Berlin : Berlin vor der Wahl: Die "Flut" will alles Schlechte weg spülen

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Neun Mitglieder, das ist nicht viel für eine Partei. Aber kann ja noch werden. Soll noch werden; sollen noch sehr, sehr viele werden. "Die Flut", gegründet am 17. Juni 2001, trägt ihren Namen zur Verbildlichung der Kraft, die einmal in ihr stecken wird. Eine Naturgewalt gleichsam, die "alles Schlechte wegspült und das Land fruchtbar macht", erklärt der Vorsitzende Jörg Blichmann. Eine sanfte Gewalt aber, "keine Sturmflut!"; wie der Nil, dessen Schlamm die Erde reich macht.

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Blichmann sitzt in seinem Büro im Hinterzimmer der Firma für Sanitär- und Heizungsanlagen Noelle & Sohn in Zehlendorf. Ein adretter junger Mann, 34 Jahre alt, blaues Hemd, gelber Schlips, kerngesundes Gesicht. Das Büro ist auch die provisorische Parteizentrale. Auf dem Schreibtisch ein Buch "So arbeitet der Bundestag".

Sie wollen hoch hinaus. Deshalb ist die "Flut" jetzt, so paradox es klingt, von den Ereignissen überrollt worden. "Eigentlich wollten wir erst zur Bundestagswahl 2002 antreten", erzählt Blichmann, "aber nun ist uns die Abgeordnetenhauswahl dazwischen gekommen." Aber gut, dachten sie, ziehen wir eben zuerst in das Landesparlament ein. Die Fünf-Prozent-Hürde schreckte nicht: Man müsse der Bevölkerung - "von der uns 30 Prozent grundsätzlich wählen müssten, weil sie unsere Ziele teilen" - lediglich deutlich machen, dass genau wegen dieser 30 Prozent ihre Stimme nicht verschenkt sei. Leider nur bekam die Partei nicht genug Unterschriften zusammen, um landesweit anzutreten. So kandidert nun vorerst nur Jörg Blichmann für den Zehlendorfer Wahlkreis 7.

Was aber will die "Flut", deren Erdrutschsieg - noch so ein paradoxes Bild - einstweilen aufgeschoben ist? Auszüge aus dem Programm: "Mehr Steuergerechtigkeit. Reduzierung der Rundfunkgebühr. Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Zuweisung zumutbarer Tätigkeiten für Langzeit-Arbeitslose. Privatisierung der Rentenversicherung. Weniger Staat. Bafög für alle. Abschaffung der Rechtschreibreform. Bessere Familienförderung. Abschaffung der Wehrpflicht. Konsequentere Strafverfolgung." Wie Blichmann schon sagt: "Wir sind eine Partei der Mitte." Wer das Programm, "das ständig weiterentwickelt wird", durchliest, wird wenig Positionen finden, die von vornherein unsinnig klingen. Es finden sich darin auch so hübsche Details wie "die Mützenpflicht für Polizisten sollte abgeschafft werden" - "damit die nicht so arrogant auftreten".

Entstanden sei die Partei aus "Wut gegen die Obrigkeit", Ärger über die hohe Arbeitslosigkeit, Enttäuschung über abgehobene Politiker und Parteien, die "abgewirtschaftet" hätten. Deshalb kam für Blichmann und seine Freunde auch nicht in Frage, ihre Vorstellungen innerhalb einer bestehenden Partei umzusetzen. "Die Ochsentour verändert die Leute", sagt er. Und hofft, dass der Ärger der Wähler groß genug ist, ihn ohne diese ins Parlament zu spülen.

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