AfD-Wahlkampf in Friedrichshain-Kreuzberg : Die Alternativsten

Hier wählt man grün oder links, die Bürgermeisterin fordert Coffee-Shops, und die CDU kommt kaum auf zehn Prozent. Ausgerechnet in Friedrichshain-Kreuzberg kandidieren Sibylle Schmidt und Frank Scheermesser für die AfD. Kann das gut gehen?

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Angriffe, Anfeindungen. Frank Scheermesser, AfD-Chef in Friedrichshain-Kreuzberg, dokumentiert sie auf seiner Facebook-Seite.
Angriffe, Anfeindungen. Frank Scheermesser, AfD-Chef in Friedrichshain-Kreuzberg, dokumentiert sie auf seiner Facebook-Seite.Foto: privat

Noch mal nachsehen, ob alle Formulare da sind: Wahlkreis, check; Bezirk, check. Ans Treppengeländer des Altbaus lehnen, noch mal durchatmen. Dann klingelt Frank Scheermesser an einer Wohnungstür. „Ich hab nicht nur Freunde im Haus“, sagt er, „aber sie hier würde ich so einschätzen, dass sie interessiert ist.“

„Frank“, sagt die Mittvierzigerin, die die Tür öffnet, „was gibt’s?“ – „Ich bräuchte noch ein paar Unterschriften für die Wahl“, sagt Scheermesser. „Ach, Politik, das bringt doch nix“, sagt die Frau, „da kennt man einzelne Leute und sagt: Ja. Und dann schaust du dir die Partei an und denkst: Nee!“ Scheermesser lächelt: „Aber dafür trete ich ja an.“ Dann holt er zwei Formulare aus seiner Aktentasche, reicht sie ihr, „überleg’s dir einfach!“

Frank Scheermesser, 57 Jahre alt, Versicherungsmakler, fehlen noch ein paar Unterschriften. 45 für den Wahlkreis, und 185 für den Bezirk. Scheermesser geht von Tür zu Tür und sammelt, damit seine Partei hier bei den Abgeordnetenhauswahlen im Herbst antreten kann. Seine Partei, das ist die Alternative für Deutschland. Sein Bezirk, das ist Friedrichshain-Kreuzberg.

Hier gewinnt ein linker Grüner verlässlich ein Direktmandat für den Deutschen Bundestag. Hier kommt schon die CDU bei Wahlen kaum auf zweistellige Ergebnisse. Hier haben 38 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Hier fordert die Bürgermeisterin Coffeeshops und verbietet sexistische Werbung. Und hier – gerade hier – will Frank Scheermesser, studierter Maschinenbau-Ingenieur aus Sachsen, 1984 der Ost-CDU beigetreten, nach dem Mauerfall nach Kreuzberg gezogen, kandidieren. Für die AfD.

Scheermesser, geschieden, alleinstehend, geht die Treppen seines Hauses hinab ins Erdgeschoss und macht sich wieder bereit. Noch bevor er an einer der Wohnungstüren klingeln kann, öffnet sich die zur Straße. Ein Mann mit Einkaufstüte kommt herein: „Mann, Frank, dass du das jetzt auch im Haus machst, ist echt das Allerletzte.“ Scheermesser versucht zu erklären, es gehe ihm um Demokratie, um mehr Bürgerbeteiligung. „Lies doch einmal etwas über deine Partei, was die sonst so machen“, sagt der Mann. „Da wird einiges falsch dargestellt“, sagt Scheermesser. Der Mann dreht sich um, schüttelt den Kopf, steigt die Treppen hinauf. „Und wehe, du klingelst bei uns!“

„Das Thema spaltet“, sagt Scheermesser, seit drei Jahren in der Bezirks-AfD, unten im Hausflur. „Manchmal geht dabei etwas kaputt.“

Schon das Ansprechen von Missständen spült ihm Wähler zu

Frank Scheermesser, durchschnittsgroß, durchschnittsbreit, spricht deutlich und höflich. Wenn er über das redet, was im Bezirk so falsch läuft, setzt er ein sympathisches Lächeln auf und erzählt ausführlich und überschwänglich. Als hätte er mit der Zeit gelernt, dass ihm allein das Ansprechen der Missstände Wähler zuspült. Und Missstände, findet Scheermesser, gibt es hier so einige. Dass man nachts nicht mehr über das RAW-Gelände laufen kann etwa, oder dass im Görlitzer Park die Dealer stehen. Oder, dass der Senat Volksentscheide übergeht und die Infrastruktur bröckelt.

Fast ein halbes Leben lang hat er sich politisch engagiert. 17 Jahre in der CDU, acht Jahre in der FDP, bis 2009, als der Bundestag dem Europäischen Rettungsschirm zustimmte. 2013 fand er in der AfD, damals noch „Professorenpartei“ unter Bernd Lucke, seine neue politische Heimat.

Mit der linken Mehrheit in Kreuzberg, wo er nach der Wende als Immobilienmakler anfing, habe er nie ein Problem gehabt, sagt er, „mit Multikulti an sich auch nicht“. Nach Zwischenstationen in Tiergarten, Steglitz, Zehlendorf und Lankwitz wohnt er heute in Friedrichshain, und dort, vor seiner Haustür, steht er jetzt und sagt: „Hier haben sie die Hauswand vollgesprayt.“

Scheermesser holt sein Handy aus der Hosentasche und wischt durch die Bildergalerie. „Hier wohnt der Faschist Frank Scheermesser“, steht da, an seine Hauswand geschmiert, rot auf braunem Grund. Dann ein Bild von den Plakaten, die im Kiez aufgehängt wurden. „Frank Scheermesser, gesucht wegen Volksverdummung“, darunter ein Porträt von ihm. Oder: „Frank Scheermesser, verpiss dich!“, darunter seine Adresse.

Warum tut er sich das an? Scheermesser nickt nachdenklich und setzt wieder dieses überzeugende Lächeln auf. Eine private Belastung sei das natürlich, sagt er, furchtbar. Aber: „Die AfD profitiert auch von den Angriffen.“ Auf Facebook postet er, wenn Wahlkampfstände zerstört und AfD-Politiker bespuckt werden. Und nicht selten, sagt Scheermesser, bekomme er dann neue Beitrittsanfragen.

Es sind aber nicht nur die physischen Übergriffe, die Scheermesser aufführt, wenn er von der Benachteiligung der AfD im Bezirk spricht. Es sind auch diese kleinen, gefühlten Ungerechtigkeiten: Es dauere mehrere Wochen, bis ein Wahlstand genehmigt werde, während andere Parteien innerhalb von ein paar Tagen Zusagen hätten. „Wurde mir so berichtet“, sagt Scheermesser, der Bezirk bestätigt das nicht. Es sei fast unmöglich, einen Ort für die Treffen zu organisieren, Kneipen im ganzen Bezirk hätten sie schon abgelehnt oder rausgeworfen, als sie herausfanden, dass sie es mit der AfD zu tun hätten. „Und von den Bezirksverordnetenversammlungen bis zum Abgeordnetenhaus haben nahezu alle anderen Parteien angekündigt, nicht mit uns zusammenarbeiten zu wollen“, sagt Scheermesser. Aber: „Unsere Aufgabe wird so oder so: Oppositionsarbeit.“

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