Berlin-Bücher : Doppelmord in London

Anna Funders grandioser Roman über einen Mord der Gestapo an zwei Berliner Exilantinnen 1935 in London erinnert an den expressionistischen Schriftsteller Ernst Toller.

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Der expressionistische Schriftsteller Ernst Toller emigrierte 1933 nach London. Sechs Jahre später nahm er sich in New York das Leben.
Der expressionistische Schriftsteller Ernst Toller emigrierte 1933 nach London. Sechs Jahre später nahm er sich in New York das...Foto: dpa

In der Genthiner Straße 41 in Tiergarten erinnert ein Stolperstein an Mathilde Wurm, Frauenrechtlerin, Stadtverordnete für die USPD, später SPD-Reichstagsabgeordnete. „Flucht 1933 England Flucht in den Tod 1.4.1935 London“, umreißt die Inschrift knapp ihr Schicksal, das mit einer Überdosis Tabletten endete – Suizid, wie Scotland Yard und ein Geschworenengericht befanden. Das stimmt so wohl nicht. Eher sprechen Indizien für einen Mord, ausgeführt von Schergen der Gestapo, folgt man jedenfalls der australischen Autorin Anna Funder, die aus dem Tod der linken Politikerin ein ebenso spannendes wie berührendes Buch gemacht hat: „Alles was ich bin“. Keine kriminalistische Dokumentation, vielmehr ein gut recherchierter Roman, in dem Mathilde Wurm aber nur eine Randfigur ist, der Kollateralschaden eines politischen Mordes zur Ausschaltung ihrer Freundin, der ebenfalls emigrierten Journalistin und Widerstandskämpferin Dora Fabian. Als Schlüsselfigur für wohlinformierte, in die britische Presse lancierten Berichte über die deutsche Aufrüstung war sie der NS-Führung lästig geworden.

Es ist die Geschichte einer Gruppe von Emigranten, die in Berlin ihren Ausgangspunkt nimmt und die Stadt, Quelle ihrer Qualen und Ängste, ja ihres Todes, bis zuletzt umkreist, die in London ihren dramatischen Höhepunkt hat und in New York und Sidney ihr Nachspiel. Im Mittelpunkt Dora Fabian, ihre Kusine Ruth und der Schriftsteller Ernst Toller, 1914/16 Kriegsteilnehmer, danach führend in der Münchener Räterepublik, was ihm fünf Jahre Festungshaft einbrachte, schließlich gefeierter expressionistischer Dichter, Star in der linken Berliner Literatenszene, dessen Geschichtsrevue „Hoppla, wir leben!“ 1927 die Piscator-Bühne am Nollendorfplatz (heute: Goya) eröffnete. In der Charlottenburger Uhlandstraße 197 erinnerte eine – verschwundene – „Berliner Gedenktafel“ an den weitgehend vergessenen Autor, Pankow hat eine Tollerstraße.

„Alles was ich bin“ ist das zweite Buch der in Brooklyn lebenden Autorin, die schon mit dem ersten, der 2002 erschienenen, „Stasiland“ betitelten Sammlung literarischer Reportagen, ein Faible für deutsche Stoffe zeigte. In den späten achtziger Jahren hatte sie in West-Berlin studiert, war in den Neunzigern mehrmals für längere Zeit zurückgekehrt. Auf ihren in Berlin wurzelnden Romanstoff stieß sie allerdings in Melbourne. Dorthin hatte es Ruth Blath verschlagen, Dora Fabians Kusine und Vertraute, die wiederum Tollers Sekretärin und Geliebte war. Die damals 79-Jährige erzählte ihr die Geschichte von Liebe, Freundschaft, Mut, Verrat und vergeblichem Widerstand – Anlass zu einem fünf Jahre währenden Prozess aus Recherchieren und Schreiben. Sie habe die Geschichte „aus fossilen Bruchstücken rekonstruiert, ganz ähnlich wie man ein Gerüst aus Saurierknochen mit Haut und Federn ergänzen könnte, um das Tier im Ganzen zu sehen“, beschreibt Funder ihre Arbeit. Eine ihrer Absichten sei es gewesen, „eine Gruppe von äußerst kühnen, zum großen Teil vergessenen Menschen zu ehren, die sich in den Dreißigern den Nazis entgegenstellten“. Das ist ihr überaus gelungen. Voller Spannung und ohne überflüssiges Heldenpathos entwirft sie das Panorama der dunklen Zeit von Terror, Vertreibung und Exil, dargeboten als kunstvolles Spiel mit den Erzählebenen, die zwischen Ruth und Toller, ihrer Vergangenheit in Berlin und London wie ihrer Gegenwart in Sidney und New York, hin- und herspringen. In Australien wurde das Buch mit sieben Literaturpreisen bedacht. Zu Recht.

Anna Funder: Alles was ich bin. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 428 Seiten, 19,99 Euro.

Ihr Reportagenband „Stasiland“ ist als Fischer Taschenbuch erschienen (304 Seiten, 9,95 Euro).

Am 8. April, 20 Uhr, liest Anna Funder, in der Kulturbrauerei (Soda Moon, Knaackstr. 97 in Prenzlauer Berg) aus ihrem Roman.

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