Geheimdienstskandale : Wenn Spione enttarnt werden

Gerade musste der Berliner CIA-Chef ausreisen, weil zwei Deutsche im Verteidigungsministerium und beim BND für die USA spioniert haben sollen. Überführten Verrätern drohen lange Haftstrafen. Einige Agenten sitzen heute noch im Gefängnis.

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Aldrich Ames (Mitte).
Aldrich Ames (Mitte).pa/AFP

Name: Aldrich Ames

Wo sitzt er: Pennsylvania, USA

Seit wann: 1994

Für wen spioniert: UdSSR, Russland

Verdient ein Abteilungsleiter der CIA genug, um sich nach einer teuren Scheidung eine neue Villa plus Jaguar leisten zu können? Es ist der luxuriöse Lebensstil von Aldrich Ames, der Mitte der 80er Jahre erstmals das Misstrauen seiner Kollegen weckt. Als Chef der Abteilung „Gegenspionage UdSSR“ ist es seine Aufgabe, in der Sowjetunion neue Spitzel anzuwerben und zu betreuen. Genau diese verrät Ames jedoch an seine Kontaktleute vom KGB. Bei Treffen ist er stets angetrunken, das hilft ihm, seine Gewissensbisse zu verdrängen, wird er später der „New York Times“ erzählen. Pro Namen kassiert Ames anfangs 50 000 US-Dollar, überreicht in einer Plastiktüte, später mehr. Dutzende US-Agenten werden so enttarnt, mindestens zehn hingerichtet. Insgesamt 100 CIA-Operationen sollen wegen seiner Maulwurftätigkeit gescheitert sein. Weil Ames zwei Tests am Lügendetektor übersteht, dauert es Jahre, ihn zu überführen. Seit 1994 verbüßt er eine lebenslange Haftstrafe in Allenwood, Pennsylvania. Laut Eigenaussage hat Aldrich Ames niemals aus ideologischen, sondern nur aus finanziellen Motiven gehandelt – und bei den übermittelten Informationen darauf geachtet, das amerikanische Volk nicht ernsthaft zu gefährden.

Jonathan Pollard
Jonathan Pollardpa/AFP

Name: Jonathan Pollard
Wo sitzt er: North Carolina, USA
Seit wann: 1985
Für wen spioniert: Israel

Diesen August wird Jonathan Pollard 60 Jahre alt. Fast die Hälfte davon hat er im Gefängnis gesessen. Sein Vergehen: Als Geheimdienst-
offizier der US-Navy hat er tausende Dokumente weitergeleitet – ausgerechnet an den engen Verbündeten Israel. Pollard ist Überzeugungstäter, will den jüdischen Staat vor Gefahren schützen. Zunächst versucht er, bei der CIA unterzukommen. Die lehnt ab, weil er beim Lügendetektortest durchfällt: Der Anwärter will nicht zugeben, jemals in seinem Leben Drogen genommen zu haben. Nach diesem Fehlschlag geht er zur Marine, steigt rasch zum hochrangigen Analysten auf und erhält Zugriff auf große Datenmengen. Gleich kistenweise klaut er Akten, zum Beispiel mit Geheimdiensterkenntnissen über Irak, Iran und andere Feinde Israels. Als Kollegen misstrauisch werden, will er in Washington in die israelische Botschaft flüchten, um dort Asyl zu beantragen – wird aber nicht von den Wachen am Eingang durchgelassen. Auch Jahre nach seiner Enttarnung behauptet er, nicht „gegen die USA, sondern für Israel spioniert“ zu haben. Dem widerspricht das Weiße Haus: Durch Pollards Verrat sind angeblich mehr als 100 US-Agenten enttarnt worden. Vermutlich deshalb, weil der
israelische Geheimdienst Lakam, dem Pollard seine Informationen gab, wiederum von sowjetischen Agenten unterwandert war. In Israel wird Pollard heute als Held verehrt, in Jerusalem ist ein Platz nach ihm benannt, auch die Staatsbürgerschaft wurde ihm mittlerweile verliehen. Verschiedene Ministerpräsidenten haben in den vergangenen Jahrzehnten Pollards Freilassung gefordert, die jeweils amtierenden US-Präsidenten lehnten ab. Zuletzt weigerte sich Barack Obama – mit Verweis auf die von Jonathan Pollard begangenen „sehr, sehr schweren Verbrechen“.

Andreas Anschlag (im Hintergrund: Heidrun Anschlag)
Andreas Anschlag (im Hintergrund: Heidrun Anschlag)Foto: dpa

Name: Andreas und Heidrun Anschlag
Wo sitzen sie: Deutschland
Seit wann: 2013
Für wen spioniert: Russland

Weshalb sich ein Offizier des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR ausgerechnet den Aliasnamen Andreas Anschlag zulegt, ist bis heute ungeklärt. Dennoch kann der Mann an der Seite seiner Frau Heidrun zwei Jahrzehnte lang unbemerkt in Deutschland spionieren. Getarnt als in Südamerika geborene Österreicher reisen die Russen, die mit echtem Namen Sascha und Olga heißen, 1989 in die Bundesrepublik ein. Offiziell ist er Diplomingenieur mit Spezialgebiet Spritzgusstechnik, sie Hausfrau. Tatsächlich bauen die beiden ein Informantennetzwerk auf, benutzen Erdlöcher als tote Briefkästen, in denen sie Disketten und USB-Sticks abwerfen, verwenden Kurzwellensender und

Verschlüsselungssoftware. In einer Laptoptasche verstecken sie einen Hightech-Satellitensender. Unter dem Pseudonym„Alpenkuh1“ übermittelt Heidrun auf „Youtube“ codierte Nachrichten nach Moskau. 100 000 Euro bekommen die Anschlags pro Jahr für ihre Dienste. Als sie schließlich erwischt werden, versucht die Bundesregierung, einen Agententausch einzufädeln: Andreas und Heidrun Anschlag könnten ausreisen, falls im Gegenzug Valeri Michailow freikomme – ein ehemaliger Oberst des Inlandsgeheimdienstes FSB, der beim Spionieren für den Westen aufgeflogen ist und seitdem in einem sibirischen Straflager sitzt. Russland lehnt ab. In der Verhandlung vorm Stuttgarter Oberlandesgericht beschwert sich Andreas Anschlag mehrfach über die zu kleinen Essensportionen in Untersuchungshaft. Er wird zu sechseinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Heidrun Anschlag bekommt ein Jahr weniger.

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