Berlin von oben : Der Türmer vom Olympiastadion

Als Manfred Uhlitz 1979 den Glockenturm am Olympiastadion pachtete, galt das als Sensation: Er war erst 23 Jahre alt und Student. Seither hat der Kunsthistoriker Millionen Besucher auf dem 77 Meter hohen Ausguck begrüßt.

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Der Turmvater. Seit 33 Jahren hat Manfred Uhlitz als Pächter des Glockenturms ein Händchen für Geschichte.
Der Turmvater. Seit 33 Jahren hat Manfred Uhlitz als Pächter des Glockenturms ein Händchen für Geschichte.

Sich über diese Entfernung zuwinken? Doch, könnte funktionieren, mit einem guten Fernglas schon, mit einem Teleskop auf alle Fälle, hat man nur leider selten dabei. Immerhin gut 3000 Meter Luftlinie, da fällt es von hier oben auf dem Glockenturm nicht mal auf, dass die drüben auf dem Funkturm genau genommen auf uns herunterschauen. Nur 77 Meter ist die steinerne Säule auf dem Olympiagelände hoch, das reicht, um das Stadion optisch auf die Größe einer Salatschüssel schrumpfen zu lassen und die Stadt dahinter zu einer Steinlandschaft im Spielzeugformat. Das Stahlskelett auf dem Messegelände dagegen hat einen Ausguck in 126 Metern Höhe zu bieten.

Wer sich das Vergnügen des wechselseitigen Winkens in luftiger Höhe machen will, muss sich beeilen. Der Funkturm samt Restaurant und Aussichtsplattform ist von diesem Montag an dicht, wird bis 10. September gewartet. Zwei statische Teile müssen saniert, der Korrosionsschutz erneuert und der Aufzug inspiziert werden. Die letzte Grundsanierung liegt 25 Jahre zurück, da geht es wohl nicht ohne solch längere Reparaturpausen. Doch damit hat der Glockenturm einen klaren Vorteil beim Buhlen um Publikum: Er war erst zur Fußball-WM 2006 für rund 7 Millionen Euro saniert worden, ist dabei richtig schick geworden, mit gläsernem Aufzug und einer informativen, vom Deutschen Historischen Museum zusammengestellten Ausstellung zur Geschichte des Geländes und des Turms. Gut möglich also, dass die durchschnittliche Zahl von 300 000 Besuchern pro Jahr diesmal sogar, ohne Funkturm-Konkurrenz, noch steigt.

Über deren Zusammensetzung gibt es keine Statistiken, aber Manfred Uhlitz, seit 33 Jahren Pächter des Turms, kann mit all seiner Erfahrung gut schätzen: 20 Prozent Berliner, 40 Prozent deutsche Touristen, 40 Prozent Ausländer. Erst vorhin hat ein Reisebus einen Schwarm Dänen ausgespuckt, jetzt stehen sie an der Kasse, kaufen Postkarten und kalte Getränke, von Uhlitz gewandt in Englisch und mit ein paar Brocken Dänisch bedient – mehr Turmherr als Kassierer, im Übrigen ein gebildeter, eloquenter Mann: Kunsthistoriker, Doktor sogar, promoviert über einen englischen Landschaftsgärtner des späten 18. Jahrhunderts, dazu Vorsitzender des Vereins für die Geschichte Berlins, für dessen „Mitteilungen“ er natürlich auch die Turmgeschichte beschrieben hat.

Aber trotz aller Meriten: Für manchen nun auch schon ergrauten West-Berliner ist und bleibt er offenbar „der Student“, sieht sich immer mal wieder Fragen gegenüber wie „Ist denn der Student noch da?“ oder „Wo wohnt hier der Student?“ Damals im Juni 1979 nämlich war das wirklich eine kleine Sensation im alten West-Berlin. „Ein Student ist Türmer am Olympiastadion“, meldete auch der Tagesspiegel. Manfred Uhlitz, 23 Jahre, FU-Student der Kunstgeschichte, hatte die Gunst der Stunde erkannt und zugegriffen. Neben dem Studieren hatte er sich als Stadtführer verdingt, dabei regelmäßig Touristenbusse zum Turm geleitet – und stand eines Tages vor verschlossener Tür: Der Pächter hatte aufgegeben.

