Aufwachsen am Kotti : Die Kids aus unserem Hinterhof

Drei Nachbarjungs vom Kottbusser Tor in Berlin. Fünf Jahre haben unser Autor und unser Fotograf sie begleitet. Gibt es einen Platz für sie? Wollen sie den? Lesen Sie hier den beim Deutschen Reporterpreis als beste Lokalreportage ausgezeichneten Beitrag.

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Die Jungs: Milo, Jamal und Maurize ziehen durch Kreuzberg.
Die Jungs: Milo, Jamal und Maurize ziehen durch Kreuzberg.Foto: William Veder

Dieser Text von Autor Nik Afanasjew und Fotograf William Veder erschien im März 2015 in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin. Am 7. Dezember wurde er vom Reporter-Forum in Berlin als "Beste Lokalreportage" des Jahres ausgezeichnet. Geschildert wird das Leben von Milo, Jamal und Maurice. Kurz nach dem Einzug 2010 tauchten sie am Fenster der Erdgeschosswohnung der beiden Preisträger auf: Nachbarjungs, damals um die 13. Seitdem haben unser Autor und unser Fotograf sie heranwachsen sehen. Eine Langzeitbeobachtung.

Das Verrückte ist ja, dass Jamal mal ein Praktikum bei der Polizei begonnen hat. In seiner Schule wurde gefragt, wer so eine Erfahrung machen will. Jamal wollte. Er bekam einen von nur drei Plätzen. Zufall, glaubt Jamal. Vielleicht war es wirklich Zufall, vielleicht hatte auch ein Lehrer den Jungen auf den richtigen Weg bringen wollen. Den Bock zum Gärtner machen, damit er weniger bockig wiederkommt. Hat nicht so gut geklappt.

Das Praktikum war Jamals Chance, vorzustoßen nach vorne, in die Mehrheitsgesellschaft, sich festzusetzen, zu etablieren. Diese Chance lag auf einem schmalen Pfad. Abseits dieses Pfades liegt für Jungs wie Jamal auf der einen Seite der radikale Islamismus, auf der anderen das konsumorientierte Kleingangstertum und dahinter die große Kriminalität. Es war nicht die letzte Chance, aber es war eine – genutzt hat Jamal sie nicht. Das lag an einer scharfen Polizistin, glaubt er heute.

Und das kam so: Außer dieser wirklich gut gebauten Polizistin gab es auf der Wache noch diesen einen Polizisten, Typ Aktenfresser. „So einer, bei dem du denkst, der hat früher immer Schläge bekommen“, sagt Jamal. Es geschah also eines Tages, dass sich die besagte Polizistin bückte. In so einer Situation gewisse Gedanken kriegen, okay, aber nie wäre Jamal auf die Idee gekommen ... da haut der Aktenfresser ihr auf den Arsch! Die Polizistin fuhr herum. „Wer zum Teufel war das?“ Der Aktenfresser zeigte auf Jamal. Die Polizistin schrie ihn an. Jamal beteuerte seine Unschuld. Niemand glaubte ihm. Er schmiss sein Praktikum. Seither ist Jamal bei Kontakten mit der Polizei wieder auf der richtigen Seite, also auf der falschen.

Jamals Freunde lachen häufig, während er erzählt, obwohl sie die Geschichte natürlich kennen. Sie erheben sich aus den Tiefen eines zu bequemen Sofas in einem abgeranzten Kreuzberger Café. Maurize zieht an seiner im Mundwinkel hängenden Zigarette, klatscht energisch links und rechts auf einen Hintern vor seinem geistigen Auge. „Es gibt aber auch korrekte Bullen“, sagt er kurz darauf, plötzlich nachdenklich. Milo nickt.

