• Flughafenchef Karsten Mühlenfeld im Interview: „Wir eröffnen den BER auch mit Provisorien“

Investitionen in Altflughäfen und Passagierwachstum

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Flughafenchef Karsten Mühlenfeld im Interview : „Wir eröffnen den BER auch mit Provisorien“
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Der Himmel spielt farbenprächtig mit und eine Start- und Landebahn wird auch schon benutzt: Der BER will raus aus den Negativschlagzeilen.
Der Himmel spielt farbenprächtig mit und eine Start- und Landebahn wird auch schon benutzt: Der BER will raus aus den...Foto: dpa

Steht der frühere DDR-Flughafen Schönefeld/Alt hier in der Region zu Unrecht im Schatten?

Ja, absolut! Die Berliner Alt-Flughäfen haben beide den Charme der 70er Jahre, der eine den des Westens, der andere den des Ostens. Schönefeld hat es natürlich schwerer, braucht sich aber nicht zu verstecken. Schönefeld liegt am Stadtrand, wie die meisten Flughäfen der Welt, ist aber gut erreichbar. Man wird auch hier schnell abgefertigt.

Muss in die Alt-Flughäfen noch investiert werden, obwohl sie nach BER-Inbetriebnahme geschlossen werden?

Ja, das ist nötig. Für Tegel ist das aktuelle Vitalisierungsprogramm bereits vom Aufsichtsrat beschlossen. Wir investieren noch einmal 19 Millionen Euro, für dringendste Instandsetzungen, um einen sicheren und reibungsarmen Betrieb bis Ende 2017 zu gewährleisten. Für Schönefeld wird ein solches Programm gerade vorbereitet, um unter anderem die zusätzlichen Flugzeuge der Ryanair unterzubringen und den Flughafen vernünftig weiterbetreiben zu können. Ich denke, da wird es um einen einstelligen Millionenbetrag gehen.

Das Passagierwachstum erreicht einen Rekord nach dem anderen. Der BER, für maximal 27 Millionen Passagiere konzipiert, wird zur Eröffnung zu klein sein. Und nun?

Meine Prämisse, meine Entscheidung ist eindeutig. Wir werden den BER, so wie er ist, erst einmal fertig bauen. Wir werden am Terminalgebäude selbst nichts mehr verändern, es sei denn, auf Vorgabe des Bauordnungsamtes. Unter meiner Führung wird es bis Sommer 2016 keine Debatten geben, wie man das Terminal umbauen oder erweitern könnte.

Ihr Vorgänger Hartmut Mehdorn ging anders vor, warnte vor drohendem Eröffnungschaos, dem Zusammenbruch der Systeme, wenn nicht sofort gehandelt wird.

Mag sein. Aber gerade dieses Projekt hat in der Vergangenheit immer wieder erlebt: Umplanungen verzögern die Fertigstellung. Wenn man das macht, hätte ich wirklich Sorge, dass wir 2017 nicht halten können. Selbst wenn man nur plant, hat das ungewollte Nebenwirkungen. Es lenkt die Leute ab, die Organisation. Jetzt sollen sich aber alle darauf konzentrieren, das Ding erst einmal fertig zu kriegen.

Und wo werden die 34 Millionen Fluggäste abgefertigt, die Berlin 2017 erwartet?

Genau das prüfen wir jetzt noch einmal sehr gründlich. Im BER-Terminal werden wir mit 22 bis 25 Millionen Passagieren starten, weil man nicht gleich mit Volllast in ein neues Gebäude ziehen sollte. Es müssen also rund zehn Millionen Passagiere mit Interimslösungen woanders untergebracht werden. Es gibt dazu einen Planungsauftrag, wir sind dazu in Gesprächen mit den Gesellschaftern. Wir sind da ganz offen. In Tegel gab es mehrere fliegende Terminals, wir könnten auch das alte Schönefelder Terminal etwas länger betreiben. Wir werden in einer der nächsten Aufsichtsratssitzungen dazu Vorschläge machen.

Bei der Kapazitätsfrage gehen Sie damit noch einmal einen Schritt zurück?

Genauso ist es.

Glauben Sie wirklich, man kann Deutschlands Hauptstadtflughafen mit Provisorien, mit Behelfsabfertigungen, eröffnen?

Das kann man. Warum soll das nicht möglich sein? Tegel war auch einmal für sechs Millionen Passagiere ausgelegt, jetzt werden dort 20 Millionen Passagiere abgefertigt, es sind alles Interimslösungen. Aber noch einmal, mein Ansatz ist ein operativer: Wir müssen uns strikt auf die BER-Inbetriebnahme konzentrieren. Wir dürfen diese nicht durch neue Umplanungen riskieren, keine Ablenkungen mehr. Mit dem neuen Terminal und Interimsgebäuden können wir gut die drei, vier Jahre überleben, bis wir den BER erweitern können.

Sie könnten auch Berliner Passagiere nach Leipzig abgeben. Was halten Sie von diesem Vorschlag des Bundesverkehrsministers Alexander Dobrindt (CSU)?

Ein Flughafen kann nicht definieren, wo die Leute hinfliegen. Der Markt bestimmt die Bedürfnisse. Wer nach Berlin will, fliegt nach Berlin. Das müssen wir ermöglichen.

