Berlins zweitgrößter Park : Happy Birthday, Jungfernheide!

Der Bau verzögerte sich einst, dann flanierte hier Fontanes Held: Am Montag wird der Volkspark Jungfernheide 90 Jahre alt. Ein Rundgang zum Geburtstag.

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Ein Park mit Geschichte: Der Volkspark Jungfernheide wird an diesem Montag 90 Jahre alt. Einst gab es Finanzierungssorgen, Fontanes Held entschloss sich hier zur Trennung. Und woher kommt eigentlich der Name? Ein Rundgang in Bildern.Alle Bilder anzeigen
Foto: Mike Wolff
26.05.2013 16:18Ein Park mit Geschichte: Der Volkspark Jungfernheide wird an diesem Montag 90 Jahre alt. Einst gab es Finanzierungssorgen,...

Der Name gibt Rätsel auf. Jungfernheide, das regt die Fantasie an: Räkelten sich hier etwa früher mit Vorliebe luftig bekleidete Jungfrauen neben überquellenden Picknickkörben, wie auf dem Bild des Malers Édouard Manet? Oder war der Park einst ein geheimer Treffpunkt von Junkern mit ihren Jungfern?

Alles falsch, die Wahrheit über den Namen des – nach dem Tiergarten – zweitgrößten Berliner Parks kommt wesentlich keuscher daher: Jungfern, das waren die Nonnen des sagenhaft reichen Benediktinerinnenklosters in Spandau, denen das Heidegebiet im Mittelalter gehörte. „Bauern aus Wittenau mussten in der Jungfernheide Brennholz hacken für die Damen, damit sie es im Kloster schön warm hatten“, erzählt Joachim Krüger. Gefolgt von rund 30 Zuhörern führt der 63-Jährige an diesem windigen Freitag durch den Park. Krüger, der sonst für die CDU im Abgeordnetenhaus sitzt, schlüpft aus einem ganz besonderen Grund in die Rolle des begeisterten Lokalhistorikers: Heute, am 27. Mai, wird die alte Jungfer 90 Jahre alt.

Der Volkspark Jungfernheide wird 90
Ein Park mit Geschichte: Der Volkspark Jungfernheide wird an diesem Montag 90 Jahre alt. Einst gab es Finanzierungssorgen, Fontanes Held entschloss sich hier zur Trennung. Und woher kommt eigentlich der Name? Ein Rundgang in Bildern.Alle Bilder anzeigen
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26.05.2013 16:18Ein Park mit Geschichte: Der Volkspark Jungfernheide wird an diesem Montag 90 Jahre alt. Einst gab es Finanzierungssorgen,...

Viel erlebt hat sie, schon bevor sie zum Park wurde. Als königliches Forstrevier ließ sie sich bejagen, dann als Exerzierplatz unter Friedrich II. beschießen. Von Theodor Fonatane ließ sie sich sogar als Ort des Schlussmachens literarisch stilisieren: In „Irrungen, Wirrungen“ fasst Botho von Rienäcker auf ihren Waldpfaden den Entschluss, seine Lene zu verlassen.

Krüger lässt all das – auf Geheiß des Heimatvereins Charlottenburg – wieder aufleben, fast brüllend angesichts des unangenehmen Maiwindes, der unbeeindruckt durch die lange Allee vor dem Wasserturm rauscht. Schon imaginiert der Zuhörer, wie der gleiche Wind auch durch die 20er-Jahre-Fransenkleider der allerersten Besucherinnen gestrichen sein mag, damals am 27. Mai 1923. Man überlegt, wie viele hundert Scheine Inflationsgeld die Besucher des Parkcafés für einen Kaffee hingeblättert haben mögen.

Kein einfacher Weg sei es bis zu jenem Eröffnungstag gewesen, sagt Joachim Krüger. „Wie der BER hatte auch das Großprojekt Volkspark Jungfernheide so seine Anlaufschwierigkeiten.“ Schon 1904 hatte die Stadt Charlottenburg das Landstück vom Staat Preußen gekauft, um daraus einen modernen Park zu machen, doch „erst kam der Erste Weltkrieg dazwischen, dann wurde Charlottenburg 1920 ein Teil Groß-Berlins!“ – und aus Geldnot sperrte die blutjunge Großstadt erst einmal den Parketat von zehn Millionen Mark.

Aber schon damals war Berlin nicht nur Hauptstadt der Finanzprobleme, sondern auch die der kreativen Lösungsansätze. „Dass der Park dann doch gebaut wurde, war eine Maßnahme gegen die Arbeitslosigkeit“, sagt Krüger. Hundert Erwerbslose ließ man drei Jahre lang ackern. Nach Plänen des Gartenbaudirektors Erwin Barth präsentieren sich seitdem die weitläufigen Spielwiesen, später kamen die Freilichtbühne, der Wasserturm und das Wildgehege hinzu.

„Kein Schwein mehr drin“, sagt Krüger jedoch, als die Gruppe am Wildgehege vorbeigeht, in dem nichts mehr grunzt. „Aber keine Sorge, das Bezirksamt hat sie nicht verspeist.“ Die Wildschweine sind zusammen mit den Weißhirschen und Rehen schon im November 2012 nach Brandenburg umgezogen, wo sie besser versorgt werden können. Auch die morsche Gustav-Böß-Freilichtbühne wird nicht mehr genutzt, Gräser und Brennesseln überwuchern sie. Eine halbe Million Euro, schätzt Krüger, wäre nötig, um die Bühne wieder fit zu machen, „dazu müsste man einen Investor finden.“

Trotz des Verfalls der Bühne sind die kulturellen Angebote in der Jungfernheide aber noch immer zahlreich. Seit 1956 können Kinder beim Programm „Kinder in Licht, Luft und Sonne“ die Ferien in einem Hüttendorf im Park verbringen. In einem Hochseilgarten schwingen sich Besucher seit 2010 von Baum zu Baum. Parkplaner Erwin Barth, ein Vertreter der Volksparkbewegung, hätten diese Angebote sicher gefallen: Von Anfang an sollte nach seinem Wunsch in der Jungfernheide nicht gesittet flaniert, sondern wild herumgetollt werden.


Joachim Krüger wiederholt seinen geschichtlichen Rundgang durch die Jungfernheide für Tagesspiegel-Leser am Freitag, 12. Juli, um 16 Uhr. Treffpunkt ist der Parkeingang Kurt-Schumacher-Damm, Ecke Heckerdamm, Charlottenburg.

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