Ernest Hemingway : Der alte Mann und die Minze

Er schrieb große Erzählungen und machte den Mojito berühmt. Eine Hommage zum 50. Todestag von Ernest Hemingway.

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La Bodeguita del Medio in Havanna: Hier trank Hemingway seinen Mojito am liebsten.
La Bodeguita del Medio in Havanna: Hier trank Hemingway seinen Mojito am liebsten.Foto: REUTERS

Schriftsteller, die mit ihrer Trinkfestigkeit prahlen, sind aus der Mode gekommen. Schade oder nicht, keiner war so brillant darin wie Ernest Hemingway. Morgens um sechs stand er auf, um früh mit der Arbeit fertig zu sein – „done by noon, drunk by three“. Dieser letzte große amerikanische Volksliterat, dessen Leben bis zur kleinsten Begebenheit in die Populärkultur eingegangen ist, feierte seine tägliche Sauferei – wie Erotik, Krieg und Outdoorabenteuer – als Grenzerfahrung und Männlichkeitsbeweis: „A man does not exist until he drinks.“

Eine der Hemingway’schen Trinkgeschichten (und derer gibt es viele) spielt auf Kuba, wo der 1899 geborene Haudegen südöstlich von Havanna mit seiner dritten Frau, der Journalistin Martha Gellhorn, eine Finca mit Aussicht besaß. Nach Kriegseintritt der Amerikaner tauchten 1942 erste deutsche U-Boote vor der US-Küste auf. Hemingway ließ seine zweimotorige „Pilar“ mit Granaten und Maschinengewehren aufrüsten. Martha nannte die Ausfahrten ihres Mannes „booze patrols“, Sauf-Patrouillen. Denn sie fanden gewöhnlich so statt: mit einer Ladung von drei Kühlboxen Bier, fünf bis sechs Flaschen Rum und 14 Flaschen Chateau Margaux. Hemingway dazu: „Drinking is war.“

Was Hemingway getan hat, ist mehr oder weniger zur Legende geworden. Es lässt sich allerdings nie ganz sicher sagen, was eigentlich wahr ist und was nicht. Straight wie seine Sprache, mit der er die Kurzgeschichte revolutioniert hat, waren jedenfalls seine Lieblingsgetränke. Aufwendig Geshaktes mit Ei oder Sahne hätte schlecht zu ihm gepasst. Der kubanische Mojito dagegen ist zwar noch ein Cocktail, dabei aber einfach – er war der Legende nach bevorzugter Drink des Schriftstellers, obwohl Hemingway eben alles gern und viel getrunken hat: Bier, Wein, Likör oder Hochprozentiges direkt aus der Flasche.

Frisch verheiratet mit Hadley Richardson, ging der Schriftsteller 1921 nach Paris – und begann ein Fest fürs Leben, soff mit James Joyce, Ezra Pound und F. Scott Fitzgerald. Zur selben Zeit herrschte in seiner Heimat die Prohibition.

Nach Kuba war er zum ersten Mal 1928 gekommen. Später kehrte er zum Hochseefischen zurück. Nach dem Kauf der Finca Vigia blieb die Karibikinsel für ihn 22 Jahre Heimat. In seinen mit Jagdtrophäen geschmückten Räumen schrieb er den Roman „Wem die Stunde schlägt“ und seine Erzählung „Der alte Mann und das Meer“, 1954 wurde er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

In den 50ern ging der Run auf die Karibikinsel erst richtig los. US-Amerikaner und die internationale High Society fanden dort neben dem Glücksspiel tropische Drinks. Heutige Rumklassiker wie Daiquiri oder Cuba Libre, so David A. Embury in „The Fine Art of Mixing Drinks“, waren allerdings schon Jahrzehnte zuvor ins Glas geflossen. Auch der Mojito.

Der Cocktail ist ein Cooler für heiße Tage, ein mit Mineralwasser aufgegossener Durstlöscher mit Zucker, Minze, Limette, Rum und Eis, serviert im klassisch zylindrischen Longdrink-Glas, dem „Collins Glass“. Zum ersten Mal soll ihn 1910 ein Barkeeper namens Rogelio im „Concha Club“ in Havana gemixt haben, noch mit dem Bitterstoff Angostura. In der Bar „El Floridata“, wo sich im vorrevolutionären Havanna auch Greta Garbo oder Jean-Paul Sartre amüsierten und Hemingway heute in Bronze gegossen über seine Nachzügler wacht, mischte ihn als klassischen Mojito der katalanische Barkeeper Constantino Ribalaigua – „El Grande Constante“, die große Konstante, wie ihn Hemingway nannte.