Der BER wird teurer und teurer. Seit der geplatzten Eröffnung 2012 sind von der öffentlichen Hand 2,3 Milliarden Euro nachgeschossen worden – so viel sollte der BER ursprünglich kosten. Wie begründen Sie den Parlamenten, warum die jüngsten 1,1 Milliarden Euro nötig sind?

Weil man den Flughafen sonst nicht fertig bauen und eröffnen kann. Wir haben unseren Gesellschaftern klar dargelegt, warum und wofür wir die Summe brauchen.

Aber selbst das wird nicht das Ende sein?

Dass der Kapitalbedarf der Flughafengesellschaft die reinen Baukosten von 5,4 Milliarden Euro übersteigt, war schon unter meinem Vorgänger bekannt. Das ist aber eine Binsenweisheit.

Was ist noch nicht finanziert?

Wir brauchen Geld, um den Schuldendienst für die Kredite zum Bau des BER aufzubringen und um die nötigen Interimslösungen für die Bewältigung des Passagierwachstums zu finanzieren. Aus Finanzierungssicht geht es beim BER derzeit um eine Summe von 2,2 Milliarden Euro. Das ist nicht neu. Dieser Rahmen ist auch in Brüssel angezeigt worden. Wir sind darüber in Gesprächen mit unseren Gesellschaftern.

Wann müsste die Entscheidung fallen?

Ich denke, im nächsten Jahr. Mit den aktuellen 1,1 Milliarden Euro haben wir erst einmal Luft, um den Flughafen mit einer Kapazität von 27 Millionen Passagieren zu bauen.

Befürchtungen, dass der Flughafen dauerhaft am Tropf der öffentlichen Hand hängt, wird das nicht verringern.

Die sind trotzdem unbegründet. Jeder Flughafen dieser Größe, mit diesen Passagierzahlen, dem absehbar weiteren Wachstum, macht operativen Gewinn. Den machen wir ja auch jetzt schon. Und der wird mit dem BER definitiv gesteigert werden. Unser langfristiger Wirtschaftsplan weist nach, dass wir Gewinne generieren werden, die Kredite und auch die Zuschüsse der Gesellschafter zurückzahlen können.

Drei Jahre BER-Debakel
Drei Jahre ist es an diesem Mittwoch her, dass Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und der damalige brandenburgische Regierungschef Matthias Platzeck (SPD) die größte Pleite ihrer Amtszeit einräumen mussten.
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04.06.2015 15:13Drei Jahre ist es an diesem Mittwoch her, dass Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und der damalige...

Ein permanenter Krisenherd bleibt der Lärmschutz. Können Sie gewährleisten, dass 2017 alle BER-Anwohner den Schallschutz haben, der ihnen zusteht?

Nein, das kann ich nicht, weil das nicht allein von uns abhängt. Ich kann garantieren, dass der Flughafen seine Verpflichtungen erfüllt. Das Programm läuft. Wir wollen Anfang 2016 mit allen Zusagen fertig sein, alle Anspruchsermittlungen verschickt haben. Den Einbau der Schallschutzfenster und Lüfter selbst können wir nicht leisten. Dafür haben die Anwohner dann noch mehr als zwölf Monate Zeit. Bis zur Inbetriebnahme werden das wohl nicht alle machen. Aber die größten Probleme werden bis dahin gelöst sein.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) drängt auf eine Ausweitung des BER-Nachtflugverbotes. Beißt er bei Ihnen auf Granit?

Das ist ein schwieriges Thema. Es gibt ein klares Urteil in letzter Instanz, in welchen Zeiten wir am BER fliegen dürfen. Für einen Flughafen, der nach ökonomischen Gesichtspunkten arbeiten muss, werde ich hier keine grundsätzlichen Einschränkungen akzeptieren. Zumal wir nicht wissen, wie sich die Passagierzahlen weiterentwickeln. Wir müssen uns die Freiheit bewahren, die genehmigten Zeiten zu nutzen. Ich sage aber auch: Wenn wir bestimmte Randzeiten nicht brauchen, dann könnte ich mir vorstellen, dass wir uns freiwillig einschränken. Allerdings nur bis auf Widerruf und nur dann, wenn das für den Flughafen ökonomisch wäre, sonst nicht. Unser oberstes Ziel bleibt es, die Gewinne zu maximieren, damit wir den Gesellschaftern ihre Beiträge für den Bau des neuen Flughafens zurückzahlen können.

Wie oft haben Sie Hartmut Mehdorn angerufen?

Gar nicht. Aber er war die ersten zwei Wochen hier, um mir zu helfen, schnell hineinzukommen, die Probleme zu verstehen, Klippen zu umschiffen. Und nach seinem Vertragsende und dem anschließenden wohlverdienten Urlaub war er noch einmal hier. Da habe ich mir von ihm noch mal ein Feedback geholt, manches durchgespielt. Das hat sehr gut funktioniert.

Und in die Ahnengalerie der Flughafenchefs in der Zentrale der Flughafengesellschaft kommt sein Konterfei auch noch?

Das ist unvermeidlich, selbst wenn er sich weiter dagegen sträuben sollte. Er hat die Ahnengalerie schließlich erfunden, demzufolge hat er keine andere Chance. Er muss da rein.

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