Hotelkolumne: In fremden Federn : Man sollte im Andel's essen gehen

Im zwölften Stock des Betonturms serviert Alexander Koppe „Küche mit Bums“. Ob man davon wohl satt wird?

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Das 557 Zimmer große Vienna House Andel’s Berlin nimmt einen ganzen Straßenblock ein.
Das 557 Zimmer große Vienna House Andel’s Berlin nimmt einen ganzen Straßenblock ein.Foto: imago/imagebroker

Die Verkehrsanbindung ist top, da gibt’s gar nichts. S-Bahn und Tram direkt vor der Tür, eine Ausfallstraße mit so vielen Spuren, dass man irgendwann aufhört zu zählen. Und als Herzstück eine Kreuzung, die kein Fußgänger in einem Rutsch schafft, ohne ein Knöllchen zu riskieren (Wer ist in Berlin eigentlich für die Ampelschaltung zuständig? Da würde man sich gern mal beschweren).

Was macht hier bloß ein Gast aus der Fremde, an der endlosen Landsberger Allee, zwischen Wohnblöcken und Einkaufszentrum? Auf der Suche nach Sehenswertem landet man vor einem Bürohaus, in dem „Job-Detektive“ (6. OG links) versprechen, bei der Arbeitssuche zu helfen: „Wir suchen. Wir finden.“ Ein Stockwerk tiefer berät Dr. Sam interkulturelle Paare.

Man könnte konferieren. Oder Souvenirs kaufen. Im Erdgeschoss des 557 Zimmer großen Vienna House Andel’s Berlin, das einen ganzen Straßenblock einnimmt, gibt’s jede Menge Ampelmännchen. Praktisch für alle Tagungsgäste, die nie rauskommen aus dem Hotel. Man könnte auch in der Lobby Leute beobachten und feststellen: Der Geschäftsmann von heute reist mit einem Leinenrucksack, an dessen Seiten Laufschuhe stecken. Wo will der Mann laufen, die Landsberger Allee entlang? Wer entdeckt, dass sich hinter den Stufen auf der anderen Straßenseite ein wettkampfgerechtes Schwimmbad befindet, könnte kraulen gehen. Fahrradfahren im Velodrom – dürfen nur Profis.

Im Skykitchen vergisst man die irdische Ödnis

Aus dem Fenster gucken: großartig. Im achten Stock fällt der Blick aus dem gelb-schwarzen Designerzimmer runter auf den alten, graffitibeschmierten Schlachthof, in der Ferne winkt der Fernsehturm.

Oder essen gehen. Man sollte in Lichtenberg essen gehen. Das tut der Berliner auch. Nicht beim Burger King an der Kreuzung schräg gegenüber, sondern hoch oben im zwölften Stock des Hotelturms. Im Skykitchen vergisst man die irdische Ödnis sofort. Herzlich empfängt die Restaurantleiterin die Glücklichen, die einen Platz erwischt haben.

Genauso unangestrengt, bei aller Kunstfertigkeit, kommen die Gerichte von Alexander Koppe daher. „Küche mit Bums“ nennt der Sternekoch das, was er serviert und was ohne Mühen mit den hinreißenden Ausblicken konkurriert. Die Speisekarte lebt vom Understatement: Schmorsalat, Radieschen und Avocado – Blumenkohl mit Nussbutter, Gartenkresse, Bio-Ei. Das vegetarische Menü ist besonders aufregend und aromastark. Ob man wohl satt wird, fragt man sich beim Anblick des ersten Gangs leicht besorgt. Am Ende schafft man nicht mal mehr das Popcorn, das als Betthupferl auf dem Kopfkissen wartet.

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