Grips-Chef Volker Ludwig wird 80 : "Sie nannten mich Stalinist, Maoist und Kinderschänder"

Grips-Chef Volker Ludwig hat sich mit "Linie 1" einen Welterfolg ausgedacht. Heute wird er 80 Jahre alt. Ein Gespräch über Latrinenlyrik, ironiefreie Lehrer und Wilmersdorfer Witwen in Korea.

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Latrinenlyriker. Volker Ludwig, Gründer des Grips-Theaters.
Latrinenlyriker. Volker Ludwig, Gründer des Grips-Theaters.Foto: Thilo Rückeis
Ludwig

Volker Ludwig, 78, hat das berühmteste Kindertheater der Welt gegründet: das Berliner Grips. Sein erfolgreichstes Stück „Linie 1“ feiert Ende April den 30. Geburtstag. Es wurde an 150 deutschen Theatern und überall auf der Welt gespielt. Er hat zwei Söhne und lebt mit seiner Frau in Wilmersdorf.

Herr Ludwig, es soll tatsächlich Leute geben, die nie in „Linie 1“ waren.
Ja, es ist ulkig. Die genieren sich dann fürchterlich, das zu gestehen.

Mehr als 620.000 Zuschauer haben Ihr Jugendstück allein in Berlin gesehen, in 1723 Aufführungen. Ende April feiert es seinen 30. Geburtstag. Damals, als Sie „Linie 1“ schrieben, haben Sie da gemerkt, das wird ein Knaller?
Nein. Während des Schreibens schon gar nicht. Später, im Lauf der Proben, kriegte ich so ein Gefühl, dass das gar nicht schiefgehen kann, bei 150 Pointen. Die Schauspieler waren sehr unsicher. Eine halbfertige musikalische Revue mit 100 Kostümen war ihnen unheimlich. Einigen war es zu klamottig, anderen zu seicht, vielen zu chaotisch. Und dem Komponisten Birger Heymann war sein eigenes Lied peinlich. Zu kitschig. Dieses „Hey Du“, das viel später von den Beatsteaks und Sido gecovert wurde.

In den 90er Jahren sind Sie mit „Linie 1“ zum meistgespielten Autor nach Molière, Brecht und Shakespeare geworden.
Dabei dauerte es ein Jahr, bis sich ein Theater traute, uns nachzuspielen. Von Großkritikern wurde „Linie 1“ als „Boulevard“ niedergemacht, als reines Jugendtheater denunziert, Schauspieler wurden als halbprofessionell bezeichnet. All das hat auch dafür gesorgt, dass wir nicht zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurden.

Dafür zum Mülheimer Dramatikerpreis.
Die Jury, die uns einstimmig krönte, wurde von der „Frankfurter Rundschau“ beschimpft, weil das Stück „Publikumsbedürfnisse bedient“ – als wäre das was Schlimmes. Die Laudatio hielt Ivan Nagel, der als Intendant in Stuttgart als Erster den Mut hatte, es nachzuspielen. In den folgenden Wochen haben gleich 15 andere Theater nachgezogen. Zehn Jahre später hatten es allein 150 deutschsprachige Bühnen inszeniert. „Linie 1“ hat dazu beigetragen, dass die Staatstheater in ihren Spielplänen etwas lockerer wurden.

Typisch deutsch, diese Trennung zwischen E und U. In anderen Ländern hatten Sie keine Probleme. „Linie 1“ wurde in 20 Ländern adaptiert, weltweit haben mehr als drei Millionen Menschen zugeschaut.
Am Tollsten war es in Korea, da wurde es das nationale Musical. Geschrieben vom koreanischen Bob Dylan, Kim Min-ki. Seoul hat ja auch eine Linie 1, die endet im Rotlichtviertel.

Dabei ist das Stück irre berlinerisch. Ihre Entdeckung, die berühmten Wilmersdorfer Witwen, diese Szene mit den erzreaktionären Frauen, die Hitler nachtrauern, ist doch nicht übertragbar!
In Korea wurden Diktatorenwitwen draus. In Vilnius haben sie aus der U-Bahn O-Busse gemacht, und aus den Wilmersdorfer Witwen frömmelnde Altstalinistinnen. Ich lernte schon bei den ersten Gastspielen in Dublin und London: Ich habe ein typisches Großstadtpanoptikum entworfen, das man in allen Metropolen der Welt wiedererkennt.

