Was ist dran am Phänomen "Maternal Gatekeeping"? : Wer zuerst die Windel riecht

Sind die jungen Väter von heute zu faul, sich um ihre Kinder zu kümmern, oder werden sie etwa von den Frauen weggebissen? Einen Begriff dafür gibt es jedenfalls schon mal: Maternal Gatekeeping.

Silke und Felix Denk
Wenn Frauen ihre Männer von den Kindern fernhalten, hieß das früher mütterlicher Perfektionismus. Heute spricht man von "maternal gatekeeping".
Wenn Frauen ihre Männer von den Kindern fernhalten, hieß das früher mütterlicher Perfektionismus. Heute spricht man von "maternal...Foto: www.fotex.de

Der Satz klingt harmlos: „Ich mach schon.“ Und nach einer guten Neuigkeit. Vor allem, wenn die Windel voll ist und die Duftfahne schon durch die ganze Wohnung zieht. Wenn man diesen Satz als Vater hört und meint, jetzt könnte man sich bequem zurücklehnen, dann hat man möglicherweise die erste Niederlage bereits hinter sich. Ganz unmerklich. Aber nachhaltig.

In so manchem „Ich mach schon“, das im klebrigen, fleckigen, reiswaffelkrümeligen Alltag der ersten Jahre mit einem Kind gesagt wird, steckt nämlich ein tiefer Misstrauensbeweis der Mutter gegenüber dem Vater.

Der oberflächlich affirmative Ausdruck des Handelns heißt im Subtext: Ich hab’s zuerst gerochen, du hast es wieder nicht gemerkt, du hättest bestimmt so lange gewartet, bis der Baby-Po wieder pavianrot und das Kind die ganze Nacht unleidlich ist. Du hättest beim Wickeln wahrscheinlich die Flügelchen der Windel nicht ausgestülpt, was zu fiesen Flecken im Body geführt hätte, die du dann nicht mit Gallseife rechtzeitig rausgeschrubbt hättest. Kurz: Du kapierst es nicht. Besser, ich mach das gleich selbst, dann geht nicht wieder alles schief.

Der Begriff wurde 1999 von US-Familienforschern eingeführt

Früher hätte mancher Vater gesagt: Na ja, das ist halt mütterlicher Perfektionismus, meinethalben auch ein bisschen Kontrollwut. Gerade so kurz nach der Geburt, wenn die Hormone brodeln, die Nächte kurz sind und die neue Familienkonstellation sich erst finden muss. Seit einiger Zeit ist dafür jedoch ein Schlagwort populär, das eine Menge Aufregungspotenzial in sich birgt: Maternal Gatekeeping.

Der Begriff ist englisch, die wörtlich übersetzte mütterliche Zugangskontrolle beschreibt eine Form des Verhaltens, mit dem eine Mutter verhindern will, dass der Vater sich um Kinderpflege und -erziehung kümmert. Das mag paradox erscheinen, wünschen sich doch die meisten Frauen, dass die Männer genau das tun: sich mehr einbringen. Aber hier geht es um etwas anderes als darum, wer wie oft das Baby badet oder mit Brei füttert. Es geht um Machtstrukturen.

Ganz neu ist der Begriff nicht. 1999 haben ihn die amerikanischen Familienforscher Sarah Allen und Alan Hawkins eingeführt. Ihrer Untersuchung von 622 berufstätigen Elternpaaren nach halten etwa 20 Prozent der Frauen ihre Männer von den Kindern fern, weil sie sonst ihre Autorität als Mutter untergraben sehen. Typisch für diese „Türsteherinnen“ sei, dass sie sich weigern, die Verantwortung abzugeben, indem sie strenge Standards ansetzen, ihre Identität vor allem über die Mutterrolle definieren und allgemein in einem traditionellen Familienbild verhaftet sind.

Berlins Eltern und ihre Suche nach einem Kitaplatz
Jana, 32 Jahre alt, selbstständige Heilpraktikerin aus Schöneberg und Emil, 2,5 Jahre alt: "Als ich im neunten Monat schwanger war, wurde mir bereits geraten, mich um einen Kitaplatz zu kümmern. Der Druck war enorm. Wir standen auf fünf Wartelisten, einige Kitas haben von vorneherein nein gesagt. Durch Vitamin B sind wir dann zu einem Platz gekommen: Eine Bekannte hatte gerade einen Kinderladen eröffnet. Da die Kinder dort nur bis zu ihrem dritten Lebensjahr bleiben dürfen, haben wir vor kurzem gewechselt – und sofort einen Platz bekommen. Auch mit dem neuen Kitaplatz sind wir sehr glücklich. Die Erzieher sind sehr engagiert, es gibt einen großen Garten, das Angebot – von Theater über Turnen – ist toll. Einzig der Nachmittagsschlaf auch bei älteren Kindern ist für die Eltern nicht immer von Vorteil. Die Kinder sind abends erst spät müde."Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: Sandra Rudel
23.01.2014 13:37Jana, 32 Jahre alt, selbstständige Heilpraktikerin aus Schöneberg und Emil, 2,5 Jahre alt: "Als ich im neunten Monat schwanger...

Diese These, dass Mütter den Rahmen bestimmen, in dem die Väter sich einbringen, stellt das bisherige Deutungsmuster auf den Kopf. Bislang galt: Schuld sind die Männer. Sie halten an ihrer traditionellen Geschlechterrolle fest. Seit der Maternal-Gatekeeping-Debatte hat sich die Fragerichtung indes umgedreht: Tragen möglicherweise die Frauen selbst Schuld daran, dass die Männer nicht mehr machen? Weil die Frauen sie davon abhalten?

Tatsächlich gibt es sie ja, diese neuen Väter. Jedenfalls in der Theorie. Seit einigen Jahren boomt die Väterforschung. Erstaunliches wurde auf dem Gebiet herausgefunden. Männer können eine Co-Schwangerschaft inklusive Hormonschwankungen haben, Männer können postnatale Depressionen bekommen und vor allem: Männer sind viel wichtiger für die emotionale Entwicklung der Kinder als lange angenommen.

Und in der Praxis? Da ist von den neuen Vätern nicht so viel zu sehen. Immerhin gehen achtbare 30 Prozent in Elternzeit. Die meisten davon, 77 Prozent, nehmen allerdings nur die Mindestzeit von zwei Monaten. Und die werden oft gesplittet und gern für einen Familienurlaub genutzt anstatt für den eigentlichen Zweck: dass die Mutter wieder ihre Arbeit aufnehmen kann.

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