Jamal, Maurize und Milo sind kürzlich volljährig geworden. Sie heißen eigentlich anders, ihre Decknamen haben sie sich selbst ausgesucht. Jamal ist Türke, Maurize palästinensischer Libanese, Milo ein Walache aus Serbien. Sie sind Berliner mit Migrationshintergrund, geboren und aufgewachsen in Kreuzberg und Neukölln. Sie stammen nicht aus den besten Verhältnissen, aber nach dem wenigen, was sie von ihren Elternhäusern erzählen, auch nicht aus kaputten Trash-TV-Familien. Ganz normale Jungs.

Was ist schon normal am Kotti?

Aber was ist schon normal hier am Kottbusser Tor? Was ist normal daran, hier aufzuwachsen? Wir konnten das ein paar Jahre lang miterleben. 2010 tauchte ein gutes Dutzend postmigrantischer Kids am Fenster unserer Erdgeschosswohnung in Kreuzberg auf. Sie kamen von Innenhof, wo sie Fußball spielten, in Spuckweite zum Kotti. Sie fanden es cool, dass „so Deutsche“ einziehen, was viel aussagt über die Zeit und die Gegend. „Ihr seid bestimmt Studenten“, riefen die Kids. Nein, Studenten waren wir nicht, sondern ein Journalist und ein Fotograf, die sie mit der WG-Katze spielen ließen, aber sich weigerten, ihnen Zigaretten zu geben. Trotzdem kamen die Kids wieder. Einige blieben weg, neue gesellten sich hinzu, nur Maurize, der kam immer.

Und auch Jamal und Milo kamen öfter als andere. Diese drei, diesen harten Kern sahen wir in den vergangenen Jahren erwachsener werden und doch noch nicht erwachsen. Jetzt, in diesem Moment, stehen die Jungs zwischen allen Stühlen, Schule und Beruf, Träumen und Realität. Da ist auf der einen Seite die Parallelgesellschaft ihrer Eltern, die wohl so sind wie viele Ältere hier, friedfertig, aber in sich und die eigene Community gekehrt. Auf der anderen Seite ist ihre Heimat Deutschland, die immer noch nicht so recht weiß, ob sie Jungs wie diesen einen Platz anbieten soll. Sie wissen ja selbst nicht, ob sie diesen Platz wollen.

Und dann ist da noch die Sache mit der Religion. Es wird viel diskutiert über Islam und Islamismus gerade in westlichen Gesellschaften, über Kopftücher und Kultur, die Attentate von Paris und Kopenhagen. Es hat dabei manchmal den Anschein, dass mehr über junge Muslime gesprochen wird als mit ihnen.

MILO: „Die haben selber Schuld, die von ,Charlie Hebdo‘.“

JAMAL: „Solche Karikaturen gehören sich nicht. Warum beleidigt man den Propheten? Die ganze Situation mit dem Islam ist heiß auf der Welt. Da macht man besser Wasser rein, nicht Öl.“

MAURIZE: „Ist nicht so, dass die das verdient haben, aber ...“

JAMAL: „Egal wer stirbt, er war ein Mensch, es ist immer schade. Aber wenn die so Zeichnungen machen ... das ist nicht Pressefreiheit. Die haben unseren Propheten abgebildet! Wenn es gegen Juden geht, dann ist es Antisemitismus. Bei Muslimen heißt es: Pressefreiheit.“

MAURIZE: „Es muss gerecht sein. Die Welt gehört niemandem.“

MILO: „Die Welt gehört Gott.“

MAURIZE: „Die Terroristen und IS, die haben nichts mit Gott oder Islam zu tun. Ein Terrorist hat keine Religion. Es ist scheiße, wenn der Prophet beleidigt wird. Aber der Prophet selbst würde sagen: Lasst sie reden!“

JAMAL: „Solche Zeitungen sollte man verbieten. Wenn ich jemandem auf die Nase schlage, werde ich bestraft. Warum werden die nicht bestraft? Die verletzen mich in meiner Seele.“

MAURIZE: „Nein, nicht verbieten. Lasst sie machen! Lasst sie reden!“

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