Zu Besuch bei Warlords und Taliban : „Innerhalb einer Minute rief die CIA an“

Bestsellerautor Jeremy Scahill recherchiert bei somalischen Warlords und afghanischen Taliban. Hier spricht er über Obamas Drohnen, die Hybris der USA und Snowdens Verdienste.

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Nach einem Anschlag der Taliban in Kabul.
Nach einem Anschlag der Taliban in Kabul.Foto: dpa

Jeremy Scahill, 39, gehört zu den wichtigsten investigativen Journalisten der USA. Sein Buch „Blackwater“ über die gleichnamige Söldnerfirma
war weltweit ein Bestseller. Gerade erschien von ihm „Schmutzige Kriege“ als Buch (Kunstmann Verlag) und Film, der momentan noch in der ARD-Mediathek zu sehen ist

Mister Scahill, warum sind Sie noch am Leben?

Jay Leno hat mich das in seiner Late-Night-Show auch mal gefragt. Ich weiß noch, wie ich damals an meine Mutter dachte, die zuschaute. Die Frage ist mir peinlich, wenn ich an meine Kollegen in Syrien oder Somalia denke, die nirgends hinfliehen können, deren Leben das Kriegsgebiet ist.

Als Reporter waren Sie in Irak, Afghanistan, Jemen. Was war Ihre gefährlichste Recherche?

Es mag lächerlich klingen, aber Krieg ist langweilig, bis er es plötzlich nicht mehr ist. Das Schlimmste ist die Stille. Eine Geschichte bekomme ich nicht aus dem Kopf: Mogadischu, 2011, ich war mit einem somalischen Reporter unterwegs. Ein Bus voller Studenten, mit denen wir gerade noch Tee getrunken und dieses Kraut, Kat, gekaut hatten, war in die Luft gejagt worden. Wir sind ins Krankenhaus, um Zeugen zu interviewen. In der Leichenhalle lagen drei zerfetzte Studenten. Deren Familien wummerten gegen die Tür, wir waren eine halbe Stunde ohne Klimaanlage eingesperrt. Es war entsetzlich. Danach konnte ich tagelang keinen Bissen essen. Ich hatte das Gefühl, das Fleisch der Toten läge auf meiner Zunge. Wir Kriegsreporter haben alle ein Trauma.

Können Sie damit umgehen?

Ich finde Journalismus therapeutisch, die Idee, dass man versucht, Gerechtigkeit für andere zu erringen. 1995, ich hatte gerade mein Studium geschmissen, arbeitete als Freiwilliger im größten Obdachlosenheim der USA in Washington. Ich habe den Boden gewischt, Leute zum Arzt begleitet und dabei viel Radio gehört: Da sprach eine Frau über Rebellen im Kongo oder den Todesstrafekandidaten Abu-Jamal, Dinge, von denen ich nie zuvor gehört hatte. Das war Amy Goodman...

... deren Politmagazin „Democracy Now!“ heute eines der wichtigsten nicht kommerziellen Formate ist.

Sie hat den Stimmlosen eine Stimme gegeben. Ich habe ihr einen Brief geschrieben, ich würde ihren Hund ausführen, ihre Fenster putzen, Hauptsache ich dürfte da mitmachen. Schließlich bin ich nach New York gezogen und habe sie gestalkt. Am Ende konnte sie mich entweder als Praktikanten einstellen oder eine einstweilige Verfügung erwirken. Ich bin bei ihr in die Lehre gegangen.

Seit Ihrem Buch „Blackwater“ über das gleichnamige Söldnerunternehmen in Diensten der US-Armee sind Sie ein Held der amerikanischen Linken. Anders als die meisten Ihrer Mitstreiter waren Sie nie ein Anhänger von Barack Obama.

Jeremy Scahill, Journalist und Bestsellerautor.
Jeremy Scahill, Journalist und Bestsellerautor.Foto: AFP


Sein Auftritt während des Wahlkampfs damals in Deutschland gehörte zu den lächerlichsten Szenen: Als ob John Lennon von den Toten auferstanden wäre und ein exklusives Konzert geben würde. Die Republikaner haben ihn mal mit Lady Gaga verglichen, das stimmt irgendwie, er war ganz schön Justin-Bieber-mäßig auf dieser Tour.

Sie lachen, wenn jemand seinen Friedensnobelpreis erwähnt.

Natürlich ist Obama innenpolitisch viel besser als Bush. Aber er normalisiert den politischen Auftragsmord. Nicht, dass die USA nicht zuvor schon Morde angeordnet hätte, immer! Unsere Republik wurde auf Genozid gegen die Ureinwohner gegründet. Obama sagt: Die weltweiten Ermordungen sind nicht nur richtig, sondern unser Recht.

Die Regierung von George W. Bush bezeichneten Sie als „Murder Incorporated“. Wie müsste Obamas Firma heißen?

Weil er so ein gebildeter Mann ist und, im Gegensatz zu Bush, richtiges Englisch spricht, will man ihm glauben, dass er einen saubereren Krieg führt. Unter ihm wurde Murder Inc. umbenannt in: Vertrauen Sie uns, es ist nicht Murder Inc.! Wenn ich ihn beobachte, habe ich den Eindruck, dass er mit sich selbst debattiert, dass sein früheres Ich gegen sein heutiges antritt: der Verfassungsrechtler gegen den Obersten Befehlshaber.

Er hat dafür gesorgt, dass Folter nicht mehr offizielle Politik der USA ist. Ein Fortschritt.

Bestimmte Praktiken, die die meisten Menschen auf der Welt als Folter ansehen, machen wir aber weiter. Anhang M von unserem Armeehandbuch, der nicht öffentlich ist, enthält Taktiken wie massiven Schlafentzug oder Temperaturwechsel. Während wir hier sprechen, zwangsernähren sie Insassen in Guantanamo, indem sie ihnen Schläuche in die Nasen schieben.

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