"Berlin spricht" : Immer an der Wand lang: Berliner Streetart-Videos

Markus Muthig rappt die Worte auf Streetart-Plakaten. Seine Kunst zeigt er beim „Interfilm“-Festival.

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Er hat seinen Platz gefunden. Vor drei Jahren zog Muthig von Würzburg nach Friedrichshain. Dort entdeckte er die vielen Klebezettel an den Fassaden. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Er hat seinen Platz gefunden. Vor drei Jahren zog Muthig von Würzburg nach Friedrichshain. Dort entdeckte er die vielen...

Auf die Wand wurde ein Punk mit rotem Irokesenschnitt gemalt – er hat das Gesicht Angela Merkels. Um einen Hundehaufen liegen Zettel mit den Worten: „Mach niemals den gleichen Scheiß“. Auf dem Toilettenhäuschen am Boxhagener Platz prangt die Graffitibotschaft: „Welcome to Schwabylon“.

Ob auf Wänden oder an Laternen, überall in der Stadt sind Botschaften versteckt. Viele von ihnen sind nach wenigen Wochen verschwunden. Der Berliner Markus Muthig fotografiert und filmt all dies und bastelt daraus eine Videohommage an die Berliner Streetart: Seine „Berlin spricht“-Rapvideos.

Muthig ordnet die Sprüche und Wörter, die er in der Stadt findet, zu Sätzen und rappt genau dies. Oft geht es um Gentrifizierung. Mit dem dritten Teil „Berlin spricht ... für sich“ nimmt Muthig am Kurzfilmfestival „Interfilm“ teil, das vom 13. bis 18. November zum 28. Mal stattfindet. 450 Filme laufen in sieben Wettbewerben in den Passage-Kinos in der Karl-Marx-Allee in Neukölln, im Central-Kino am Hackeschen Markt, im Filmtheater am Friedrichshain, im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz und in der benachbarten Volksbühne, dem Festivalzentrum. Erstmals prämieren die Veranstalter den besten Film aus dem Umweltprogramm. Der filmische Schwerpunkt liegt in diesem Jahr auf Island und den afrikanischen Ländern.

Wie in jedem Jahr werden auch zahlreiche Berlinfilme gezeigt. In „Ursus berlinensis – Die Bären von Berlin“ stellt Gerald Backhaus Kiezbewohner im Stile einer Tierdokumentation vor. David M. Lorenz begleitet in „Entschuldigen Sie bitte die kurze Störung“ eine Verkäuferin eines Obdachlosenmagazins auf ihrem Weg durch die U-Bahn. Auch Muthigs Streetartfilm ist beim Programmpunkt „Berlin Beats“ mit dabei. Vor drei Jahren gab der 31-Jährige seinen Job bei einer Bank in Würzburg auf und zog nach Friedrichshain. Seither schlägt er sich als Filmemacher durch. In Berlin packte ihn die Faszination für die Straßenkunst. „Ich kannte Streetart bis dahin gar nicht“, sagt Muthig, der sich als Rapper Emus Primus nennt. Seitdem läuft er mit der Kamera durch die Straßen. Die Bildersammlung wurde immer größer. Schnell kam die Idee, das Fotografierte in Reimen festzuhalten. Fünfeinhalb Minuten ist das neue Video lang – zusammengeschnitten aus sechs Stunden Videomaterial.

Eigentlich sollte nach dem ersten Video Schluss sein. Doch dann kamen Menschen aus der Szene auf ihn zu, nahmen ihn mit zu Mal- und Klebeaktionen, damit er filmen konnte, ob auf Dächern oder Straßen. Die meisten Aufnahmen stammen aus seiner Nachbarschaft in Friedrichshain. Muthig hat festgestellt, dass sich die Kieze in ihrer Kunst unterscheiden. „In Neukölln sind die Botschaften aggressiv. An den Hackeschen Höfen ist es eher künstlerisch“, sagt Muthig.

Ob geklebte Plakate oder gemalte Schriftzüge, Streetart ist für Muthig witzige, ehrliche Kommunikation. „Jemand beschäftig etwas, er malt ein Bild darüber, jemand anderes antwortet oder übermalt es.“ So ist auch der Schriftzug „Welcome to Schwabylon“ mittlerweile mit einer Deutschlandfahne mit einem Marienkäufer übermalt. Trotz aller Begeisterung – Muthig bleibt hinter der Kamera. Der Grund: „Ich kann nicht malen.“

„Interfilm“, 13.-18. November, Karten gibt es für drei bis acht Euro, das 5er-Ticket kostet 25 Euro, die Dauerkarte 40/50 Euro. Kinderkurzfilmfestival „Kuki“, 11.-18. November, 3-7 Euro, Details www.interfilm.de