• Architekt Meinhard von Gerkan im Interview: "Mit der Entwicklung des Bahnhofsumfeldes bin ich extrem unzufrieden"

Architekt Meinhard von Gerkan im Interview : "Mit der Entwicklung des Bahnhofsumfeldes bin ich extrem unzufrieden"

Vor sieben Jahren wurde der Berliner Hauptbahnhof eröffnet. Verantwortlich war damals der Architekt Meinhard von Gerkan. Er erklärt im Interview mit Klaus Kurpjuweit, warum manche Gleise so schwer zu finden sind, warum er mit dem Bahnhofsumfeld so unzufrieden ist und weshalb ihn der Bahnhof mittlerweile ein wenig an Hongkong erinnert.

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Der Architekt Meinhard von Gerkan Foto: dpa
Der Architekt Meinhard von GerkanFoto: dpa

Kommen Sie oft in den Hauptbahnhof?

Fast jede Reise nach Berlin erfolgt zum Hauptbahnhof oder vom Hauptbahnhof, und das ist bis zu sechs, sieben Mal im Monat der Fall.

Gern?

Für mich ist es immer wieder eine sehr genugtuende Bestätigung, dass die Größe dieses Bahnhofs vor allem ob ihrer Transparenz und Tageslichtversorgung bis ins unterste Geschoss einen sehr lebendigen öffentlichen städtischen Raum darstellt, der nur an wenigen Stellen seine Engpässe hat, ansonsten auch von einer hohen Verweilqualität und interessanten abwechslungsreichen Raumeindrücken geprägt ist.

Wo gehen Sie zuerst hin?

Ankommend gehe ich zunächst immer zum nächstgelegenen Taxenstand, sowohl auf der Nord- als auch auf der Südseite.

Ist der Bau ein Bahnhof oder ein Einkaufszentrum?

Es war bereits in Vorkenntnis der sehr umfangreichen Wünsche, Einzelhandelsfläche innerhalb des Bahnhofs zu platzieren, der Versuch unseres Entwurfes, trotz allem den eindeutigen Charakter eines Bahnhofes zu bewahren, nämlich als einen öffentlichen Raum des Reisens, der Begegnung und Verabschiedung und die Verkaufs- und Gastronomieflächen innerhalb des Bahnhofs so zu platzieren, dass sie sich nirgendwo in den Vordergrund drängen oder gar den Charakter des Gebäudes als Bahnhof auf irgendeine Weise verstellen oder verfälschen, wie es leider Gottes heutzutage auf Flughäfen in zunehmendem Maße der Fall ist.

Es war vor allem unser Anliegen, eine einheitliche Gestaltung der Frontflächen des Einzelhandels zu disziplinieren und alles zu vermeiden, was gewissermaßen den öffentlich städtischen Charakter, aber auch die Würde eines der wichtigsten öffentlichen Gebäude der Bundeshauptstadt Berlin beeinträchtigt.

Im Dauerzustand des Gebäudes ist dies auch gelungen, nur werden immer wieder Ausnahmen gesucht, um einzelne fliegende Stände oder vermeintliche attraktive Verkaufsangebote den Passanten und den Reisenden regelrecht in den Weg zu stellen.

Der Hauptbahnhof Berlin - eine kleine Zeitreise
Der Hauptbahnhof - eine Zeitreise. Foto: Britta Pedersen/dpaWeitere Bilder anzeigen
1 von 102Foto: Alexander Heinl/dpa
27.05.2016 07:23Der Hauptbahnhof - eine Zeitreise.

Manche Gleise - 1,2 und 7,8 - sind nur schwer zu finden. Warum gab es hier keine andere Lösung?
Die Flächen oberhalb der Gleisstränge, die in unterirdischer Lage seitlich verlaufen, haben in Form der Zwischenebene eine Abdeckelung, für die es eine reine bahnspezifische Nutzung nicht gibt, hingegen jedoch die große Verführung dieser Flächen natürlich als Ladenflächen zu vermieten und dabei die Zugänge zu den Bahnsteigen nicht so optimal anzulegen, wie es eigentlich wünschenswert wäre.

Selbstverständlich gäbe es eine andere und hinsichtlich der Orientierung auch weit bessere Lösung, jedoch dann unter Verzicht der vermietbaren Einzelhandelsflächen. Also auch hier ist es wie so oft heute bei Verkehrsbauten immer wieder der Konflikt zwischen funktionaler Großzügigkeit und maximaler Mietausbeute.

An den oberen Bahnsteigen ist der Platz an den Treppenanlagen sehr schmal. Auch das musste so sein?

