30 Jahre Alternative Liste : Wir wählen uns jetzt selbst!

Radikale Ideen, Basisdemokratie und Kampf gegen Atomkraft: Vor 30 Jahren gründete sich die Alternative Liste in Kreuzberg, der West-Berliner Vorläufer der Grünen. Fünf Gründungsmitglieder erzählen, was vom Traum blieb.

Thomas Loy
Alternative Liste Foto: Ullstein/Stark-Otto
Der Schritt in die Verantwortung. Die Unterzeichnung des Koalitionsvertrages 1989 durch Astrid Geese (AL) und Walter Momper (SPD).Foto: Ullstein/Stark-Otto

5. Oktober 1978: In Huxley’s Neuer Welt in Kreuzberg wird eine neue Partei aus der Taufe gehoben: die „Alternative Liste für Demokratie und Umweltschutz“, Vorläufer der Grünen. Es sind Marxisten, Maoisten, Ökofundis, Feministen, Pazifisten und Utopisten angetreten, um gemeinsam die Parlamente zu erobern. Ihr Schlachtruf: Wir wählen uns jetzt selbst! Fünf Beteiligte erzählen, was aus ihren alternativen Träumen geworden ist.


Wolfgang Wieland:
Die nächste Demo gegen das Atommüllager Gorleben steht schon auf seinem Terminplan. Dass ein alt-grüner Ex-Innensenator wie Wolfgang Wieland nicht mehr außerparlamentarisch aktiv ist, kann niemand behaupten. Erloschene Gründungsträume? Da fallen ihm als Erstes der „egalitäre Ansatz“ ein, „Einheitslohn vom Kopierer bis zum Vorsitzenden“, das „Konsensprinzip“ und der „rotierende Antikarrierismus“. Dennoch gebe es noch Unterschiede zu den anderen Parteien: etwa die Frauenquote bei der Aufstellung von Wahllisten und die Doppelbesetzung der Parteispitze. Geblieben seien die inhaltlichen Grundlinien: Umweltschutz, demokratische Basiskultur und die Beseitigung der Klüngelwirtschaft. „Die Bauskandale der 70er Jahre waren der Triebsatz unserer Entwicklung. Kampf gegen Filz und Korruption sind immer noch grüne Markenzeichen.“

Wieland mag sich ein Leben ohne seine Grünen nicht vorstellen. „Die Identifizierung mit dem Projekt liegt bei fast 100 Prozent.“ Als Mitglied der Gründergeneration genieße er in der Partei inzwischen eine „gewisse Autorität“. Dieses Geständnis hätte vor 30 Jahren einen Eklat provoziert. Zum 25. Geburtstag der AL hatte Wieland den grünen Werdegang so kommentiert: „Wie wir die wurden, vor denen wir immer gewarnt hatten …“


Burkhard Müller-Schönau:
Mitgliedsnummer 44 – damit ist klar: Burkhard Müller-Schönau gehört zum Gründerclub. Der 50-jährige RBB-Redakteur war damals als Vertreter eines katholischen Jugendverbandes unterwegs, der eine „herrschaftsfreie Gesellschaft“ anstrebte. Auf dem Weg dahin forderte die AL zunächst die autofreie Gesellschaft innerhalb von 10 Jahren. Müller-Schönau war damals Pressesprecher und begründete diese Prämisse mit dem Waldsterben und einem inakzeptablen „Krieg auf unseren Straßen“. Angetreten seien die Alternativen eben als Idealisten, sagt Müller-Schönau. Die Realität erwies sich zwar oft als standhafter als die Ideale, aber „Spuren“ habe das AL-Engagement schon hinterlassen. An den aktuellen Positionen seiner Partei hat Müller-Schönau nicht viel herumzumäkeln. Umso mehr am um sich greifenden Typus des biegsamen grünen Karrierepolitikers. Namen möchte er nicht nennen. „Die Umgangsformen haben sich verändert.“ Um nicht selbst dem Politkarrierismus zu verfallen, hat Müller-Schönau immer wieder politische Auszeiten genommen, auch, um seine Kinder beim Heranwachsen zu begleiten. Wenn die ihn mal nicht mehr brauchen, könnte er sich wieder grün-alternativ engagieren. Aber nur ehrenamtlich. Versprochen.


