Berlins ungewöhnlichste Tierärztin : Dr. Dolittle lebt in Lichterfelde

Eichelhäher im Sprechzimmer, Spatz in der Küche – Renate Lorenz lebt mit 60 Tieren zusammen wie der Doktor aus Puddleby. Eine kleine Arche Noah hat die Tierärztin um sich geschart. Jeder Schützling hat eine Geschichte. Ein Besuch zum Praxisjubiläum.

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Handvoll Federvieh. Tierärztin Renate Lorenz mit ihren Zwerghühnern. Am 18. November wird ihre Praxis in Lichterfelde-Ost 30 Jahre alt.
Handvoll Federvieh. Tierärztin Renate Lorenz mit ihren Zwerghühnern. Am 18. November wird ihre Praxis in Lichterfelde-Ost 30 Jahre...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Es gibt Leute, die sagen, Renate Lorenz habe einen Vogel. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Sie hat gleich mehrere. Zum Beispiel, „Pieps“, den Sperling, der seit acht Jahren in ihrer Wohnung über der Tierarztpraxis in seinem Vogelbauer lebt, aber tagsüber meistens bei irgendjemand auf dem Kopf hockt.

Oder Eichelhäher Hans. Der ist im Sprechzimmer im Parterre des Reihenhauses am Oberhofer Weg 68 in Lichterfelde-Ost zu Hause, an dessen Eingang seit 30 Jahren ein Schild verkündet: Dr. Renate Lorenz, Tierärztin. Eichelhäher Hans sitzt am liebsten auf dem Schreibtisch, während gegenüber, auf dem Untersuchungstisch, andere Tiere versorgt werden. Unterdessen wetzt er den Schnabel bevorzugt am Kassenbuch, versteckt rasch ein Erdnüsschen im Karteikasten oder trinkt in langen Zügen am Wasserhahn.

Liebt den Schreibtisch. Eichelhäher Hans versteckt gerne Nüsschen im Karteikasten.
Liebt den Schreibtisch. Eichelhäher Hans versteckt gerne Nüsschen im Karteikasten.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Zu Renate Lorenz kommen nicht nur Menschen mit ihren kranken Tieren, sie hat auch selbst eine kleine Arche Noah um sich geschart. Mehr als 60 geflügelte oder vierbeinige Hausgenossen gehören dazu. Die meisten wurden irgendwo verletzt oder einsam aufgelesen und zu ihr gebracht. Jedes dieser Tiere hat seine Geschichte. Fast alle wären längst eingeschläfert worden oder draußen in der Natur gestorben, hätte sie Lorenz nicht kuriert und bei sich in der Praxis, in der Wohnung oder im Garten aufgenommen.

Auch die Tiere des Rollheimer-Camps werden von ihr versorgt

Seit dem 18. November 1985 macht sie das so. Damals eröffnete sie am Oberhofer Weg ihre Praxis. Inzwischen versorgt sie auch die Tiere des Rollheimer-Camps an der Wuhlheide in Köpenick und die von Obdachlosen. Am 18. November wird nun Jubiläum gefeiert. Zeit für einen Besuch bei Berlins ungewöhnlichster Tiermedizinerin.

Ein verwunschen zugerankter Garten mit Fischteich vor der Praxistür. Renate Lorenz, 64, steht mittendrin, vor der großen Volière. Eine resolute Frau, Jeans, Kapuzenjacke, blonde Haare. Willkommen bei Dr. Dolittle aus Berlin. Zwar fehlen Zylinderhut, Frack und Spazierstock wie bei dem stattlichen Mann aus Puddleby, der mit den Tieren spricht. Und es wohnen in ihrem Klavier auch keine Mäuse. Aber genau wie ihr Vorbild im Kinderbuch-Klassiker ist sie ein Typ voller Neugierde, mal ruhig, mal quirlig, mit viel Zuneigung in Stimme und Gesten, wenn sie ihre Mitbewohner vorstellt und unbeirrbar an ihnen festhält – obwohl mancher ihr deshalb den Vogel zeigt.

Kruschelt in der Kiste. Dieser junge Igel wird über den kalten Winter gerettet.
Kruschelt in der Kiste. Dieser junge Igel wird über den kalten Winter gerettet.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Kanarienvögel, Wellen- und Nymphensittiche machen Lärm in der Volière. Renate Lorenz zeigt auf zwei Drosseln, zwei Amseln und eine Schnepfe, die hektisch am Boden entlangrennt. Alle sind aus dem Nest gefallen. „Hier werden sie fit gemacht und spätestens im Frühjahr entlassen“, sagt sie. Wildtiere sollen möglichst wieder in die Natur zurück.

Das klappt allerdings nicht in jedem Fall wie das Schicksal von Hans zeigt, dem Eichelhäher. Als er in die Praxis gebracht wurde, waren beide Flügel gebrochen, wohl durch die Attacke einer Katze. Komplett ließ sich das nicht reparieren. „Deshalb ist er nun ein Fußgänger“, sagt Renate Lorenz – und dauerhaft in ihr Behandlungszimmer eingezogen. Davor, im kleinen Warteraum, hängen großformatige Hunde- und Katzenporträts an der Wand. Renate Lorenz fotografiert auch leidenschaftlich Tiere, ihre Bilder wurden schon mehrfach ausgestellt.