Seit der Uraufführung 1986 sind Systeme zerbrochen, die Mauer ist gefallen. „Linie 1“ bleibt ausverkauft. Es altert einfach nicht. Wie ist das möglich?
Das hat uns auch gewundert. Wir haben das Stück aktualisiert, haben aus „haste mal ne Mark?“ gemacht: „Haste mal nen Euro?“ und die Mauer rausgeschmissen. Die Schauspieler haben neue Gags dazu erfunden, es wurde immer länger und stimmte immer weniger. Inzwischen spielen wir wieder das Original von 86. Die ganzen Figuren gibt es heute noch. Sie stimmen nach wie vor.

Obwohl wir jetzt ganz anders kommunizieren. Das Mädchen im Stück hätte ihren Johnnyboy längst über Facebook gefunden.
Das stört keinen. Für unser Theater ist es wichtig, dass die Leute sich mit den Typen auf der Bühne identifizieren. Es gibt immer Mädchen, die von Zuhause abhauen und ihrem Lover hinterherreisen. Sie bleibt dann in der U-Bahn hängen und lernt so viele Menschen und Schicksale kennen, dass das ihr Leben verändert.

Fahr mal wieder U-Bahn. Großstadtpanoptikum in der „Linie 1“ bei einer Vorstellung im Jahr 2009.
Fahr mal wieder U-Bahn. Großstadtpanoptikum in der „Linie 1“ bei einer Vorstellung im Jahr 2009.Foto: David Baltzer/bildbuehne.de

„Linie 1“ ist ein Klassiker. Liegt das auch an diesem Ort: der U-Bahn, die wir alle kennen, wo die Leute unausweichlich miteinander verbunden sind?
Einer im Stück sagt: „... dass alle die Menschen um uns rum um ihr Leben beschissen werden, und zwar von Leuten, die du nie in der U-Bahn triffst“. Das bezeichnet ein Lebensgefühl. Deutlich wird das in der Szene, in der die Kontrollettis kommen. Einer weigert sich, seinen Fahrschein zu zeigen, und das ganze Abteil, das sich vorher noch gestritten hat, übt den Aufstand. Nach einer Vorstellung soll das wirklich passiert sein, dass das Publikum auf der Heimfahrt die Kontrollettis verjagt hat.

Sie haben gut 30 Stücke geschrieben, zu 20 weiteren die Songs. Wie lange brauchen Sie für eines?
Ich bin eigentlich ein fauler Mensch und brauche immer einen unheimlichen Druck. Tagsüber habe ich das Theater am Hals, und am Abend, da gucke ich erst noch Fernsehen, lese Zeitungen, puzzle rum. Frühestens um elf fange ich endlich an. Ich bin da sehr unrationell. Mein Vater war ein ganz disziplinierter Schreiber: Der saß jeden Morgen um neun am Schreibtisch. Ich knautsch mich immer so auf dem Sofa zusammen und schreibe alles mit dem Kugelschreiber.

Was gehört in jedes Volker-Ludwig-Stück?
Das Aufdecken von Widersprüchen. Eine Münchner Theaterprofessorin sagte mir, mein typischstes Lied sei: „Himmel, Erde, Luft und Meer/sind ganz laut und stinken sehr.“ Poetisch, aber nie ohne die schmuddelige Realität. Latrinenlyrik.

Haben Sie nie Lust gehabt, mal das große Erwachsenenmusical zu schreiben?
Nie. „Cats“ – ich kann mir nichts Langweiligeres vorstellen. Schreiben ist so anstrengend, dass es wenigstens einen Sinn haben muss. Ich komme vom Kabarett, ich will den Menschen was sagen. Ich wollte ja Pfarrer werden...

...und sind es auf gewisse Weise geworden. Nur ohne die Religion.
Sicher, von dem Moment an, wo ich politisch engagiert war. Ich hatte nach der Schulzeit viel Handwerk gelernt, auch Schlager geschrieben, das hat mir unheimlich geholfen, politische Songs so zu schreiben, dass sie Ohrwürmer werden. Ich habe neun Semester studiert – Germanistik, Kunstgeschichte und mehr. Alles möglichst inkompatibel, damit ich nicht aus Versehen Lehrer werde. Aber ich merkte, ein Wissenschaftler wird nicht aus mir.

Dann wollte ich gucken, ein Jahr lang, ob man vom Schreiben leben kann. Ich hatte viel für Hänschen Rosenthals „Rückblende“ geschrieben, eine monatliche Sendung mit Sketchen und Chansons. Ich war Anfang 20 und sein Wunderkind. Auch für die „Stachelschweine“ hatte ich geschrieben.

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