Berlin : Berliner Nachrufe: Kolja Killmer Geb. 1919

Kolja Killmer ist mit 81 Jahren gestorben.

Ivonne Killmer hat ihren Mann beerdigt, ihre große Liebe, so wie er es sich gewünscht hat, neben seiner ersten Frau. Seiner Anja.Als Ivonne Killmer 1946 den jungen Mann sah, der von seinem jüdischen Vater und der KZ-Zeit erzählte, war sie so beeindruckt, dass sie sich wohl auf der Stelle verliebte. Unsterblich. Das war ihr von Anfang an klar. Aber kaum hatte sie ihn kennen gelernt, da war der Lehrgang für junge Genossen auch schon vorbei. Kolja fuhr zurück nach Dresden. Ivonne saß in Berlin und malte sich aus, wie schön es hätte werden können. Immerfort dachte sie an ihn.

Da wurde ihr eine Stelle bei der Sächsischen Zeitung angeboten - in Dresden. Sie griff zu. Sie traf sich mit Kolja, und der lud sie zu sich nach Hause ein. Dort lernte sie Anja kennen. Weißblonde Haare, untersetzt, 23 Jahre älter als Kolja. Eine energische, fast fanatische Frau, die den ängstlichen Kolja damals, 1939, bei ihrer beider Verhaftung angeherrscht hatte: "Ach was, die 25 Jahre sitze ich mit einer Arschbacke ab." Kolja hatte Anja kennen gelernt, als sie als Untermieterin in die Wohnung seiner Mutter einzog. Begeistert von dieser Frau, schloss er sich ihrer antifaschistischen Widerstandsgruppe an. Die letzten fünf Jahre Krieg verbrachten Anja und Kolja in getrennten Gefängnissen.

Mit einem solchen Gegner hatte Ivonne nicht gerechnet. Ihr blieb nur der Rückzug. Mit ihrem unehelichen Kind aus Kriegszeiten und dem Job bei verschiedenen Zeitungen war Ivonne die nächsten 35 Jahre völlig ausgelastet. Einen anderen Mann hat es in ihrem Leben nie gegeben. "Der Kolja, der war meine große Liebe." Von Kolja las sie ab und zu etwas. Er war mittlerweile Korrespondent für das "Neue Deutschland" in Afrika. Gesehen hat sie ihn all die Jahre nicht wieder.

Im Mai 1981 las sie die Todesanzeige von Anja. Sie schickte Kolja eine Beileidskarte. Zwei Tage später rief er an. Ob man sich nicht mal treffen könne. Zwei Wochen später sagte er: "Ich glaube, das läuft auf eine Hochzeit hinaus". Am 31. Oktober heirateten Ivonne und Kolja Killmer. Er kochte, nähte, redete. Ivonne war Frau. Koljas Frau. Am Finger trägt sie den Ehering, den er aus dem alten Ring von Anja hat fertigen lassen. Ihr war das egal. Gold ist Gold. Anja tauchte nur noch manchmal auf. Wenn er erzählte, was Anja für ein gutes Schnitzel zubereiten konnte. "Naja, dann machen wir halt Schnitzel à la Anja", damit war die Sache für Ivonne gegessen.

Wenn sie heute die Tonbänder anhört, die Anja und Kolja besprochen haben, wird ihr aber doch zuweilen unheimlich. Eifersüchtig war sie ihre ganze Ehezeit über nie auf Anja. Ivonne und Kolja, das war etwas Anderes, Neues, ebenso Schönes. Aber wenn sie die Bänder jetzt hört, wird ihr klar wie groß seine Liebe zu Anja gewesen sein musste.

Für Ivonne waren die 18 Jahre Ehe mit Kolja die schönste Zeit ihres Lebens. Dass er jetzt wieder zu seiner Anja zurückgewollt hat, das ist für sie nicht schmerzlich. Jetzt ist er wieder dort, wo er herkam. kek

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