Pieps, der Spatz, rupft für sein Nest Hunde- und Katzenhaare aus

Blick zur Uhr. Bald beginnt die Sprechstunde. Aber jetzt führt sie erstmal ihren Privatzoo vor, nimmt auf der Treppe hinauf zur Wohnung gleich zwei Stufen auf einmal, im Gefolge Praxiskater Suri, der einst aus dem vierten Stock eines Hochhauses fiel und von Polizisten mit vielfach gebrochenen Vorderbeinen bei ihr abgeliefert wurde. Ein Veterinärchirurg brachte das wieder in Ordnung, seither gehört Suri zur Lorenz’schen Tier-WG. Am Küchentisch sitzen Ehemann Michael Jensen und Praxisassistentin Susi Schubert. Pieps, der Spatz, startet gerade von Susis Kopf Richtung Muck-Muck, einer 13 Jahre alten Hirtenhündin. Rupft auf deren Rücken ein bisschen Fell aus, um sein Nest zu polstern. Das macht er auch bei Olga, einer steinalten Perserkatze. Die schnurrt im Körbchen, sie schert sich nicht drum.

Hockte im Düsteren. Papagei Pepi kam aus einer dunklen Wohnung und einem winzigen Käfig in die Tier-WG.
Hockte im Düsteren. Papagei Pepi kam aus einer dunklen Wohnung und einem winzigen Käfig in die Tier-WG.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Aber jetzt nochmal der Reihe nach. Steckbrief Pieps: Er lag als nackter Jungvogel auf dem Boden eines Reitstalls. Lorenz zog ihn groß, um ihn später auszuwildern. Aber Pieps wollte nicht, kehrte beständig in seinen Käfig zurück. Muck-Muck wiederum lag in einem Pappkarton in den Karpaten, als Renate Lorenz dort mit einer Reisegruppe unterwegs war. Ein ausgesetzter Welpe. Sie schmuggelte ihn im Rucksack nach Deutschland. Und die zahnlose, 18 Jahre alte Olga? Sie lebte einst mit einer Russin und zehn weiteren Katzen in einer Steglitzer Wohnung, bis die alte Dame einen Schlaganfall erlitt. Olga sollte eigentlich eingeschläfert werden. Bei Lorenz bekommt sie ihr Gnadenbrot.

Lag als Welpe im Pappkarton. Hirtenhündin Muck-Muck fand Renate Lorenz in den Karpaten.
Lag als Welpe im Pappkarton. Hirtenhündin Muck-Muck fand Renate Lorenz in den Karpaten.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Draußen kräht Hahn Koi, Herr einer Truppe federfüßiger Zwerghühner. Tagsüber picken sie im Garten, nachts sitzen sie auf der Stange im hintersten Praxisraum. Auf dem Weg dorthin laufen sie aufgeregt glucksend an einer kleinen Menagerie vorbei. Buntratte Ben und Mäuse rascheln in Terrarien. Schildkröte Tarzan schleift über den Boden, junge Igel rumoren in Kisten, sie würden den Winter draußen kaum überleben. Auf seinem Käfig sitzt Papagei Pepi. „Der lebte bei alten Leuten in einem winzigen Vogelbauer. Düsteres Zimmer, er sah nie Tageslicht“, erzählt Lorenz. Als Pepi zu ihr kam, blickte er wie gebannt zum Himmel hinauf.

Auch BVG-Fahrer und BSR-Männer bringen Fundtiere vorbei

Nach ihrem Studium in Berlin arbeitete die Veterinärin erstmal in Forschung und Lehre. Auch das liegt ihr, doch auf Dauer braucht sie den täglichen tierischen Umgang. „Ich kann zwar nicht mit den Tieren reden, spüre aber, was sie denken und fühlen“, sagt sie. Taube „Baby Blue“ gurrt in einer Volière. Ein BVG-Busfahrer las den Vogel auf einer Kreuzung auf, kutschierte ihn bis zum Feierabend durch die Stadt. Dann gab er die Taube im Oberhofer Weg ab. Und jüngst standen Müllwerker der BSR vor der Tür. Sie brachten zwei verletzte Eichhörnchen vorbei.

Lahmt mit den Schwingen. Dieser junge Bussard ist an den Flügeln erkrankt. Er wird in der Praxis kuriert.
Lahmt mit den Schwingen. Dieser junge Bussard ist an den Flügeln erkrankt. Er wird in der Praxis kuriert.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Auf dem Hof einer Autowerkstatt stürzte im September ein Bussard ab. Lorenz stellte Hämatome unter den Flügeln fest. Diese Blutergüsse heilt sie nun aus, solange sitzt der Raubvogel im Käfig, schaut starr mit großen, kreisrunden Augen in die Welt hinaus. Aber plötzlich wird er aufmerksam. Hühnergackern, Kikeriki. Die Ärztin lacht. Das ist Hucky, die sprachbegabte, zahme Nebelkrähe. Kinder brachten sie vor zehn Jahren zu ihr – mit einem verkrüppelten Flügel. Hucky ist häuslich. Er wohnt in einer Hundehütte – und ahmt alle Tiere nach.

Sogar eine Ziege gehörte mal zur Lorenz’chen WG. Mit der Flasche wurde sie groß gezogen. Doch als sie begann, die Klaviernoten aufzufressen, wurde Frau Doktor zickig. Ziegen kommen ihr nicht mehr ins Haus.

Noch mehr Tiergeschichten aus der Jubiläumspraxis gibt’s auf www.tierarzt-lichterfelde.de. Tierfotos von Renate Lorenz sind vom 22. 11. - 24.12. in einer Adventsausstellung der Lichterfelder Gärtnerei Thom, Hildburghauser Straße 176, zu sehen (werkt. 8-18 Uhr, Sa., 8-13 Uhr, So., 10-12 Uhr.

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