Architekturdebatte (3) : Diese Stadt ist keine Insel mehr

Berlin fehlt es an übergreifenden planerischen Visionen. Wenn heute Projekte entwickelt werden, dann meist isoliert, ohne Perspektiven für die Nachbarschaft, ohne zu fragen: Was bedeuten sie für ganz Berlin?

von und Cordelia Polinna,Johanna Schlaack
Eine IBA für Berlin sollte sich thematisch keinesfalls verzetteln, argumentiert der Münchener Architekt und Stadtplaner Thomas Sieverts. Und sie sollte Bedeutung auch für andere Metropolen haben. Ein Beispiel heißt: Verkehr. Ausfallstraßen, die immer mehr Stadtraumqualität zerstören, nennt er ein „weltweites Problem“. Hier, und möglichst an den Stadträndern und nicht im Zentrum, könnte eine IBA Lösungen finden und sogar ein länderübergreifendes Projekt Berlin-Brandenburg werden.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dapd
06.07.2011 14:12Eine IBA für Berlin sollte sich thematisch keinesfalls verzetteln, argumentiert der Münchener Architekt und Stadtplaner Thomas...

Werden neue Projekte die Zukunft unserer Stadt sichern? Inseldenken beherrscht etwa die Planungen am Hauptbahnhof, am großen Freiraum um den Fernsehturm, am künftigen Humboldt-Forum, entlang der östlichen Spree, am Steglitzer Kreisel oder auf dem Areal des stillzulegenden Flughafens Tegel. Das ist heute vielleicht noch kein Problem, sicher aber morgen. Denn Berlin strebt auseinander: Die Bewohner der Innenstadt leben und wählen anders als die der Außenstadt, innen wie außen separieren sich Reiche und Arme. Berlin braucht Visionen, transparente Verfahren, Instrumente, Akteure, welche die ganze Stadt ins Auge nehmen. Ziel muss es sein, die sichtbaren und unsichtbaren Grenzen unserer Stadt zu verflüssigen, den Zusammenhalt der Stadt zu festigen, Ideen auf den Weg zu bringen, welche die unübersehbare Stagnation überwinden und frischen Wind bringen. In der Stadtregion, die über die Grenzen Berlins hinaus bis ins Brandenburger Umland reicht, werden heute viele Weichen für die Entwicklung unserer Stadt gestellt. Auf dieser räumlichen Ebene müssen Antworten auf zentrale Fragen der Stadtentwicklung von morgen gefunden werden: auf den Klimawandel, auf soziale Umbrüche, auf die voranschreitende Zersiedelung, auf die neuen Bedürfnisse des Großstadtverkehrs.

Radikal Radial!

All diese Themen verdichten sich brennglasartig an den großen Ausfallstraßen, den Radialen, die unsere Stadtregion gliedern. Wie müssen große Straßen im Zeitalter postfossiler Mobilität aussehen? Wie kann der Brei aus Discountern, Drive-in-Restaurants, Verkehrsinfrastruktur und Wohnparks städtebaulich geordnet werden? Wie kann die Planung zwischen Berlin und Brandenburg für diese Räume – und speziell für die Wachstumszonen im Umfeld des neuen Flughafens Berlin Brandenburg – besser abgestimmt werden? Wie können in autoabhängigen Einfamilienhausgebieten lokale Zentren zur Nahversorgung gestaltet werden, die auch den Anforderungen einer älter werdenden Gesellschaft gerecht werden? Wie können die für die Berliner Identität wichtigen innerstädtischen Quartierzentren gestärkt werden, etwa an der Müllerstraße oder an der Karl-Marx-Straße? Wie kann dem zunehmenden sozialen Zerfall der Stadtregion in isolierte, introvertierte Kieze entgegengewirkt werden? Die Wiederbelebung der Radialen durch Projekte, die diese Fragen exemplarisch und experimentell beantworten, könnte Thema einer IBA 2020 für Berlin sein. Unser Vorschlag heißt deshalb „Radikal Radial“.

Radiale Vielfalt!

Vor der Industrialisierung war Berlin mit anderen Städten durch Überlandstraßen verbunden, die an den Stadttoren ihren Ausgang nahmen. Diese Straßen wurden während des Wachstums zu innerstädtischen Radialstraßen und Adern des öffentlichen Nahverkehrs. Neben den beiden Hauptzentren Berlins – der historischen Mitte und der City West – bilden sie den Fokus des ökonomischen, sozialen und gesellschaftlichen Lebens der Großstadt, hier konzentrieren sich Geschäfte und Einrichtungen, Orte des kulturellen Lebens und markante Bauwerke. Keine Radiale gleicht der anderen, jede einzelne Radiale verändert in ihrem Lauf ständig den Charakter. Die Radialen bedienen die verdichtete Innenstadt, Siedlungen und Großsiedlungen, aber auch locker bebaute Vororte. Sie erstrecken sich über mehrere Stadtteile und Bezirke und sogar über die Landesgrenzen hinaus. Sie sind oft der „Salon“ der umliegenden Kieze, Ausdruck der dortigen sozialen Milieus. In den vergangenen Jahrzehnten wurden die Radialstraßen einseitig für den Autoverkehr umgestaltet, wodurch das Leben dort immer unattraktiver wurde. Traditionell wichtige Nutzungen und Gebäude stehen zur Disposition: Kaufhäuser, Postämter, Markthallen etc. autoabhängige Einkaufszentren in Randlagen stellen die kleinen Einzelhändler auf eine harte Probe.

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