• Alleinerziehend in Berlin: "Kinderarmut ist die größte Ungerechtigkeit, die sich Deutschland leistet"

Alleinerziehend in Berlin : "Kinderarmut ist die größte Ungerechtigkeit, die sich Deutschland leistet"

Es gibt kein größeres Armutsrisiko in Deutschland, als alleinerziehend zu sein. In Berlin beziehen 40 Prozent der Alleinerziehenden Hartz IV. Hier muss sich etwas ändern. Ein Gastbeitrag.

Lisa Paus
Alleinerziehende haben es in Berlin schwer. Es mangelt an finanzieller Unterstützung. Foto: Armin Weigel/dpa
Alleinerziehende haben es in Berlin schwer. Es mangelt an finanzieller Unterstützung.Foto: Armin Weigel/dpa

Das Leben mit meinem Sohn empfinde ich als großes Glück. Obwohl ich es mir nicht ausgesucht habe, alleinerziehend zu sein. Und mir klar ist, dass ich privilegiert bin: als Bundesabgeordnete verdiene ich gut und kann mir deshalb flexible Kinderbetreuung leisten. Was mich bedrückt ist das Wissen, dass es bei den allermeisten Berliner Alleinerziehenden anders ist.

Berlin ist eine Hauptstadt der Kinderarmut. Warum? Eben weil Berlin auch die Hauptstadt der Alleinerziehenden ist. Jede dritte Familie in Berlin ist eine Ein-Eltern-Familie. 40 Prozent von ihnen beziehen zumindest unterstützend Hartz IV. Denn es gibt kein größeres Armutsrisiko in Deutschland, als alleinerziehend zu sein. Diesen beschämenden Zusammenhang gilt es zu brechen.

Die Familienförderung erreicht Alleinerziehende nicht

Dieses Armutsrisiko hat auch mit unserer Familienförderung zu tun, die das Familienbild der 50er Jahren stützt. Mit mehr als 20 Milliarden Euro jährlich subventioniert der deutsche Staat über das Ehegattensplitting den Trauschein – auch wenn die Verheirateten keine Kinder haben. Alleinerziehende erreicht diese Förderung nicht. Das muss sich ändern.

Es braucht eine Förderung, die alle Kinder erreicht – unabhängig davon, ob die Eltern alleinerziehend, verheiratet oder unverheiratet sind. Und die alle Familien entlastet, indem sie mehr Förderung mit weniger Bürokratie in Einklang bringt. Deshalb schlagen wir Grünen das Familienbudget vor. Es besteht aus der Kindergrundsicherung von mehr als 300 Euro für alle Kinder, dem Kindergeldbonus für Geringverdiener-Familien und endlich realistischen Kinderregelsätzen für Hartz IV-Familien. Insgesamt wollen wir Familien um zwölf Milliarden Euro entlasten.

Unterstützungsgeld sollte unbürokratisch ausgezahlt werden

Bestehende Ehen sollen entscheiden dürfen, ob sie beim alten System mit Ehegattensplitting bleiben oder ins neue Familienbudget wechseln. Für viele von ihnen würde sich das lohnen. Kindergrundsicherung und Kindergeldbonus für Geringverdienerinnen sollen unbürokratisch aus einer Hand direkt von den Familienkassen ausgezahlt werden – ohne extra Anträge. Denn das ist etwas, was mir Alleinerziehende in Berliner Familienzentren immer wieder erzählen. Der Hürdenlauf für die Unterstützungen durch die unterschiedlichen Ämter kostet viel Zeit und Nerven.

Nur ein Beispiel: Birgit hat einen Halbtagsjob bei einem sozialen Träger. Der Kindsvater verdient als Selbstständiger zu wenig, um sie zu unterstützen. Den Ersatz für seine Alimente - der Unterhaltsvorschuss - muss sie beim Jugendamt beantragen. Den Kinderzuschlag für die Geringverdienerin bei der Familienkasse. Alles wird verrechnet und erst am Schluss wird klar, ob überhaupt ein Mehrbetrag herausspringt. Eben weil es so bürokratisch ist, den Kinderzuschlag für Geringverdienende zu beantragen, beantragen ihn die allermeisten berechtigten Alleinerziehenden gar nicht.

Alleinerziehende sind auf flexible Kinderbetreuung angewiesen

Den Gang zum Jobcenter, um aufstockende Unterstützung nach Hartz IV für das Kind zu beantragen, empfinden viele berufstätige, aber geringverdienende Alleinerziehende als deprimierend. Das betrifft viele, denn die meisten Alleinerziehenden sind berufstätig.

Das führt zum nächsten Problem: Viele Arbeitsplätze haben andere Zeiten als die Kita oder der Hort. Berliner Alleinerziehende haben sehr häufig keine Eltern oder Geschwister in der Stadt und sind stärker als anderswo auf flexible Kinderbetreuung angewiesen.

Der Berliner Senat versucht gerade Modellprojekte dazu. Aber es ist sehr schwer, Kinderbetreuer zu finden. Ein Grund dafür ist die schlechte Bezahlung. Wer am Ende weniger als den Mindestlohn für eine Arbeit erhält, überlegt sich dreimal, diese Tätigkeit zu beginnen. Eine ausreichende Entlohnung würde zu einem besseren Angebot führen - und gute flexible Betreuung würde es Alleinerziehenden ermöglichen, eine existenzsichernde Vollzeittätigkeit anzunehmen.

Das hilft beim Weg aus der Kinderarmut. Denn Kinderarmut ist die größte Ungerechtigkeit, die sich dieses reiche Land leistet. Aber nicht länger leisten darf.

Lisa Paus ist Bundestagsabgeordnete der Grünen.

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