen die Tücher besser.“ Aber ohne Weichspüler! Und wegen der Bakterien: möglichst jeden Tag wechseln. Von Baumwolle rät sie ganz ab, „die fusselt zu stark“, mindestens 60 Prozent Leinen sollte das Geschirrtuch haben. Bei ihr hängen immer drei Tücher am Haken: eins für die Hände, eins für Geschirr und Besteck und ein drittes, fettfreies nur für die Gläser, die man auch nicht mit den Fingern, sondern immer mit dem Tuch anfassen sollte.

Selbst wenn heute 70 Prozent der Deutschen eine Spülmaschine haben – „Geschirrtücher kann man nie genug haben“, meint Jamie Oliver, der natürlich auch welche anbietet. Man kann sie schließlich für alles Mögliche verwenden, als Deckchen auf den Tisch legen, Quark darin abtropfen lassen oder gegrillte Paprikaschoten in ein nasses Tuch wickeln, dann häuten sie sich wie von selbst. Auch hauchdünner Strudelteig lässt sich darin aufrollen und aufs Blech heben, so dass er nicht reißt. Sie sind nicht nur das ideale Geschenk, schön und praktisch, man kann auch Präsente darin einwickeln. Oder abtrocknen. Dave Emery von „To Dry For“, der keine Spülmaschine hat, tut das ausgesprochen gerne. „Das ist was Schönes am Ende des Tages, um abzuschalten.“

www.todryfor.com

www.thirddrawerdown.com

www.etsy.com

www.korpiandgordon.com

www.thornbackandpeel.co.uk

www.scandinavianobjects.com

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar