Der Hochstapler des Jahrhunderts : Die Prinzen- Rolle

Harry Domela täuschte in den 1920er Jahren als Prinz von Preußen die bessere Gesellschaft. Das machte ihn berühmt – bis er verschwand.

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Harry Domela 1931 bei der Lektüre seines Buches
Harry Domela 1931 bei der Lektüre seines BuchesFoto: picture alliance / IMAGNO/Austri

Victor Zsajka saß in seiner Wohnung in Maracaibo, Venezuela, genoss den traumhaften Blick auf das karibische Meer und hatte ein Problem: Es gab ihn nicht. Den Namen Zsajka hatte er sich ausgedacht. Doch das noch viel größere Problem war, selbst wenn offenbaren würde, dass er in Wahrheit Harry Domela hieß. Wie hätte er das beweisen sollen? Er besaß keinen Pass. Und es gab auch kein Land, das ihm einen ausstellen würde, denn Domela war staatenlos.

„Dieses Missgeschick ist einer der entscheidenden Faktoren, dass sich mein Leben so verhängnisvoll gestaltete“, schrieb er einem Freund und bat ihn, mit diesem Geheimnis „sehr vorsichtig umzugehen“. Denn als illegaler Ausländer hätte Domela auch in Venezuela keine Zukunft mehr gehabt.

Ein Lob von Thomas Mann

Als er jenen Brief verfasste, es war das Jahr 1965, hätte er in Deutschland wieder einmal gutes Geld verdienen können. Im ZDF war gerade „Der Fall Harry Domela“ gelaufen, eine Nacherzählung jener Geschichte, die Domela selbst 1927 über sein eigenes Leben geschrieben hatte. Und über die Thomas Mann befand: „Die Figur dieses trügerischen Harry überragt an Geist und Witz, an bewusst satirischer Kraft diejenige des Hauptmanns von Köpenick bei weitem, und seine literarische Ausdrucksfähigkeit sichert ihm einige Unsterblichkeit.“ Für Thomas Mann war es eine weitere Anregung zu seinem Buch „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“.

Was die Unsterblichkeit anging, lag Mann leider falsch. Die Geschichte aber, die war 1927 noch nicht zu Ende. Sie wurde tatsächlich groß, größer als die des Hauptmanns von Köpenick, als Domelas Buch und auch als die drei Filme, die daraus hervorgingen. Denn in ihr spiegeln sich gleich mehrere Tragödien des 20. Jahrhunderts. Und was die Bedeutung von Visa und Pässen angeht, passt sie leider auch noch ins 21. Jahrhundert.

Kindersoldat im Baltikum

Harry Domela wird 1904 in Kurland geboren, einer damals russischen Provinz, die heute zu Lettland gehört. Die Domelas sind Mitglieder der deutsch-baltischen Minderheit, und mit dem Ersten Weltkrieg zerbricht das Zuhause des Zehnjährigen. Er wird ein Fall für die Fürsorge. Bei Russen wie Letten verhasst, erlebt er brutale Demütigungen und zahlt sie heim: 1919 schließt sich der 15-Jährige als Kindersoldat einem deutsch-baltischen Freikorps an, ein marodierender Haufen, heimat- und perspektivlos, der sich schließlich auflöst, um sich nach Deutschland abzusetzen.

In der von Inflation und bürgerkriegsähnlichen Unruhen erschütterten Weimarer Republik gilt Domela als reichsfremd. Eine dauerhafte Arbeitserlaubnis bekommt er nicht. Schnell landet er auf der Straße, verdingt sich als Landarbeiter oder in einer Fabrik. Statt Lohn gibt es oft nur karge Kost oder schlechte Unterkunft.

Auf Trebe in Berlin

Berlin, in den 20er Jahren eine Vier-Millionen-Stadt, verspricht Chancen, ohne dieses Versprechen halten zu können. Am Anhalter Bahnhof lernt Domela einen nur wenige Jahre älteren Jungen kennen, einst aus gehobenem Haus, jetzt kokainabhängig und auf Trebe. Das Bahnhofsviertel wird das Zuhause der beiden. Domela erlebt, wie in den Obdachlosenasylen die Armen noch die Ärmsten berauben, drei Löffel, nicht einmal silbern, bringen ihn ins Gefängnis. Und auch sein Begleiter verschwindet hinter Gittern, immerhin, von ihm hat er ein anderes Auftreten gelernt.

Ein alternder Gauner, der sich Otto Baron Lüderitz nennt, wird sein zweiter Lehrmeister. Der Mann ist genauso wenig Baron wie Domela. Aber was spielt der echte Name für eine Rolle, wenn jemand sich sowieso nicht ausweisen kann? Domela besitzt immer noch keinerlei Papiere, in Deutschland ist er lediglich geduldet.

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