Jürgen Wachsmuth:
Er war mal Fraktionschef im Abgeordnetenhaus. Klingt nach viel Macht und hoher medialer Wirkung, aber „das war bei der AL nicht so herausgehoben“. Es gab auch keinen Vorstand, sondern einen „Geschäftsführenden Ausschuss“. Jahrelang wurde diskutiert, erzählt der 57-jährige Wachsmuth, „ob man die Kandidaten auf Wahlplakaten zeigen soll oder nicht“. Personenkult war das Totschlagargument gegen jede Form individueller Profilierung. „Man hatte die Vorstellung, allein durch die Kraft der Argumente andere überzeugen zu können.“ Ehrenvoll naiv. Die Grünen hätten sich dem parlamentarischen Betrieb angenähert, ohne von ihm „aufgefressen“ zu werden, wie Gegner der Parteigründung befürchtet hatten. Die grüne Partei sei immer noch unverwechselbar. „Auf unseren Wahlplakaten gibt’s keine Plattitüden wie ’Berlin kann mehr’, sondern inhaltliche Aussagen.“

Was die Grünen nicht geschafft haben: „Eine Politisierung der Gesellschaft. Auch von grünen Mitgliedern ist nur eine Minderheit aktiv.“ Wachsmuth macht beruflich Politik, als Mitarbeiter der Bundestagsfraktion, und arbeitet ehrenamtlich im Kreisverband. Er weiß, was es heißt, nach einem euphorischen Aufbruch in die „Mühen der Ebene“ zu wechseln. Viele halten das nicht lange aus.


Kordula Schulz-Asche:
Ihre AL-Mitgliedskarte – mit der Nummer vier – habe sie leider verloren. Irgendwann bei den vielen Umzügen: Berlin – Burkina Faso, Burkina Faso – Ruanda, Ruanda – Kenia ... Zwölf Jahre lebte sie in Afrika und arbeitete in Entwicklungsprojekten mit Schwerpunkt AIDS-Aufklärung. Danach landete die 51-Jährige berufsbedingt in Hessen und stieg dort wieder in die Politik ein. Inzwischen ist sie hessische Landesvorsitzende und verhandelt mit SPD-Chefin Ypsilanti über eine Regierungsbildung.

Politische Träume? Frau Schulz-Asche spricht lieber von Themen. Als gelernte Krankenschwester war sie in der „Gesundheitsgruppe“ aktiv. Diskutiert wurde die „integrierte Versorgung", die „alternative Medizin“ und der Abbau von Hierarchien im Krankenhaus. An diesen „dicken Brettern“ bohre die grüne Partei auch heute noch, die politischen Aktionsformen seien aber andere. „Wir sind ruhiger geworden, arbeiten konkreter an Inhalten, aber das ist okay, finde ich.“ Die Grünen seien eine „etablierte Partei" geworden, ohne den Anspruch aufzugeben, „an künftige Generationen zu denken“. Die AL der 80er Jahre mit ihren Demos, Blockaden und strickenden Vollbart-Anarchos sei einfach eine „schöne Zeit“ gewesen.


Ingrid Lottenburger:
Sie ist die „grüne Oma“, mit 75 Jahren eine der ältesten Aktiven in der Partei. Ingrid Lottenburger hatte Anfang der 80er Jahre einen Vortrag über den „Freedom of Information Act“ in den USA gehört und wollte nun unbedingt auch in Berlin ein „Informationsfreiheitsgesetz“ installieren. Mit dieser Idee ging sie zur SPD. Die gaben ihr ein Formblatt zum Eintritt in den Ortsverein. „Dazu hatte ich keine Lust.“ Bei der AL durfte sie einfach so mitmachen und sogar an Vorstandssitzungen teilnehmen. Das Ergebnis der Diskussion: „Wenn du das machen willst, dann mach das doch.“ Diese „Lockerheit“ gefiel Ingrid Lottenburger so gut, dass sie nun regelmäßig kam, bis der AL-Kassenwart sie mal ansprach: „Du könntest ja auch mal Beiträge bezahlen.“

Offenheit und Lockerheit vermisst sie bei jüngeren Mandatsträgern. Sonst lässt sie nichts auf ihre Partei kommen. Bei Fraktionssitzungen dürfe sie immer noch von ihren Ideen und Projekten erzählen – allerdings meldet sie sich vorher an. „Zivilgesellschaftliches Engagement“ ist ihr wichtig, ob inner- oder außerhalb einer Partei. Das Informationsfreiheitsgesetz hat sie übrigens erfolgreich durchgesetzt, als grüne Abgeordnete in der 13. Wahlperiode. Auf eine Wiederwahl verzichtete sie. „Ich wollte nie einen Job.“

Die 30-Jahre-Feier der Grünen beginnt heute um 17 Uhr im Huxley’s, Hasenheide 107-113. Neben Diskussionen werden Wolfgang Wieland, Bernd Köppel und Burkhard Müller-Schönau einen Sketch über die AL-Gründung vorführen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben