Berliner Originale : Doktor Conny hilft Frauen nach Genitalverstümmelung

Cornelia Strunz ist Oberärztin im „Desert Flower Center“. Die Arbeit in der weltweit ersten Klinik für Frauen mit Genitalverstümmelung hat ihr Leben komplett verändert.

Lucia Jay von Seldeneck
Oberärztin Cornelia Strunz vom „Desert Flower Center“ ist die erste Ansprechpartnerin für Frauen mit Genitalverstümmelung.
Oberärztin Cornelia Strunz vom „Desert Flower Center“ ist die erste Ansprechpartnerin für Frauen mit Genitalverstümmelung.Foto: Verena Eidel

Wenn sie erzählt, gibt sie ein Tempo vor, dem man kaum folgen kann. Voller Ungeduld blickt sie hin und wieder auf, ob man auch mitkommt. Nur wenn das Telefon in ihrer weißen Kitteltasche klingelt, dann hält Cornelia Strunz mitten im Satz abrupt inne. Es sei wichtig, dass sie für die Frauen jederzeit erreichbar sei, erklärt sie. Denn Doktor Conny, so nennen sie alle hier auf der Station im Krankenhaus Waldfriede, ist die erste Ansprechperson für Frauen mit Genitalverstümmelung. Seit die Einrichtung 2013 als erstes medizinisches Zentrum weltweit gegründet wurde, ist sie als Oberärztin und Chirurgin dabei, vor allem aber: als Frau. Denn für die meisten Frauen, die zu ihr in die Sprechstunde kommen, ist es ein großer Schritt, über die Schmerzen und die oft traumatische Erfahrung zu sprechen. Mit einem Mann könnten sie das nicht.

Die meisten von Doktor Connys Patientinnen kommen aus Afrika. „Wir hatten in den dreieinhalb Jahren Frauen aus insgesamt 17 verschiedenen Ländern hier.“ Ihr Blick schweift über die große Afrika-Karte, die sie schon nach zwei Wochen an der Wand aufgehängt hat. Weibliche Genitalverstümmelung ist ein grausames Ritual, das dort noch in vielen Ländern praktiziert wird. Dabei werden den jungen Mädchen die Schamlippen und die Klitoris entfernt – also mit einem Rasiermesser, einer Scherbe, einem spitzen Stein abgeschnitten. Dann werden sie zusammengenäht. Das somalische Top-Model Waris Dirie hatte diese Grausamkeiten vor fast 20 Jahren öffentlich gemacht – im Buch „Desert Flower“, zu Deutsch „Wüstenblume“.

„Man muss sehr viel Zeit mitbringen“

Die leidvollen Geschichten darüber zu hören, schnürt einem den Hals zu. Und wenn die Frauen weinen, dann weint Doktor Conny nicht selten mit ihnen.

Aber dann gibt es eben auch die Momente, die all das ertragbar machen. Es sind die Momente voller Freude und Dankbarkeit, wenn die Patientinnen nach der Operation das Gefühl haben, wiederhergestellt zu sein – wieder eine komplette Frau zu sein. So habe zum Beispiel eine Patientin vor Kurzem angerufen und voller Enthusiasmus gesagt: „Doktor Conny – immer wenn ich mit meinem Mann Sex habe, denke ich an dich!“ Cornelia Strunz muss lachen. Aber diese Momente helfen ihr über die Brutalität und Grausamkeit hinweg, von der sie in ihrer Sprechstunde erfährt.

„Am Anfang wussten wir gar nicht, wie es funktionieren würde: Würden die Frauen überhaupt hierherfinden – und wie würden wir uns verständigen können?“ Doch schon ziemlich schnell wurde klar: Es geht in den meisten Fällen um viel mehr als eine medizinische Behandlung. „Man muss sehr viel Zeit mitbringen“, erklärt die Ärztin. Eine Operation könne schließlich auch nicht alle Probleme lösen. Viel wichtiger sei es, die Frauen auf dem Weg zu ihrer Entscheidung zu begleiten. Daher hat Cornelia Strunz die Selbsthilfegruppe organisiert. Einmal im Monat treffen sich die Frauen, die schon operiert sind, mit den Frauen, die von Sozialarbeitern ins Waldfriede-Krankenhaus zur Beratung geschickt wurden – um zu sprechen. Als Erstes gehe es meistens darum, überhaupt Worte zu finden für das Leid und die Schmerzen. Und Worte für weibliche Sexualität.

Das Leid der Frauen ist noch nicht vorbei

„Das Wichtigste ist, dass wir ein Umdenken in die Wege leiten.“ Cornelia Strunz kommt aus einer sehr sozialen Familie. Mit ihren Eltern und ihren vier Schwestern habe sie schon immer Hauskonzerte veranstaltet, erzählt sie, und irgendwann seien daraus dann Benefizkonzerte geworden, die inzwischen das „Desert Flower Center“ mitfinanzieren. Vorher habe sie mit Afrika gar nichts zu tun gehabt, sagt Strunz. Inzwischen haben sie und das Team in der fünften Etage des Waldfriede-Krankenhauses nicht nur eine spendenfinanzierte Anlaufstelle geschaffen, in der Frauen geholfen wird – auch wenn sie keine Krankenversicherung haben –, sondern noch viel mehr: Sie unterstützen in Kenia zwei Mädchenschulen, in denen Mädchen, die vor der Zwangsverheiratung geflohen sind, aufgenommen werden, und außerdem ein neues Krankenhaus mit einer gynäkologischen Abteilung für genitalverstümmelte Frauen.

„Mein Leben hat sich komplett verändert“, sagt die 45-Jährige und strahlt. Es sei so wichtig, dieses Thema mit den betroffenen Frauen gemeinsam anzupacken und diese jahrtausendealte Quälerei zu beenden, sagt sie. Es sind kleine Schritte, aber man könne zusehen, wie der Funke überspringt und aus einem Projekt das nächste entsteht. „Und das ist doch toll, oder?“, sagt sie und man kann für einen Moment spüren, wie Cornelia Strunz mit all ihrer Energie dieses Umdenken von Zehlendorf aus antreibt. Weitere Informationen unter www.dfc-waldfriede.de

Cornelia Strunz’ Lieblingsort in Berlin ist: Das Lange Luch am Hüttenweg in Dahlem.

Was diesen Ort so besonders macht: „Einer meiner Lieblingsorte ist die Laufstrecke vom Grunewaldsee durch das Lange Luch zur Krummen Lanke. Hier hört man die Frösche quaken und kann wunderbar abschalten und neue Energie tanken.“

Von den Autorinnen erschien bereits: „111 Berliner, die man kennenlernen sollte“ (Emons Verlag, 230 Seiten, 16,95 Euro). Nun begeben sich Lucia Jay von Seldeneck und Verena Eidel für uns auf die Suche nach noch mehr Berlinern. Bisher unter anderem erschienen: Lizzy Scharnofske, das lebende Schlagzeug - Andreas Zadonai, ein Bäcker der alten Schule - Sinan Simsek, der Buchhändler vom Kott -Gudrun Schmidt, die Seifenmeisterin aus Friedrichshain - Hanns-Lüdecke Rodewald, der Professor mit dem Moos-Auto -Britt Kanja, Lebenskünstlerin mit einer Vision - Nidal Bulbul, Kriegsreporter und Cafébesitzer am Görli, Mit der Rikscha durch den Tiergarten - Helmut Millan.

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