Also bewarb Uhlitz sich selbst als Pächter des Turms, damals noch bei der Sondervermögensverwaltung, bekam den Zuschlag – und konnte sich dank seiner Beziehungen zu anderen Stadtführern über mangelnden Zuspruch nicht beklagen. Auch den Briten, die das alte Reichssportfeld beschlagnahmt hatten, war das recht, solange sie nur die unteren Turmräume weiter als Lager nutzen konnten. Jahrelang funktionierte dieses Nebeneinander von alliiert-militärischer und touristischer Nutzung, erst 1994 gaben die Briten den Turm komplett frei, ließen dabei auch einen großen Container mit aussortiertem Gerümpel zurück, aus dem Uhlitz pfiffig einige Preziosen fischte und sie später dem Alliiertenmuseum stiftete. Eine Krone mit den Insignien „E II R“ beispielsweise, bei irgendeiner vergessenen Zeremonie zu Ehren der Königin genutzt. Findet man nicht alle Tage.

Inzwischen vermarktet die Olympiastadion Berlin GmbH, ein landeseigenes Unternehmen, das Areal. Und auf Drängen der Sportverwaltung wurde im Spätsommer 2011 der getrennte Kartenverkauf fürs Stadion und den Turm zusammengeführt. Seitdem gibt es ein Kombiticket, das zum Besuch beider Orte berechtigt – das habe sich bewährt, sagt Uhlitz, der neben dem Glockenturm noch andere Felder des Berlin-Tourismus beackert.

Auf ein mit seiner Türmerrolle verbundenes Privileg musste er allerdings mittlerweile verzichten. Nicht länger hat er die Schlüsselgewalt für die Glocke, die dem Turm den Namen gab und 1962 nach Wiederaufbau des Turms als kleinere Ausgabe des Originals aufgehängt worden war. In seinen frühen Jahren auf dem Glockenturm war das noch anders, so auch 1989 während eines Neil-Diamond-Konzerts in der nahen Waldbühne. Man hat von der Turmspitze einen prima Blick auf das Halbrund in der Murellenschlucht, und aus Gefälligkeit hatte Uhlitz, der selbst schon manches Konzert von dort oben genossen hat, die Ehefrauen der unten agierenden Polizeiführer hinaufgelassen. Zufällig war sein zehntes Glockenjubiläum, was die vom Konzert offenbar beschwingten Damen veranlasste, ihn beim Schlussfeuerwerk zum Glockengeläut zu beschwatzen. Im Geknalle und Gedonner ging das unerlaubte Gebimmel weitgehend unter, ein Anwohner, über die Waldbühnenkonzerte permanent erbost, hörte es dennoch heraus und zeigte den Türmer an. Nun ja, die Sache verlief im Sande. Mit dem Anbringen eines Fahrradschlosses durch Uhlitz war der Gerechtigkeit Genüge getan, die Wiederholungsgefahr für die Polizei gebannt – das Verfahren wurde eingestellt.

Der Glockenturm am Olympiastadion kann bis zum 15. September von 9 bis 20 Uhr besichtigt werden (auch während der Beachvolleyball-Woche vom 10. bis 15. Juli in der Waldbühne). Danach gibt es bis 15. November stufenweise verkürzte Zeiten. Das Kombiticket, das auch zur Besichtigung des Olympiastadions berechtigt, kostet 7 Euro, erm. 5 Euro (Family-Card 16 Euro). Kinder unter 6 Jahren haben freien Eintritt (Infos: www.glockenturm.de). Der Funkturm bleibt vom 9. Juli bis 10. September wegen Sanierungsarbeiten geschlossen. An diesem Sonntag ist er von 10 bis 23 Uhr geöffnet, sofern das Wetter es zulässt (Erwachsene 5 Euro, Kinder 2,80 Euro).

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