Aufmarsch einer Geistertruppe : Empörung über NVA-Feier im Tierpark

100 Veteranen der DDR-Truppe marschierten am Samstag in Uniform zum Armeejubiläum im Tierpark auf. Landespolitiker distanzieren sich von dem DDR-Gedenkfest, die SPD fordert Konsequenzen.

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Aufmarsch der Geister: Etwa 100 NVA-Veteranen, ausstaffiert wie zu alten DDR-Zeiten, kamen zu dem Treffen am Samstag im Tierpark zusammen. Zooleitung, Politiker und Verbände verurteilten das Gedenkfest scharf und forderten Konsequenzen.
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Foto: Berliner Kurier
07.03.2011 12:40Aufmarsch der Geister: Etwa 100 NVA-Veteranen, ausstaffiert wie zu alten DDR-Zeiten, kamen zu dem Treffen am Samstag im Tierpark...

Es war wie der Aufmarsch einer Geistertruppe: Etwa 100 einstige Offiziere der Nationalen Volksarmee (NVA), allen voran Ex-DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler, feierten am Sonnabend im Tierpark Friedrichsfelde den 55. Jahrestag der NVA-Gründung. Manche kamen in ihrer steingrauen Uniform in die Tierpark-Cafeteria, wo die Party stieg – alles original, vom Knobelbecher bis zum silbergeflochtenen Schulterstück. Am Nachmittag folgte ein weiteres DDR-Gedenkfest: Frühere Mitglieder der Freien Deutschen Jugend (FDJ) trafen sich zu deren „65. Geburtstag“ im privaten Vietnam-Center an der Leipziger Straße. Parteienvertreter und der Verband der Opfer des Stalinismus reagierten mit Empörung.

Die Tierpark-Cafeteria wird von einem privaten Pächter betrieben. Offenbar hatte der NVA-Traditionsverband dort Räume gemietet und ein Catering bestellt. Das Rednerpult war dem Vernehmen nach mit DDR-Fahnen geschmückt, als der heute 91-Jährige frühere NVA-Chef Keßler zu den roten Veteranen sprach. Offiziell galt das Fest als „geschlossene Gesellschaft“. Ordner sorgten dafür, dass man nicht gestört wurde.

Die Leitung von Zoo und Tierpark verurteilten das Treffen gestern scharf. „Hätten wir davon gewusst, dann hätten wir diesen Aufmarsch von Ewiggestrigen verhindert“, sagte Gabriele Thöne, kaufmännischer Vorstand der Zoologischer Garten Berlin AG und Geschäftsführerin der Tierpark Berlin GmbH, am Sonntag. Der Cafeteria-Betreiber wie auch ein Tierpark-Mitarbeiter, der von dem Treffen gewusst, die Geschäftsführung aber nicht informiert habe, erhalten eine Abmahnung, kündigte sie an. Grundsätzlich stünden Zoo und Tierpark jedermann offen, auf keinen Fall gebe es aber Platz für Systemträger von Diktaturen oder gar Verfassungsfeinde. Es werde eine entsprechende Anweisung geben, im Falle einer Missachtung behalte sie sich juristische Schritte bis hin zur Kündigung von Verträgen vor.

Landespolitiker zeigten sich am Sonntag erstaunt darüber, dass die Veteranentruppe sich ungehindert auf einem öffentlich geförderten Terrain wie dem Tierparkgelände treffen konnte. „Man könnte es für einen obskuren Karnevalsbeitrag halten, aber wir müssen das ernst nehmen“, sagte der Verfassungsschutzexperte der SPD, Tom Schreiber. Der Tierpark erhalte Landesgelder. „Die Verantwortlichen müssen ein klares Signal setzen und den Cafeteria-Pächter abmahnen.“ Auch die Linkspartei distanzierte sich am Sonntag am Rande ihrer Klausurtagung entschieden von den NVA-Veteranen. „Diese Gruppierung hat keinerlei politische Relevanz in unserer Partei“, sagte Landeschef Klaus Lederer. Und Ramona Pop, Fraktionschefin der Grünen, wunderte sich über das „mangelhafte politische Feingefühl“ im Tierpark.

„Es kann doch nicht sein, dass der Tierpark seine Tore für Systemträger einer Diktatur öffnet“, sagte der Vize-Bundesvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Stalinismus (VOS), Ronald Lässig. Zugleich forderte er, Uniformen und Symbole der DDR müssten in der Öffentlichkeit ebenso verboten sein wie nationalsozialistische Relikte. „Es geht doch darum, ein Bewusstsein für die Gefahren von Diktaturen zu schaffen“, sagte Lässig.

Die NVA ist laut dem Justiziar der Polizei, Oliver Tölle, keine verbotene Organisation. Ihre Uniform zu tragen, sei deshalb keine strafbare Handlung. Da die NVA nicht mehr als Armee existiere, begingen die Uniformträger auch keine Amtsanmaßung. Nazikennzeichen sind hingegen als Symbole einer verbotenen Organisation strafgesetzlich untersagt.

Ex-Angehörige der NVA, FDJ und Stasi unterhalten ein enges Netzwerk und treffen sich regelmäßig, um in Erinnerungen zu schwelgen. Beliebt sind Besuche auf alten Übungsgeländen wie dem einstigen Führungsbunker Harnekop bei Strausberg. Auch beim traditionellen Gedenken für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Friedrichsfelde Anfang Januar mobilisierte der „Traditionsverband Nationale Volksarmee“ – für „Treffen mit Armeegeneral a.D. Heinz Keßler“.

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