Aktbilder im Köpenick : Keine Nackten ins Rathaus!

Im Rathaus Köpenick werden Aktfotos abgehängt – als Grund müssen Menschen mit Migrationshintergrund herhalten. Die könnten sich dadurch ja verletzt fühlen. Daran sind gleich zwei Sachen falsch. Mindestens!

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Hier keine Aktbilder. Glauben Sie uns, Sie wollen die wirklich nicht sehen!
Hier keine Aktbilder. Glauben Sie uns, Sie wollen die wirklich nicht sehen!Foto: Kitty Kleist Heinrich

Vorige Woche gab es mal wieder einen kleinen Skandal in der Berliner Verwaltung: Das Rathaus Köpenick hatte doch tatsächlich zwei Aktfotos aus einer Ausstellung eines Fotoklubs entfernt. Als Begründung gab die Kulturamtsleiterin an, Rathausbesuchern mit Migrationshintergrund – im Klartext: Muslimen – seien solche Bilder nicht zuzumuten. Allerdings hatten sich gar keine Muslime über die Bilder beschwert, sondern drei nicht-muslimische Frauen. Fragen wir uns vielleicht zunächst, was hier genau skandalträchtig ist. Ist es a), dass eine Behörde es wagt, die Kunstfreiheit zu beschneiden? Oder b), dass die Gefühle von Zuwanderern über die Kunstfreiheit gestellt werden? Oder c), dass Zuwanderer als Alibi missbraucht werden, um die Kunstfreiheit zu beschneiden? Oder doch eher d), dass wir Zuwanderer vorschieben müssen, wenn wir keine Nackten im Rathaus wollen, uns aber wegen der Kunstfreiheit nicht trauen, das auch zu sagen?

Ja, auch ich fühle mich in meiner Würde verletzt, wenn mir praktisch von Amts wegen nackte Frauen aufgezwungen werden. Kunstfreiheit hin oder her. Kunst kann doch nur dort frei sein, wo auch der Betrachter frei ist zu entscheiden, ob er sich mit ihr konfrontieren will. Für ein Rathaus gilt das im Gegensatz zu einem Museum eindeutig nicht. Dort muss ich hingehen, manchmal sogar mit meinen Kindern. Und die würde ich definitiv nicht mit in eine Aktausstellung nehmen.

Nicht nur Muslime sollten sich diese Haltung leisten dürfen. Die Verantwortlichen in Köpenick scheinen das in Wahrheit ähnlich zu sehen. Dem Fotoklub, der nicht zum ersten Mal im Rathaus seine Bilder präsentierte, hatten sie vor Jahren eine Vereinbarung vorgelegt, mit der Aktbilder von Ausstellungen im Rathaus ausgeschlossen werden sollten. Doch die Amateurfotografen unterschrieben das nicht. Sie witterten Zensur und beriefen sich auf die Kunstfreiheit. Deshalb darf offiziell im Rathaus seither „die ganze Bandbreite künstlerischen Schaffens“ gezeigt werden. Doch listig, wie man in Köpenick halt so ist (Achtung: historische Anspielung), wusste man sich in der Vergangenheit bereits argumentativ zu helfen. Einmal verdeckte ausgerechnet ein Aktbild die Sicht auf ein Schild und musste leider abgehängt werden.

Nackte Frauen ja, Muslima mit Kopftuch nein - auch komisch!

Diesmal besann man sich auf die Gefühle der Migranten. Und allein das machte aus der Akt-Abhängung überhaupt erst einen öffentlichen Skandal. Die vorauseilende Kultursensibilität könnte schließlich AfD und Pegida fettes Futter für ihre abendländischen Untergangsszenarien liefern. Ja, stimmt, und deshalb war es auch geradezu fahrlässig, hier Menschen mit Migrationshintergrund vorzuschieben. Noch dazu, weil die überhaupt niemand gefragt hatte. So heizt man geradezu mutwillig gesellschaftliche Konflikte an. Als Gegenreaktion müssen dann natürlich vermeintliche westliche Freiheiten verteidigt werden. Sprich: Nackte Frauen müssen in Rathäusern hängen dürfen, während Muslima mit Kopftuch dort möglichst nicht arbeiten sollten. Merke: Religiöse Symbole bedrohen unsere Werte mehr als Frauen, die sich lasziv auf deutschen Amtsfluren wälzen. Achtung, Kopftuchträgerinnen: Vielleicht sollten Sie sich bei einer Bewerbung für den öffentlichen Dienst zum Kunstobjekt erklären. Oder Sie besorgen sich ein Kopftuch mit Kunstdruck.

Für die Berliner Behörden ist es andererseits natürlich schade, dass die Sache mit den Migranten nicht so richtig verfängt. Was hätte man damit doch alles entschuldigen können! Keine Termine beim Bürgeramt? Liebe Mitbürger, das Terminmanagement orientiert sich ganz bewusst am Lageso. Die Flüchtlinge, die davor warten, sollen sich doch nicht diskriminiert fühlen. Selbst eine weitere Verschiebung der BER-Eröffnung hätte man so rechtfertigen können. Schließlich muss der neue Hauptstadtflughafen nun über ausreichend Gebetsräume verfügen – mit erstklassigem Brandschutz für die ganzen Teppiche.

Okay: Wenig ist so abgeschmackt wie BER-Witze. Aber das gilt auch für öffentliche Nacktheit, die der eine oder andere jetzt plötzlich wieder als Markenzeichen unserer Kultur feiert. Das ist so 70er! Damals galt vielleicht: Je nackter, desto freier. Aber über dieses Stadium sind wir doch wohl hinaus.

Dieser Text erschien zunächst als Rant in der gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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