Berlin-Schöneberg : Im "Umsteiger" läuft bald Hip-Hop

Seit 112 Jahren existiert „Der Umsteiger“ am S-Bahnhof Yorckstraße. Nun bekommt die Traditionskneipe zwei neue Betreiber.

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Benvenuto. Vor allem italienische Touristen zieht es in die Kneipe an der Grenze von Schöneberg und Kreuzberg.
Benvenuto. Vor allem italienische Touristen zieht es in die Kneipe an der Grenze von Schöneberg und Kreuzberg.Foto: Mike Wolff

„Schmalzstullen zum Selberschmieren“ und „Eisbein mit Sauerkrauttopf“ steht auf einer Tafel am Eingang der Kneipe „Zum Umsteiger“, direkt an der S-Bahnstation Yorckstraße. Das Geschriebene ist leicht verwischt und stammt aus einer vergangenen Ära. „Der Umsteiger“, ein Original der Berliner Kneipenszene, hat gerade den Besitzer gewechselt und ist derzeit noch geschlossen. Spätestens Ende August soll die Schöneberger Institution für gepflegte Abstürze aber richtig in Betrieb genommen werden, dann wird auch wieder gut lesbar mit den bodenständigen Köstlichkeiten geworben, für die „Der Umsteiger“ bekannt ist.

Dabei sehen die beiden neuen Besitzer der Kneipe so aus, als würden sie eher auf Street Food als auf gediegene Berliner Hausmannskost setzen: Nikolai Leipold und Michel Gembolis sind noch keine 30 Jahre alt und studieren zusammen Gartenbauwissenschaften. Und jetzt sind sie eben auch noch Kneipenbesitzer. Sie haben den Umsteiger ja nicht nur gepachtet, sondern gleich gekauft, mit Erspartem und Privatvermögen. Allzu hoch sei der Kaufpreis nicht gewesen, wie viel genau die beiden Neu-Kneipiers investiert haben, wollen sie aber nicht verraten. „Wir haben beide schon lange davon geträumt, eine Kneipe zu betreiben“, erklärt Nikolai Leipold. Und jetzt wird der Traum wahr. Ihr Studium wollen die beiden dennoch abschließen, was danach kommt, sei unklar.

Pesttrunk auf der Hip-Hop-Party

Den urigen Charme der Kneipe, die es seit 1905 gibt, die den Krieg unbeschadet überstanden hat und in der Teile der Einrichtung tatsächlich mehr als 100 Jahre alt sind, wollen die beiden erhalten und gleichzeitig doch auch alles anders machen. Sie führen in den kleinen gepflasterten Hof des denkmalgeschützten Gebäudes, von dem Teile früher mal zum Bahnhof Yorckstraße gehörten. „Wir kommen beide aus der Elektro- und Hip-Hop-Szene“, erklärt Nikolai Leipold, „und wollen hier im Hof dann kleine Partys mit DJs und Live-Acts“ veranstalten. Erst drinnen Eisbein mit Stenkelfelder Pesttrunk, einem weiteren Klassiker des Umsteigers, dann nebenan zur Hip-Hop-Party – das ist das eigenwillige Konzept der beiden frischgebackenen Kneipiers.

Für die Vorbesitzer Hans-Werner Sens und seine Frau Michaela, ist das, was Leipold und Gembolis mit der Kneipe vorhaben, absolut in Ordnung, sagen sie. Sie sind nun Rentner, der Umsteiger sei ein abgeschlossenes Kapitel, aber wenn die beiden dann ein wenig über die 14 Jahre erzählen, in denen sie hier gewirkt, ausgeschenkt und unterhalten haben, merkt man doch, dass das so ganz auch nicht stimmt. Hans-Werner Sens, der ursprünglich mal Schauspieler war und immer wieder Comedy-Abende im „Umsteiger“ veranstaltete, wird hier vorerst auch weiter auftreten, „so ein bis zwei Mal im Monat“. Das ist mit seinen Nachfolgern bereits so vereinbart.

Einst klassisch mit Berliner Platte

Dass Hans-Werner Sens Qualitäten als Comedian hat, kann man sich gut vorstellen. Um den heißen Brei herumreden, das ist nicht sein Ding. Als er damals von einem Tag auf den anderen seinen Job als Versicherungsvertreter aufgegeben hat, um mit seiner Frau auf Kneipier umzusatteln, habe es im „Umsteiger“ einfach „zum Kotzen“ ausgesehen, sagt er. „Du konntest problemlos vom Boden essen, weil es auf dem Tresen auch nicht sauberer war.“ Das Paar ließ gleich die Auslegware herausreißen. „Das war auch kein Teppichboden mehr, sondern ein filziges Etwas, vollgesogen mit Bier und diversen Körperausscheidungen.“ Ganz früher war „Der Umsteiger“ ein Treffpunkt für Eisenbahner und in den Zwanziger Jahren eine Zeit lang ein Bordell.

Eine neue Generation im Umsteiger.
Eine neue Generation im Umsteiger.Foto: Mike Wolff

Bevor die Eheleute Sens übernommen haben, sei es eine reine „Trinkeranstalt“ gewesen, „schlecht beleumundet“ obendrein. Sie hatten vorher überhaupt keine Erfahrung in der Gastronomie, haben den Laden dann erst einmal ordentlich umgekrempelt, nicht mehr nur Flaschenbier, sondern auch Fassbier angeboten und etwas Anständiges auf die Speisekarte gebracht. „Unser Klassiker“, sagt Michaela Sens, „war immer die Berliner Platte: Eisbein, Wiener Schnitzel, Sauerkraut, Kartoffelsalat.“

Auch Eisbein gibt's auf Italienisch

Mit diesem Programm wurde „Der Umsteiger“ auch bei Touristen beliebt. Aus irgendwelchen Gründen – Hans-Werner Sens weiß es selbst nicht, warum – sind heute vor allem Italiener begeistert von der Kneipe. In Scharen kämen sie hier vorbei. „Ich war wohl der einzige Kneipier in ganz Berlin, der weiß, was Eisbein auf Italienisch heißt.“

Die Italiener wollen auch Nikolai Leipold und Michel Gembolis in Zukunft als ihre Gäste begrüßen. Deswegen setzen sie auf Kontinuität, wollen das Interieur des „Umsteigers“ nicht verändern, damit das „Flair einer Altberliner Kultkneipe“, wie Nikolai Leipold das nennt, erhalten bleibt. Auch den Stammtisch der Maultrommel-Spieler an jedem ersten Dienstag im Monat soll es weiter geben.

Hans-Werner Sens hat ein kleines Büchlein über seine Zeit mit und in der Kneipe geschrieben. Es liegt neben dem Tresen aus. „Zum Umsteiger – Geschichten, die die Kneipe schrieb“, steht auf dem Deckel. Wenn alles gut läuft, wird es irgendwann eine Fortsetzung geben.

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