In der Tat sind die Flächen neben den Treppenanlagen im Verhältnis zu der großzügigen Flächenausdehnung im Rest des gesamten Bahnhofs beengt, weil nun einmal die Treppen und zwar einschließlich der Rolltreppen eine Mindestbreite erfordern, und wenn man sie in die Bahnsteigfläche einschneidet, dieser Teil der Bahnsteigplattform in seiner Breite verringert wird.

Das muss keineswegs zwingend so sein, die Konsequenz jedoch wäre, dass man den gesamten Bahnsteig breiter ausbildet und auf diese Weise die enger gefassten Verbindungen seitlich der Treppenanlagen großzügiger bemessen zu können, mit der Konsequenz, dass die gesamte Bahnsteiglänge eigentlich eine übermäßige Breite erfahren würde, was nicht zuletzt Stadtraum, aber vor allem auch Bauvolumen und sehr viel höhere Baukosten erfordert. Insoweit ist es keine Frage, ob es geht oder nicht geht, sondern eine Frage des Ermessens zwischen Komfort einerseits und Aufwand andererseits.

Stört Sie die Werbung, die inzwischen überall vorhanden ist?

Die geradezu überbordende Werbung jedweder Art nähert sich dem Zustand, wie man ihn im Stadtbild von Hongkong schon seit langem kennt. Vor lauter Werbung sieht man weder die räumlichen Zusammenhänge, noch hat man einen harmonischen Eindruck eines immerhin mit viel Bemühen und teilweise auch entsprechendem Aufwand gestalteten Raumes, dem natürlich auch ein wenig Selbstdarstellung geschuldet ist.

Sind Sie zufrieden, wie sich das Umfeld entwickelt?

Mit der Entwicklung des Bahnhofsumfeldes bin ich seit Anbeginn, das heißt seit Fertigstellung und Inbetriebnahme des Bahnhofs extrem unzufrieden. Erstens wegen der vielen Provisorien und zweitens wegen einer fehlenden sinnvollen Planung zur Lenkung des Taxiverkehrs, entsprechend vorgehaltener Taxi-Warteplätze und vor allem einer klaren Orientierung und Fahrbahnführung für den Personenverkehr mit Straßenverkehrsmitteln.

Da es zumindest auf der Südseite nicht an Fläche mangelt, ist es mir nach wie vor unverständlich, warum es nicht gelingt, wenigstens die Fahrtrichtung, so wie es in der ganzen Welt ist, so anzuordnen, dass der Taxifahrer auf der Fahrbahnseite angeordnet ist und der Einstieg für den Fahrgast entlang der Bürgersteigkante erfolgt.

Ich muss daran erinnern, dass es vor vielen Jahren einen interessanten Wettbewerb zur Gestaltung des Bahnhofsumfeldes gegeben hat, bei dem die amerikanische Freiraumplanerin Martha Schwartz mit einem sehr interessanten Vorschlag einen ersten Preis gewonnen hat. Ihre beeindruckende Lösung wurde jedoch offenkundig bei der weiteren Planung mehr oder weniger aller ihrer Ideen beschnitten oder erst gar nicht erörtert.


Eine Frage darf nicht fehlen: Ist es technisch möglich, das Dach zu verlängern?

Die Frage, ob es technisch möglich ist, das Dach an beiden Seiten zu verlängern, ist seit langem durch einen vom Bundestag beauftragten Ausschuss unter Mitwirkung vieler Fachleute und Gutachtern, jedoch ohne meiner persönlichen Mitwirkung, positiv beschieden worden. Daraufhin hat es einen Beschluss innerhalb des Bundestages gegeben, diese Dachverlängerung zu realisieren.

Die Frage ist also nicht, ob es technisch geht, sondern die Frage ist, ob man es will oder ob man es nicht will. Natürlich finden sich, wenn man etwas keineswegs realisieren möchte, immer genügend Gründe und Vorwände dagegen. Nicht zuletzt auch solche Gründe, die etwas mit Mehrkosten und zeitlichen Behinderungen zu tun haben, als auch die Auffassung es würde reichen, wenn alle alten bedeutungsvollen Bahnhöfe in der Bundesrepublik Deutschland durch angeflickte Dächer die Länge von 430 Meter Überdachung bekommen, nur das Paradepferd, der Berliner Hauptbahnhof, könne auf einen Regenschutz für Gäste der 1. Klasse verzichten.

Mir ist bekannt, dass es sich hierbei mittlerweile um ein emotionalisiertes Thema handelt. Es darf aber nicht vergessen werden, dass die meisten Argumente die Nichtrealisierung der Dachverlängerung mit hohen Kosten begründen, ohne zugleich die Gegenrechnung zu respektieren, dass durch den mangelnden Lärmschutz, den das verkürzte Dach gegenüber der sehr eng angrenzenden Bebauung darstellt, den Bauflächen einen hohen Wertverlust mit ökonomischer Dimension beschert. Wo ein Wille ist, würde sich auch ein Weg finden.

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