Die Ursprünge des Drinks, so steht es in „Cuba – The Legend of Rum“ (herausgegeben von „Havana Club“), liegen im 16. Jahrhundert, gemixt wurde auf dem Schiff des englischen Freibeuters Sir Francis Drake. Ein Verwandter des Piraten bereitete den Drink aus einem Rum-Vorläufer zu, der mit Minze und Zucker auch nicht mehr so scheußlich schmeckte. Das Ganze hatte angeblich medizinische Gründe. Die Cholera war ausgebrochen, und das Gesöff sollte helfen. Die Ableitung des Namens ist vage. Mojo heißt im Voodoojargon „etwas verzaubern“. Schon die afrikanischen Sklaven der Zuckerrohrplantagen sollen ihn gekannt haben. Andere glauben, der Name dieses Cuban Cooler sei die abgeleitete Verniedlichungsform für Limette.

In dem 2006 erschienenen Buch „Hemingway & Bailey’s Bartending Guide to Great American Writers“ behauptet Enkel Edward Hemingway, der Mojito sei der Lieblingsdrink seines Großvaters gewesen. So ganz stimmt das wohl nicht. Anderen Quellen zufolge soll sein eigentlicher Favorit der Daiquiri gewesen sein. Sicher ist: In Havanna, in der Bar „La Bodeguita del Medio“, hinterließ Hemingway den Spruch, der noch heute goldgerahmt an der Wand hängt. „My Mojito in La Bodeguita. My Daiquiri in La Floridata“, lautet er. Hemingway hat die Zeile, so wird gelästert, allerdings bloß geschrieben, weil er völlig betrunken gewesen sei.

Der Stern des Mojito als neuem Kultgetränk steigt seit den 90ern unaufhaltsam. Wie der seiner entfernten Geschwister – des brasilianischen Caipirinha oder des Mint Julip mit Bourbon. Auf Kuba schmeckt der Mojito schon wegen der Zutaten, der „Yerba buena“-Minze, nach wie vor am besten. Zucker oder Zuckersirup (3/4 oz.) und Limettensaft (1 oz.) werden vermischt, Mineralwasser und die Minzblätter (6 frische Zweige) hinzugegeben. Das Ganze locker verrührt, nicht etwa zerstoßen, dass einem die Minzblätter später zwischen den Zähnen hängen. Dann Eiswürfel (nicht zu viele!) und leichten weißen Rum (2 oz.) hinzugegeben und noch mal mit einem Spritzer Mineralwasser aufgießen.

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Bildagentur-oFoto: picture-alliance / United Archiv

Wie bei jedem Cocktail so gibt es auch beim Mojito gespreizte Eigenheiten und Abwandlungen: wie die, erst den Zucker und die Minze mit einem Stößel zu zermahlen, dann Limettensaft und Rum hinzuzugeben und schließlich das Ganze mit gecrushtem Eis und Mineralwasser aufzugießen. Manche reiben noch die Glasränder mit Minze ab. Wie auch immer: Die Farbe des Getränks ist in der kubanischen Version milchig. Dunkler Rum wird für den Mojito nie benutzt. Auch die Verwendung von braunem Rohrzucker ist eher eine aktuelle Mode.

Von Bacardi wird der kubanische Rumklassiker neuerdings fertig gemixt in der „Ready to serve“-Flasche serviert. In der 2009 von der Spirituosen-Marke lancierten minz-limettig grünen Werbekampagne, wo statt Karibikklängen ein Techno-Beat hämmert, ist selbst der Stößel ganz modern aus grünem Hartgummi. Jede Saison gibt es neue Varianten: Erdbeer-Mojito, Coconut-Mojito, Blueberry-Mojito, Champagner-Mojito.

Ob Hemingway die heutige Event-Cocktailkultur gefallen hätte? Seichte Unterhaltung mochte er jedenfalls nicht. Er wollte trinken und große Geschichten erzählen. Wo er das getan hat, dankt man es ihm wegen des Werbeeffekts bis heute: in der „Hemingway-Bar“ im Pariser „Ritz Hotel“, wo er Bloody Mary trank, oder eben in den Rum-Bars von Havanna.

Kurz vor der kubanischen Revolution verließ Hemingway die Insel. Auch infolge des starken Alkoholkonsums verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zusehends. In Idaho behandelte man ihn mit Elektroschocks. Er war depressiv und litt an Paranoia. Das ärztliche Verbot all jener Dinge, die er liebte – Fischen, Jagen, herzhaftes Essen und eben Trinken – ertrug er kaum.

Am 2. Juli 1961, einem Sonntag, stand Hemingway um sieben Uhr in der Früh auf, nahm eine Flinte, drehte den Lauf in den Mund und drückte ab. Seine persönlichen Papiere, auch vieles aus seinem Haus auf Kuba, sind heute verwahrt in der Kennedy Library in Boston: die Erinnerungsbibliothek jenes US-Präsidenten, den er bewundert hatte und dessen Kubablockade er nicht mehr miterleben musste.

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